In der Einsamkeit lauert der Tod

Rauer Himmel
© Polar

Gustave „Gus“ Targot lebt von der Außenwelt isoliert in den Cevennen. Das abgelegene Les Doges besteht aus zwei Höfen, bei Gus leben sein Hund Mars sowie siebzehn Aubrac-Rinder und acht Kälber in strenger Einsamkeit. Der andere, etwas entfernt liegende Hof gehört dem rund zwanzig Jahre älteren Abel. Dieser ist nicht sein Freund, gleichwohl sein einziger Gesprächspartner. Man hilft sich bei der schweren Arbeit und trinkt gelegentlich ein Glas Wein zusammen.

Man geht nicht in die Häuser anderer Leute, wenn man nicht eingeladen ist.“ „Ich werde es mir merken.“ „Das wäre gut für unsere künftigen Beziehungen.

Es ist Anfang 2006. Gus will eine Drossel schießen, doch kurz bevor es zum vermeintlichen Abschuss kommt, hört er einen Schuss von Abels Hof. Es folgen Schreie, zwei weitere Schüsse fallen. Gus will nachsehen was passiert ist, findet eine große Blutlache im Schnee und rennt erschrocken nach Hause. Am nächsten Tag will er sich bei Abel erkundigen was vorgefallen ist, was diesen offensichtlich verärgert. Einen Tag später besucht Abel Gus und erklärt, dass er einen Fuchs erschießen wollte, der sich seinem Hühnerstall genähert hat und dabei versehentlich seinen eigenen Hund traf.

Fortan gehen die beiden Männer wieder ihrer eigenen Wege, treffen sich gelegentlich zum Wein und Plaudern. Gus wird aus dem Verhalten von Abel nicht schlau, was umgekehrt ebenfalls gilt. Ein gewisses Unbehagen schleicht sich ein, kleinere Vorfälle geschehen und drohen den archaischen Alltag von Gus zu stören. Als eines Tages Gus seinen geliebten Mars tot im Stall vorfindet, will er Abel zur Rede stellen. Mit katastrophalen Folgen.

Ein ebenso ruhiger wie feiner Country Noir

„Rauer Himmel“ erschien unter dem Titel „Grossir le ciel“ bereits 2014 und wurde mehrfach ausgezeichnet. Es ist ein von Beginn an packender, literarisch durchaus anspruchsvoller Roman, der sich außerhalb der üblichen Grenzen des Kriminalromans bewegt. Viel zur Handlung kann man kaum schreiben, denn es passiert recht wenig. Der karge und harte Arbeitsalltag, die nicht immer entspannte Freundschaft zwischen Gus und Abel sowie die Landschaft der Cevennen dominieren die Handlung. Dabei ist das Hauptmittel des Autors die Sparsamkeit. Die teils giftigen Dialoge sind herrlich, wobei interessant ist, was nicht gesagt wird. Oftmals verbleibt es im Ungefähren, man muss sich seinen Teil denken.

Literarisches Denkmal an die Landwirtschaft und ein dunkles Familiengeheimnis

Im Nachwort von Alf Mayer weist dieser darauf hin, dass bis weit ins letzte Jahrhundert rund zwei Drittel der Franzosen von der Landarbeit lebten. Heute sind es noch zwei Prozent. Gus und Abel benötigen kaum etwas, leben von dem, was ihre Arbeit hergibt und somit erscheint der Roman auch wie eine literarische Verneigung vor den Bauern. Einmal die Woche fährt Gus in das Dorf Pont-de-Montvert; Dienstag ist sein Einkaufstag. Spärlich selbst hier die Gespräche mit anderen Menschen, die Gus, der äußerlich einem Obdachlosen nicht unähnlich sieht, auch nie vermisst. Wer ihn dennoch anspricht, muss mit harten Antworten rechnen; so unter anderen ein Banker und ein Evangelist.

Ich finde, du denkst ein bisschen zu viel nach in letzter Zeit, du tust dir damit keinen Gefallen.

Während die Handlung gemächlich mäandert, läuft im Kopf des Lesers ein wunderbarer Film ab, denn das Abel lediglich seinen Hund erschossen hat, kann ja nicht alles gewesen sein. Wie sich die weitere Geschichte entwickelt, völlig unaufgeregt und dennoch konsequent auf eine ungeahnte Katastrophe zutreibend, ist großes Kino. Ja, zwischendurch mag es dem einen oder anderen Leser zu langsam gehen, doch erscheinen diese Sequenzen nur als Pausen zur Vorbereitung des fulminanten Showdowns. Hier wird ein altes Familiengeheimnis gelüftet, was auch mit Gus‘ Eltern zu tun hat.

Er war völlig allein, und das fand er schon genug der Bürde.

Seine Mutter ermordete den Vater, erhängte sich umgehend nach verbüßter Haftstrafe. Gus‘ Kinder- und Jugendzeit war hart, die Eltern waren ihm verhasst. Die Aufklärung über die Ursachen der damaligen Ereignisse und deren Konsequenzen für die Gegenwart sind vielfältig. Eines darf vorab gespoilert werden: Es wird Tote geben!

  • Autor: Franck Bouysse
  • Titel: Rauer Himmel
  • Originaltitel: Grossir le ciel (2014). Aus dem Französischen von Christiane Kayser
  • Verlag: Polar
  • Umfang: 191 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: September 2021
  • ISBN: 978-3-948392-38-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 13/15 dpt


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