James Christen Steward (Hrsg.) – Michael Kenna: Rouge (Buch)

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James Christen Steward (Hrsg.) - Michael Kenna: Rouge (Cover & Abbildungen © Prestel Verlag & Michael Kenna)Das „Rouge“ war einst der Inbegriff industrieller Vision, nicht nur für Michael Kenna, sondern auch für eine ganze Nation. Bei dem titelgebenden Ford-River-Rouge-Werk handelt es sich um einen von Henry Ford errichteten und von Albert Khan entworfenen Riesenkomplex in Dearborn, Michigan (USA), in welchem zu Spitzenzeiten ganze Fahrzeuge produziert wurden. Größtenteils zwischen 1917 und 1927 erbaut, erstreckt sich der Industriekomplex über ein Gelände von knapp 4 km2. Das Werk war seinerzeit die fortschrittlichste Fabrik der Welt, ein Wunder der Technik, und damit eine Ikone amerikanischen Fortschritts.

Bedeutung und Historie des Rouge-Werkes sowie Entwicklung und Einflussnahme der Industriefotografie und von Kenna selbst, werden von James Christen Steward, dem Herausgeber dieses Bildbandes, das Kennas intensive Arbeit mit dem Rouge-Werk präsentiert, einleitend übersichtlich dargelegt. Elf Jahre lang leitete Steward das University of Michigan Museum of Art, das keine 60 Kilometer vom Rouge-Werk entfernt liegt. Heute ist er Leiter des Princeton University Art Museum und gilt als Experte für Fotokunst. Kenna selbst gehört zu den angesehensten Landschaftsfotografen unserer Zeit. In der nordwestenglischen Industriestadt Widnes geboren und aufgewachsen, entwickelte Kenna bereits in sehr frühen Jahren eine starke Affinität zur Industrielandschaft.

Kennas Zuwendung zum Rouge-Werk begann jedoch als Hommage an Charles Sheeler, der die Anlage zuvor für Ford selbst fotografierte. Kennas erster Besuch fand 1992 statt. Der 2016 im Prestel-Verlag erschienene Bildband versammelt auf 170 Seiten in loser, nicht chronologischer Anordnung Fotografien, die seit diesem ersten Besuch in den 1990ern entstanden sind. So übermächtig das Werk einst selbst seinen zahlreichen Besuchern erschienen haben muss, so gewaltig präsentieren sich die in diesem Band vereinigten Schwarzweißfotografien, die selbst als bloße Abbildung jene surrealistische Aura vermitteln, die Kenna inmitten von sich zuweilen im Nebel verlierenden Schornsteinen und Türmen, Riesendampfern und Kränen ausmacht.

‚Real becomes surreal.’1

Indem Kenna die Erhabenheit von Beton und Maschinen innerhalb des Rouges, die ihnen anhaftende, beinahe bedrohlich wirkende Härte, die von den zuweilen besonders starken schwarz-weiß Kontrasten zusätzlich hervorgehoben wird, mit Rauchspuren und Dampfwolken, durch Unschärfe und Grobkörnigkeit durchbricht, verleiht er den aufgezeichneten Orten und Aspekten des Rouge-Geländes eine mehr kontemplative als bedrohliche Atmosphäre. Pittoresk ragen Türme und Schornsteine in den rauchverhangenen Himmel, umspielen dichte Rauchschwaden die Umgebung und lassen dabei zuweilen kaum noch die Beschaffenheit der Dinge und ihre Massivität erahnen, werden verschwommene Reflexionen hie und da sichtbar, wird Natur der Industrie schonungslos gegenübergestellt. Wie schwarze Schatten erheben sich so blätterloser Bäume in beinahe mystischer Weise vor einer dunklen, grauen Rauch speienden Monstrosität aus dem Boden, oder ragen sie in Mehrzahl aus der Ferne parallel zu ihren industriellen Widersachern friedvoll aus einer mit Schnee bedeckten Landschaft. Ihre Fragilität steht dabei im Kontrast zu der Massivität der Industriebauten – ähnlich wie die Absenz von Menschen in Kennas Fotografien, eine Leere und Stille suggeriert, einem Ort der Unruhe, eine unnatürliche Ruhe einverleibt, die in drastischem Kontrast zu der gerade dadurch betonten Mächtigkeit der Maschinen steht. Als wenige Bewegungsmomente werden von Kenna Regen und Wind fotografisch festgehalten. Das Resultat weist weniger einen reellen, dokumentarischen Wert, als vielmehr in der Tat einen surrealen, künstlerischen auf. Kennas Perspektiven, die sowohl Tag als auch Nacht zeigen, zuweilen sogar dasselbe Bild zur Tag- sowie Nachtzweit erfassen, und die im Übrigen von Weitwinkel- bis Detailaufnahmen reichen, sind so vielfältig wie seine Kontrastierungen auf kompositioneller Ebene und machen diesen Bildband zu einem spannenden Rundgang durch das einst so gefragte Rouge. Insgesamt bietet der Bildband einen beeindruckenden Einblick in Kennas gewissermaßen unnatürliche Ästhetik.

Cover © Prestel Verlag & Michael Kenna

  • Autor: James Christen Steward (Hrsg.)
  • Titel: Michael Kenna: Rouge
  • Verlag: Prestel
  • Erschienen: 2016
  • Einband: Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
  • Seiten: 192
  • ISBN: 978-3-7913-8297-5
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite (inklusive Zusatzabbildungen)
    Erwerbsmöglichkeiten
    Homepage von Michael Kenna

Wertung: 14/15 dpt

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Fußnoten

  1. Steward, James Christen (Hrsg.): Michael Kenna: Rouge. München u.a.: Prestel 2016, S. 14 

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von Catarina Gomes de Almeida Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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