James Carlos Blake – Pistolero (Buch)

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James-Carlos_Blake_PistoleroJames Carlos Blakes „Das Böse im Blut“ war einer der beeindruckendsten Romane des Jahres 2013.   Ein finsteres, brutales, furioses  Werk, sprachgewaltig und hochspannend. Familien- und Reiseroman, politischer Western, Country Noir, eine so kritische wie poetische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Gewalt als gesellschaftsdurchdringendem Konstitut.

Das Buch erschien im Original 1997 und war Blakes dritte Veröffentlichung. Zwei Jahre zuvor kam das Debüt des spätberufenen Autors (Jahrgang 1947) auf den Markt, welches jetzt vom Liebeskind-Verlag unter dem Titel „Pistolero“ in der gelungenen Übersetzung  Peter Torbergs  veröffentlicht wird.

„The Pistoleer“ ist die Lebensgeschichte des legendären Outlaws John Wesley Hardin.  Erzählt von 49 Weggefährt(inn)en. Freunde, Familie, Cowboys, Richter, Huren, Verbrecher, Gesetzeshüter und was sonst so kreucht und fleucht – sie alle bekommen eine Stimme, um zu berichten, was sie mit Hardin verbinden, beziehungsweise verbindet. Anderthalb bis sechzehn Seiten dauern die Schilderungen und liefern ein facettenreiches Bild, nicht nur des ‚Revolverhelden‘  Hardin, sondern auch der Zeit- und Lebensumstände aller Protagonisten.

Obwohl die historischen Eckdaten einer Überprüfung standhalten, ist „Pistolero“ keine akribische Biographie sondern eine grandiose Inszenierung, ein Spiel mit Erzählperspektiven, das nie zum Selbstläufer wird. Der zentrale Charakter und die Begebnisse um ihn  herum bilden das Herzstück des Romans.  Da die Fans, Freunde und Groupies in der Überzahl sind, hat das ganze Unterfangen auf den ersten, oberflächlichen Blick den Anschein, ein Starportrait zu sein und den Legendenstatus des rebellischen Outlaws und vom Glück gesegneten Spielers und Liebhabers zu befeuern. Doch ist der Autor viel zu klug, eine derart simplifizierte Lesart als alleinig seligmachende zuzulassen.

Die mental oft eher simpel gestrickten Wegbegleiter geben auch den Blick frei auf Hardins Untiefen. So wird er mit Liebe, Zuneigung, Respekt geschildert, doch unter der Oberfläche lauern Hilflosigkeit, Angst und Unbehagen. So gelingt es John Wesley Hardin selten, die Schwachstellen des eigenen Egos auszublenden und in etwas Besseres zu transformieren. Der vermeintliche Held wird zwar zum leuchtenden Spiegel derjenigen, die ihn betrachten, verweigert aber selbst – mit wenigen Ausnahmen – den Ausstieg aus einem Leben in dem auf jede feindlich gedeutete Aktion eine gewalttätige Reaktion folgt.  Fast beiläufig ist „Pistolero“ daneben eine Studie über die Unsicherheit des Erzählens (und des Erzählers). Die im letzten Kapitel kulminiert, in dem Samuel Peckinpah seine Sicht der tödliche Schüsse auf Hardin mehr interpretiert als wiedergibt.

John Wesley Hardin war fünfundzwanzig Jahre alt, als man ihn verhaftete und zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilte, die sich dank mehrerer Ausbruchsversuche weiter nach hinten verschob.   Zu diesem Zeitpunkt hatte er zwischen siebenundzwanzig und zweiundvierzig Menschen erschossen. Er und seine Freunde sind davon überzeugt, dass er nie der erste Schütze war.  Verurteilt wird er wegen eines einzigen Schusswechsels, bei dem ein Gesetzeshüter starb. Mexikaner und Indianer zählen eh nicht.  Gerade die justiziable Schießerei war offensichtlich provoziert und Notwehr von Hardins Seite aus. Das Justizsystem versagt nicht nur hier auf ganzer Linie.

Was macht eine faire Justiz aus, welche Bemühungen unternimmt ein Staat Gesetze zu legitimieren, einzuführen und durchzusetzen? Relativ wenige und mitunter sehr obskure Maßnahmen (die Etablierung der „State Police“, die zu einem Gutteil selbst aus Kriminellen bestand) sind es, die ergriffen werden, so das ernüchternde Fazit. Recht und Gerechtigkeit liegen im Auge des Betrachters, die amtlich eingesetzte Justiz vertritt Macht- und nicht Staatsinteressen, wenn der Mob regiert, ist es mit der Zivilisation vorbei.  Oder anders gesagt: Der wütende Lynchmob ist das logische Ergebnis einer Gesellschaft,  die auf praktizierter Gewalt aufgebaut ist.

Niemand, weder Bewunderer, Gegner noch Hardin selbst, stellt in Frage, dass Töten ein Mittel der Konfliktlösung ist. Gestritten wird nur über die Graduierung (unter anderem den „Wert“ der Opfer betreffend) und Beurteilung der jeweiligen Erschießungen. Hardins Freunde (und er selbst natürlich) halten jeden tödlichen Schusswechsel für gerechtfertigt, schlimmstenfalls hat der Pistolero ein wenig über die Stränge geschlagen. Aber nichts, was man nicht mit einem erhobenen Zeigefinger und einer freundlichen Entschuldigung bei möglichen Hinterbliebenen bereinigen könnte.

Blake begeht nicht den Fehler, seinen Helden als tumben, gewaltbereiten Toren abzukanzeln, Hardin ist ein relativ reflektierter und durchaus kluger  Jugendlicher und später Mann, der einfach nur anwendet, was er gelernt hat, und was seine Fähigkeiten erlauben. Das gilt für’s Schießen, Kartenspiel, Frauen becircen und Lernen.

Während seines fünfzehnjährigen Gefängnisaufenthalts erweitert Hardin seine Blickwinkel auf die Welt ein ums andere Mal. Er wird Anwalt und beginnt seine Autobiographie zu schreiben. Doch seinem alten Leben und der verlorenen Zeit kann er nicht entkommen. Knappe zwei Jahre bleiben ihm in Freiheit, dann wird er Opfer seines Stolzes und seiner Eitelkeit. Sein Mörder John Selman Sr. wird als der Mann gefeiert, der John Wesley Hardin erschoss. Er wird sein Opfer kaum ein Dreivierteljahr überleben. Natürlich stirbt Selman an Schussverletzungen. Zugefügt von einem Marshall, der behauptet in Selbstverteidigung gehandelt zu haben.  Bei John Selman wird keine Waffe gefunden, die eine derartige Reaktion provoziert  haben könnte. „Geklaut“, meint Marshall  Scarborough. Immerhin war man im mexikanischen Grenzbereich unterwegs. Da passiert so was. Er kommt damit durch. Gewisse Kreise werden anscheinend nie durchbrochen.

„Pistolero“ besitzt nicht die grimmige Entschlossenheit und fast apokalyptische Kulisse des später geschriebenen „Das Böse im Blut“. Aber es zeigt einen kraftvollen Erzähler, dessen Roman weit mehr ist als die bloße Biographie eines populären Revolverhelden. Jedes Kapitel hat seinen eigenen Reiz, eigene Fokussierungen, die über den Gegenstand der eigentlichen Betrachtung hinausgehen. Sie verraten viel über die Erzählenden, ihre Ängste, Sehnsüchte und Lebensweisheiten. Und über die aufrührende Zeit nach dem Sezessionskrieg bis hin zum Aufbruch ins Industriezeitalter.  

Blake beherrscht es, seinen Roman als geschlossenes Ganzes zu präsentieren, das es trotzdem erlaubt, nahezu jedes Kapitel als eigenständige Short Story zu lesen. Mit offenem Ende. Bis Sam Peckinpah die Erzählbühne betritt. Und wer dürfte besser geeignet sein, als jener Träger eines berühmten Namens, die Geschichte des legendären Outlaws John Wesley Hardin bis übers Finale hinaus zu begleiten?   

Für Einsteiger in die literarische Welt eines großartigen Autors empfiehlt es sich geradezu, mit „Pistolero“ den ersten blutigen Tanz zu wagen. Es lohnt sich und führt nahezu unweigerlich zur weiteren Lektüre, der – hoffentlich in absehbarer Zeit komplett (gerne vom vorzüglichen Peter Torberg) übersetzten – Bibliographie James Carlos Blakes. 

Cover © Liebeskind Verlag

  • Autor: James Carlos Blake
  • Titel: Pistolero
  • Originaltitel: The Pistoleer
  • Übersetzer: Peter Torberg
  • Verlag: Liebeskind
  • Erschienen: 24.08.2015
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 431
  • ISBN: 978-3-95438-051-0
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
    Leseprobe

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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