Åsne Seierstad – Einer von uns: Die Geschichte eines Massenmörders (Buch)

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Ursprünglich sollte hinter dem Titel ein Fragezeichen stehen. Doch Åsne Seierstad hat darauf verzichtet. Zu recht. Denn Anders Breivik ist „einer von uns“, allein weil er der menschlichen Gattung angehört. Einer Spezies, die wie keine zweite anscheinend darauf angelegt ist, immer und immer wieder ihre hässlichste Fratze zeigen zu müssen. Nicht alle werden zu Massenmördern, oder wenn dann nur im Geiste wie jene empathielosen Figuren, die syrischen Flüchtlingen den Tod im Mittelmeer wünschen, während sie selbst in eine warme Decke gehüllt, ihr eigenes erbärmliches Leben betrauern.

Anders Breivik ist einen entscheidenden Schritt weiter gegangen, er hat seine Fantasien umgesetzt, hat siebenundsiebzig Menschen getötet und viele weitere schwer verletzt und traumatisiert. Weil ihm die norwegische Offenheit nicht gefiel, weil er den Islam ablehnte, „Multikulturalismus“ und „Marxistenkinder“. Aus einem dumpfen Gefühl der Bedrohung heraus, erschoss er neunundsechzig Jugendliche auf der Insel Utoya während eines Sommercamps der AUF (die Jugendorganisation der Arbeiterpartei – Arbeidernes Ungdomsfylking). Unbewaffnete, wehrlose, verängstigte Kinder, die sich teilweise hilfesuchend an ihn wandten, weil er eine Polizeiuniform trug. Ein tödlicher Fehler.

Als nach zahlreichen Pannen die Polizei auf der Insel eintraf, ergab sich Breivik widerstandslos. Er hätte schon früher aufgegeben, doch war niemand da, der seine Kapitulation entgegennahm. So mordete er weiter.
Åsne Seierstad versucht in ihrem Buch „Einer von uns“, Anders Behring Breiviks Lebensweg bis zu jener Tat und dem darauf folgenden Prozess, nachzuzeichnen und schildert, quasi als Pendant, die Kurzbiographien einer Handvoll von Breiviks Opfern. Allesamt junge, begabte, politisch interessierte Menschen, leuchtende Gegenentwürfe zum einsam brütenden Massenmörder, der sich in seinem eigenen Gedankengespinst todbringend verhedderte. Besonders nahe geht das Schicksal des kurdischen Mädchens Bano, die mitten im Krieg aufwuchs, bis ihre Familie in eine vermeintlich bessere Zukunft nach Norwegen floh. Ihr Leben endet mit drei Kopfschüssen auf dem „Pfad der Verliebten“.

Das ist parteiisch geschrieben, natürlich, aber man kann es Seierstad kaum verübeln (im Gegenteil), Position zu beziehen, dass sie sich bedingungslos auf die Seite der Hoffnung und Lebensfreude stellt, um sie gegen den Ungeist der Zerstörung abzugrenzen. Dadurch liest sich „Einer von uns“ peripher wie ein schwer zu ertragender Thriller mit erwartungsgemäßem Ausgang. Åsne Seierstad hätte ihren Leser*innen mehr zutrauen sollen. Wer sich mit der Thematik so intensiv beschäftigt, dass er ein mehr als fünfhundertseitiges Buch liest, benötigt keine aufputschenden Gefühlsinjektionen. Fatal wird es dann, wenn die Autorin versucht, sich in Todgeweihte hineinzuversetzen, um die Qual ihrer letzten Lebensmomente zu betonen.

Augenzeugenberichte, selbst unter Schock entstanden, haben ihre eigene Wahrheit, doch Innenansichten von Verstorbenen lassen die dramaturgische Wirkung wichtiger erscheinen eine, eh schon situativ verfärbte, Darstellung der Faktenlage.

Was zu einem weiteren Schwachpunkt des Buchs führt. Seierstad erzählt akribisch Anders Behring Breiviks Lebensgeschichte nach, beschreibt das Versagen seines leiblichen Vaters, der den Kontakt früh fast komplett abbricht, erzählt vom Leben mit einer psychisch labilen Mutter, die einer unsicheren Persönlichkeit wie Breivik nicht den nötigen Halt verleihen kann. Anders selbst bleibt unscheinbar. Klar wird nur, er möchte unbedingt irgendwo dazugehören, zu einer Clique, einer Gruppe, der Fortschrittspartei (die Fremskrittspartiet, kurz FrP, hat mit Fortschritt etwa so viel am Hut wie die NSDAP mit freiheitlichem Sozialismus), den Freimaurern. Er möchte jemand sein. Seierstad reduziert das auf den flockigen Gegensatz von „King“ und „Toy“, der auf der Zeit Anders Breiviks als Tagger mit dem Alias „Morg“ basiert. Die angesagten Graffitikünstler sind die Kings, ihre nacheifernden Adepten die Toys. Breivik wird als jemand beschrieben, der Zeit seines Lebens ein Toy war, das vorgab ein King zu sein.

Seierstad schildert Breivik als instabilen Außenseiter. Der trotzdem Freunde und Bekannte hat, die sich sogar noch um ihn bemühen, als er bereits an seiner Bombe bastelt. Breivik führt ein unspektakuläres Leben, dessen Auffälligkeiten so marginal sind, dass sie kaum über den eigenen, beschränkten Lebensbereich hinausweisen. Zwar steht die Kleinfamilie in frühen Jahren unter Beobachtung des Jugendamts und Anders ist in psychiatrischer Behandlung, von Psychologenseite aus wird sogar empfohlen für ihn eine Pflegefamilie zu suchen, doch das Jugendamt als entscheidende Institution lehnt dieses Ansinnen ab, da sich eine Normalisierung der familiären Verhältnisse scheinbar abzeichnet.

Als junger Erwachsener zeigt sich Anders Breivik als Geschäftsmann erfolgreich, wenn auch mit der halbseidenen Praxis, falsche Titel zu verkaufen. Ein einträgliches Geschäft, das Breivik aufgibt, aus Angst, deswegen belangt zu werden. Selbst sein – lange Zeit – sehnlicher Wunsch, bei den Freimaurern aufgenommen zu werden, wird erfüllt. Doch als es soweit ist, verliert es an Bedeutung. Da lebt Breivik wieder bei seiner Mutter und verbringt seine Tage und Nächte damit, „World Of Warcraft“ zu spielen.

Die Autorin ist zu klug, um die jahrelange Fixierung Breiviks auf Computerspiele, explizit „WoW“, als einen entscheidenden Faktor für Breiviks Anschlag zu benennen. Die Deutung bleibt trotzdem als mögliche im Raum stehen, weil Seierstad ein Problem hat (hier wie an anderer Stelle): Sie ist für das, was in Breiviks einsamen Stunden vorgeht, während er allein in seinem „Furzzimmer“ vor dem Computer hockt, auf seine eigenen Erklärungen angewiesen. Ein Fakt, auf den sie im Nachwort dezidiert und erläuternd eingeht.

Es bleibt einige in jeden entscheidenden Jahren (oder einem entscheidenden Jahr?) im Dunkel. Welche letzten Beweggründe aus einem versponnen Eigenbrötler voller Fremdenhass einen aktiven Massenmörder werden lassen, bleibt offen. Muss offen bleiben. Wie genau das Zusammenspiel über die frustrierenden und vergeblichen Bemühungen, in der Fremskrittspartiet Karriere zu machen, die Nichtbeachtung durch lautstark hetzende Gesinnungsgenossen (wie den Agitator Fjordman) oder die ständige virtuelle Berieselung mittels PC funktionierte, bleibt Mutmaßung. Trotz vieler Aussagen Breiviks und Ordner voller Gutachten.

So ist „Einer von uns“ als Psychogramm eines derangierten Geistes, trotz des gelegentlich arg pathetischen Stils, gelungen, taugt aber im biographischen Teil wenig zur gesellschaftskritischen Analyse. Dazu ist Anders Behring Breivik eine viel zu beliebige, belanglose und egozentrierte Figur. Selbst sein voluminöses Manifest ist in weiten Teilen ein zusammengestoppeltes Plagiat und im letzten Drittel eine weinerliche Nabelschau voller Hass auf freiheitliches Denken und Andersartige sowie ein Liebäugeln mit überalterten Konventionen.

Dazu passt auch, dass Breivik sich zum Kommandanten der „antikommunistischen Widerstandsbewegung“ erklärt und eine schmucke Uniform schneidert. „Andrew Berwick, Justiciar Knight Commander“ ist aber das einzige Mitglied dieser Terrororganisation. Auch wenn er nach den Anschlägen vorgaukelt, dass ein gut organisiertes Netzwerk weitere Attacken auf den norwegischen ‚Multikulti‘-Staat plant. Nichts weiter wird passieren, der narzisstische, sich selbst überschätzende und reuelose Egomane Breivik taugt nicht einmal als Märtyrer für die Rechtsausleger in Norwegen und anderswo. Ein paar Mail- und Briefwechsel zu Beginn seiner Haft, danach Isolation. Auch für die im Gefängnis begonnenen „The Breivik Diaries“ wird es keine Abnehmer geben.

Seierstad tut gut daran, vielen der Opfer Raum und Porträts einzuräumen. In ihrer empathischen Schilderung des kurzen Werdegangs und seines Endes (in vielen Fällen) gibt sie Simon, Bano, Lara, Viljar, Anders, und ihren Eltern jene Bedeutung, die ihnen Breivik nicht zugesteht. Deshalb sind die weiter oben genannten Einschränkungen an diesen Stellen verzeihlich.

An anderen Stellen gewinnt „Einer von uns“ an Bedeutung. Insbesondere, wenn Seierstad Ermittlungsbehörden und politisch Verantwortliche ins Visier nimmt. So gestalten sich die Aktionen der norwegischen Einsatzkräfte nach dem Bombenanschlag im Regierungsviertel als eine fast willkürliche Anreihung von Pleiten, Pech und Pannen. Das beginnt mit dem Hinweis eines Augenzeugen auf Breiviks Fluchtfahrzeug, beinhaltet mangelhafte und unvollständige Kommunikation, berichtet von Missverständnissen, mangelnden Ortskenntnissen, einer schludrigen Logistik und lässt nicht einmal persönliche Feigheit aus. Hier wird das Laissez faire, die eigentlich schätzenswerte Gelassenheit im Umgang mit Krisensituationen, zu einem Faktor, der Menschenleben kostet.

Die Krönung der tragischen Absurditäten: Als Breivik sich die ersten beiden Male den Behörden ergeben will, ist niemand in der Lage seine Anrufe einzuordnen und durch kommunikatives Geschick den Amoklauf zu beenden. Also mordet er weiter. Über ein Dutzend Kinder, bis er sich endlich ergeben kann. Das besitzt bisweilen fast slapstickhafte Züge, doch jedes Lachen gefriert im Angesicht der Opfer.

Hier schreibt Åsne Seierstad klar und fokussiert, gibt weder Opfer noch Behörden, Politiker, selbst Breivik nicht der möglichen Lächerlichkeit preis. Eine Gratwanderung, die die Autorin beherrscht. Auch am Verhalten einzelner Politiker nach der Tat lässt sie kein gutes Haar, nennt Namen und Parteien, und prangert vor allem den gefühllosen, ungeschickten Umgang mit den Hinterbliebenen, Monate nach Prozessende, an. Eine klare Absage an das „aus dem Auge aus dem Sinn“ wie es mancher Politiker gerne hätte und propagiert.

Dabei differenziert die Autorin, stellt nicht alle Politikschaffenden global an den Pranger. Besonders Ministerpräsident Jens Stoltenberg kommt gut weg, insbesondere mit seiner viel kolportierten Rede, in der die beherzenswerten Sätze fallen, die man allen Hasspredigern verpflichtend zum Gebet angedeihen lassen müsste: „Wir sind ein kleines Land, aber wir sind ein stolzes Volk. Wir sind noch immer erschüttert von dem, was uns getroffen hat, aber wir werden niemals unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort lautet noch mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber niemals Naivität.“

Anlässlich eines Interviews mit Åsne Seierstad wählte die Berner Zeitung die Überschrift: «Breivik mochte mein Buch über ihn nicht». Das ist auch gut so. Denn Anders Behring Breivik wird als ein durchschnittlicher Geist gezeichnet, der hinter all der Sehnsucht nach Größe, Macht und eitler Selbstbespiegelung wohnt. Ein „besorgter Wutbürger“ wie es viel zu viele gibt, mit Unebenheiten und Schicksalsschlägen im Lebenslauf, die zwar traurig, aber nicht extraordinär sind.

„Einer von uns“ ist fast zwangsläufig ein zwiespältiges Unterfangen. Gelungen als Erinnerung an die zufälligen Opfer eines terroristischen Akts (ich folge dem letztlichen Urteilsspruch, der Breivik Zurechnungsfähigkeit bescheinigte. Die diversen psychologischen Gutachter waren sich höchst uneins). Als Inneneinsicht in das Wesen des Terrors taugt das umfangreiche Buch wenig. Wofür die Autorin nicht einmal etwas kann. Die Person im Mittelpunkt gibt kaum etwas her, das über einen ausführlichen Artikel in einer x-beliebigen Zeitung hinausreicht.

Letztlich ist „Einer von uns“ eine erschreckende und durchaus achtbare Bestandsaufnahme. Die Tragödie einer lächerlichen Person, die 77 Menschen das Leben und vielen weiteren körperliche und geistige Gesundheit genommen hat. Es hätten weit weniger sein können, wenn die Ermittlungsbehörden effizienter gearbeitet hätten.

Anders Behring Breivik ist „Einer von uns“. Beziehungsweise war es. Denn an einem Punkt seines Lebens (oder mehreren) katapultiert er sich hinaus in eine leere Spiegelwelt, in der er nur sich selbst wahrnimmt. „Any man’s death diminishes me because I am involved in mankind“, schrieb John Donne. Anders Behring Breivik hat sich ausgeklinkt. Deshalb kümmert ihn keiner der Tode, die er verursacht, keiner der Ermordeten, meist weit unter Zwanzig, interessiert ihn. Und so gelingt es Anders Breivik gleichzeitig einer von uns zu sein und keiner davon. Wenn man davon ausgeht, dass mit „von uns“ jene Schnittmenge gemeint ist, in der Menschenleben eine Bedeutung haben, unabhängig von Herkunft, Alter, Geschlecht, Glaube, sexueller Ausrichtung, und was Menschsein sonst noch ausmacht. In der jeder Tötungsakt, der einen Einzelnen betrifft, ein Mord an der gesamten Menschheit ist.

Cover © Kein & Aber

  • Autor: Åsne Seierstad
  • Titel: Einer von uns – Die Geschichte eines Massenmörders
  • Originaltitel: En av oss
  • Übersetzer: Frank Zuber & Nora Pröfrock
  • Verlag: Kein & Aber
  • Erschienen: 28.04.2016
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 544
  • ISBN: 978-3-0369-5740-1
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 10/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
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