Juan Moreno – Glück ist kein Ort (Buch)

Packende Reiseberichte über ungewöhnliche Gegenden und einmalige Ereignisse

Glück ist kein Ort
© Rowohlt Berlin

Juan Moreno, „Journalist des Jahres 2019“, ist spätestens seit der Aufklärung im „Fall Relotius“, einem der größten Skandale des deutschen Nachkriegsjournalismus und dies ausgerechnet beim „Spiegel“, der sich seiner „Dokumentation“ rühmt, kein Unbekannter mehr. „Tausend Zeilen Lügen“, in dem es um jenen Skandal beim „Spiegel“ geht, war ein Bestseller; spannender als viele Kriminalromane. Auch sein neues Buch „Glück ist kein Ort. Geschichten von unterwegs“ ist ein herausragendes Leseereignis, denn Juan Moreno erzählt hier nicht über Urlaubsreisen, gebucht im Reisebüro nebenan, sondern von Reisen (nicht Urlaub), die normale Menschen niemals antreten würden. Gut, den Jakobsweg mal ausgenommen.

17 Reportagen, zwei davon erstveröffentlicht, der Rest ab 2005 in verschiedenen Zeitschriften, führen an teils unwirklich anmutende, oft gefährliche Orte. So zum Beispiel eine Reise zum Darién Gap, den man auf einer Länge von 70 Kilometern durchwandern kann, um von Panama nach Kolumbien zu gelangen.

Als Tourist durch den Darién zu spazieren, das geht für uns als Selbstmordversuch durch.

Der Gap bietet eine einmalige Natur- und Tierlandschaft, aber eben auch linke Farc-Guerilleros, rechte Paramilitärs und große Drogenkartelle. Eine weitere Reportage über Kolumbien führt den Autor 2019 nach Kolumbien, wo er sich mit Danilo Alvizu trifft, einem Krieger der Farc, der den mühsam errungenen Friedensvertrag aus dem Jahr 2013 wieder aufheben will. Der Bürgerkrieg ist zurück.

Weniger gefährliche Touren gibt es, wenngleich die 4.000 Kilometer lange Fahrt von Satu More (Rumänien) nach Portimao (Portugal) – sie dauert ungefähr 50 Stunden, in denen der Fahrer nur drei davon schlafen wird – nicht ohne ist. Für nicht wenige Rumänien dennoch ein verheißungsvoller Auftakt in ein besseres Leben.

Am 10. Februar 2013 fand der große Badetag der Maha Kumbh Mela statt, das größte Pilgerfest aller Zeiten. Rund dreißig Millionen Hindus wollten an der Landzunge, wo Yamuna und Ganges zusammentreffen, in den Flüssen ihre Sünden reinwaschen. Ein Ereignis, welches nur alle 144 Jahre besonders viel verspricht.

Talic dreht sich nach hinten: „Wer von Euch hat Palinka dabei?“ Palinka heißt der selbstgebrannte Obstler. Jeder weiß, dass es verboten ist, ihn mitzuführen. Alle heben den Arm.

Nicht gefährlich, aber durchaus anstrengend ist eine Zugfahrt von Moskau nach Wladiwostock. Zwei Kontinente und acht Zeitzonen werden gemeistert, dazu 189 Bahnhöfe erreicht. 150 Stunden Fahrtzeit, fast eine Woche, für rund 9.300 Kilometer. Nahezu wahnwitzig auch der einwöchige Besuch in dem kleinen Dorf Oimjakow, dem kältesten dauerhaft bewohnten Ort der Erde. 71,2 Grad minus lautet der Rekord, die jährliche Durchschnittstemperatur liegt bei 16 Grad minus. Moreno war im Januar vor Ort. Minus 41 Grad.

Moreno war dabei als in Thailand eine Fußballmannschaft in einer Höhle eingeschlossen war und der Torero Julio Aparicio, dessen Bild jeder kennt, ein Comeback versuchte. Am 21. Mai 2010 begann Aparicio einen großen Fehler, worauf ihm der Stier sein Horn unter das Kinn rammte, welches durch seine Mund wieder herauskam. Ein spektakuläres Foto ging um die Welt. Unvergessen. Und dann war da noch der Besuch am Berliner Kotti, dem Kottbuser Tor, wo er nach der legendären Erdogan-Beleidigung durch Böhmermann versuchte, Türken und Kurden eine Reaktion zu entlocken. Selbstredend setzt er sich auch mit der Situation in seinem Geburtsland Spanien auseinander, das nach der Wirtschaftskrise 2008 einen unfassbaren Absturz hinlegte.  

Und wieder wird am Kotti gefragt, „na, Yusuf, vögelst schon gern, aber Kopfrechnen schwierig, wa? Sag jetzt nicht ich, sagt Sarrazin, viel wichtiger aber, was sagst du dazu?“ Was soll er denn sagen, der Yusuf? […] Nie kommt einer mit ’nem Mikro an und sagt, „Alter, Yusuf, haste gehört? Feridun Zaimoglu hat den Bachmann-Preis gewonnen. Schon geil, wa?“

Alle Geschichten sind lesenswert, was allein Moreno von der Welt gesehen und dabei erlebt hat faszinierend. Man möchte sich sofort auf den Weg machen, obwohl an die meisten der vorgestellten Orte dann wohl lieber doch nicht. Juan Moreno schreibt kraftvoll und ausdruckstark, voller Empathie und mitreißend. Er hört seinen Gesprächspartnern zu, wägt Inhalte ab. Unvoreingenommen. Ein wohlwollender Kontrast zu den Talkshows unserer Zeit, von den (a)sozialen Medien ganz zu schweigen. Wie selbstverständlich werden wichtige Fragen des Lebens aufgegriffen. Was ist Zeit, was Glück und was Heimat? Nach der kurzweiligen, oft amüsant-lakonischen Lektüre geht das Kopfkino weiter. Viele Themen und Fragestellungen werden einen noch eine gewisse Zeit beschäftigen und der Blick auf die Welt wird – jedenfalls ein ganz klein wenig – ein anderer sein. Hut ab!

  • Autor: Juan Moreno
  • Titel: Glück ist kein Ort
  • Verlag: Rowohlt Berlin
  • Umfang: 304 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Oktober 2021
  • ISBN: 978-3-7371-0131-8
  • Produktseite  


Wertung: 13/15 dpt


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