Hendrik Püstow, Thomas Schachner – Jack The Ripper – Anatomie einer Legende – Das Standardwerk der Ripperologie, Update 2017 (Buch)

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Jack the Ripper - Anatomie einer Legende Cover © militzke VerlagJack the Ripper“ – den Namen kennt wohl fast jeder, aber was genau dahinter steckt und was es damit auf sich hat, ist der breiten Masse vielleicht nicht unbedingt geläufig. Die Neuauflage des 2006er-Werkes „Jack the Ripper – Anatomie einer Legende“ von Hendrik Püstow und Thomas Schachner bietet da Abhilfe für das deutsche Publikum. Aber der Reihe nach: Der Ripper war ein Serienmörder, oft betitelt als „der erste Serienmörder der Geschichte“, der im Herbst 1888 im Londoner East End wenigstens fünf Prostituierte umgebracht und verstümmelt hat. Gefasst wurde er nie, der Täter verschwand so spurlos von der Bildfläche, wie er aufgetaucht war. Klingt grausam, aber im Vergleich zu manch anderen Verbrechen nicht zu extrem. Trotzdem faszinieren die Verbrechen des Rippers seit 1888 die ganze Welt. Es gibt unzählige Veröffentlichungen zu dem Thema, Film- und Serienadaptionen, und die Liste der Verdächtigen ist mit den Jahren immer weiter gewachsen. Der Autor dieser Zeilen hat vor langer Zeit einmal aus einem Impuls heraus den Begriff „Jack the Ripper“ bei Google eingegeben und landete auf jacktheripper.de, DER deutschsprachigen Plattform zu dem Thema, die vom bereits genannten Mitautor des vorliegenden Werkes, Thomas Schachner, betrieben wird. Die Seite bietet einen guten Überblick und ist der perfekte Einstieg, tiefer in die spannende Materie und das ganze Universum um den Ripper einzutauchen. Und da gibt es mehr als genug, die Experten auf dem Gebiet nennen sich „Ripperologen“. Das vorliegende Werk bietet genau das: Einen perfekten Einstieg in die „Welt“ des Rippers, in das Mysterium, und wird manch einen Leser zu einem „Ripperologen“ – oder „Ripperologist“, wie es auf Englisch heißt – machen.

Dabei muss hier von vornherein eines klargestellt werden: Der Umgang mit dieser freilich nicht ganz einfachen Thematik bedeutet nicht, dass man ein Perverser ist, der nachts mordend durch die Straßen ziehen möchte. Im Gegenteil. Die grausamen Verbrechen rufen auch fast 130 Jahre später noch Entsetzen hervor. Die Faszination geht eher von all den Umständen und deren Kontext in der viktorianischen Epoche hervor. So beginnt auch das Buch mit einer Erklärung des Lebensumstände in dem Bezirk „Whitechapel“, Teil des Londoner East Ends, damals wie heute ein melting pot verschiedenster Kulturen. Vor allem viele Juden aus allen Teilen Europas siedelten sich dort an, in der Hoffnung in England Arbeit finden zu können. Oft war jedoch das Gegenteil der Fall. Das Viertel war ein Paradebeispiel für Armut und Gewalt. Püstow und Schachner entwerfen ein eindrucksvolles, gut zusammengefasstes Bild des damaligen Lebens in Whitechapel, wo Frauen sich prostituierten, um ein paar Pennies für einen Schlafplatz in einem „doss house“ (einer Unterkunft) zu bekommen. Beispielhaft: Eine Art des „Schlafens“ in diesen Unterkünften bestand darin, dass man zusammengepfercht auf einer Bank im Sitzen schlief und nur von einer Wäscheleine, die vor den Körpern befestigt war, davon abgehalten wurde, nach vorn zu kippen. Um die Leute zu wecken, wurde die Leine einfach entfernt. Dass viele das erworbene Geld eher für Alkohol ausgaben, ist unter Berücksichtigung all dieser Umstände durchaus nachvollziehbar.

Dieses Leben lebten auch die vorgestellten Opfer. Die sogenannten „kanonischen Fünf“, die dem Ripper relativ einwandfrei zugeschrieben werden können, sind Mary Ann „Polly“ Nichols (ermordet am 31.08.1888), Annie Chapman (08.09.88), Elizabeth Stride & Catherine Eddowes (beide ermordet am 30.09.88) und Mary Jane Kelly (09.11.88). Püstow und Schachner fangen aber schon etwas früher mit der Beschreibung der Mordserie an, und zwar mit Martha Tabram, die am 07.08.88 mit 39 Messerstichen ermordet im George Yard Building aufgefunden wurde. Aufgrund verschiedener Aspekte, unter anderem der anderen Angriffsweise als bei den kanonischen Fünf, wird dieser Mord nicht unbedingt dem Ripper zugeschrieben, allerdings gibt es auch genug Faktoren, wie alleine die zeitliche und räumliche Nähe zu den anderen Opfern, die dafür sprechen. Püstow und Schachner beenden ihr Kapitel zu Martha Tabram daher auch mit einer Auflistung der Pro- und Contra-Argumente. Alleine daran wird deutlich, wie undurchsichtig und vielseitig der „Ripper“-Fall sein kann und mit wie vielen kleinsten Aspekten man sich auseinandersetzen kann. Ansonsten gehen sie detailliert auf die gut dokumentierte Arbeitsweise der Polizei nach dem Mord ein. Es werden Auszüge aus der Gerichtsverhandlung und dem Autopsiebericht eingefügt sowie zeitgenössische Zeitungsartikel, nationale sowie internationale. Vor allem das deutsche Presseecho findet hier oft Verwendung. Das alles findet sich auch in den nächsten Kapiteln, jedem Opfer wird eines gewidmet.

Am 31.08. wird Polly Nichols zwischen halb vier und vier von zwei Männern auf dem Weg zur Arbeit in der Buck’s Row gefunden. Ihre Kehle ist aufgeschlitzt, im Leichenschauhaus entdecken die Ermittler, dass ihr Unterleib nach ihrem Tod mit einem Messer malträtiert wurde. Hier, wie auch bei allen anderen Opfern, werden die letzten Stunden im Leben von Polly Nichols detailgenau beschrieben: Mit wem sie wann gesehen wurde, wann sie wo war. All das basierend auf Zeugenaussagen. Auch dies ist ein interessanter Aspekt im Ripper-Fall: Man kann wirklich relativ genau die Bewegungen und Stationen der Opfer in den jeweiligen Todesnächten nachvollziehen, es gibt auch genug Zeugen, die sie mit verschiedenen Männern gesehen haben. Dass der Ripper mehrfach gesehen wurde und man relativ sicher eine Zeugenbeschreibung abgeben kann, ist dabei umso interessanter.
Nur eine Woche später wird dann Annie Chapman frühmorgens im Hinterhof der Hanbury Street 29 gefunden, ebenfalls mit durchtrennter Kehle, ihr Unterleib verstümmelt, die Gedärme teilweise über ihre Schulter gelegt. Auch hier kann man einen minutiösen Ablauf kurz vor ihrem Tod rekonstruieren. Dass der Ripper ein enges Zeitfenster für seine Tat hatte und dabei unentdeckt blieb, grenzt an ein Wunder. Ende September kommt dann die Nacht des Doppelmordes, des vorläufigen Höhepunktes der Ripper-Hysterie. Elizabeth Stride wird gegen ein Uhr mit durchschnittener Kehle, aber ohne weitere Verletzungen in einem kleinen Hof in der Berner Street gefunden, und nur 45 Minunten später wird die umso grausamer verstümmelte Leiche von Catherine Eddowes am Mitre Square gefunden. Hier gibt es auch in Expertenkreisen unterschiedliche Meinungen: Eine Minderheit zählt Stride aufgrund der fehlenden Verstümmelungen nicht als Ripper-Opfer. Sehr viel wahrscheinlicher (und aufgrund der Tatumstände auch nachvollziehbarer) ist aber, dass der Täter gestört wurde und seinen Trieb kurz darauf an Catherine Eddowes auslebte.

Zu diesem Zeitpunkt ist nicht nur das East End, sondern ganz London in Aufruhr. Im Herzen der Weltmacht England wird eine grausame Mordserie begangen, die mehr auf die Umstände im East End aufmerksam macht, als es irgendwelche Sozialisten in ihren Reden vermögen, und die Polizei tappt im Dunkeln. Es ist ein Wendepunkt in der Geschichte, das 19. Jahrhundert endet, wir sind auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die Polizeiarbeit bewegt sich gerade in die organisierte, „moderne“ Richtung, wie man sie kennt. Die Presse berichtet erstmals weltweit und so wird dem Fall auf der ganzen Welt uneingeschränkte Aufmerksamkeit geschenkt. Politik und Polizei werden verhöhnt, Briefe gehen bei Presse und Polizei ein, teils irre Bekennerschreiben aus ganz England (ein makabrer Zeitvertrieb, dem viele Untertanen der Krone – aus allen Schichten, wie man heute weiß – fröhnten), teils Tipps, wie man den Täter fassen kann. Zwei dieser Schreiben, höchstwahrscheinlich von einem Journalisten verfasst, wie man heute weiß, ist unterzeichnet mit „Jack the Ripper“. Damit hat der Täter seinen Namen weg. Die Polizei verhaftet rund um die Uhr Verdächtige, doch keiner war es. In Whitechapel wird eine Bürgerwehr gegründet, deren Anführer ein Päckchen mit einer menschlichen Niere und einem Brief, unterzeichnet „From Hell“, erhält. Das einzig wahre Bekennerschreiben? Ein weiteres Puzzleteil: In der Nacht des Doppelmordes wird ein Stück von Eddowes Schürze, mit dem der Täter sich wahrscheinlich auf der Flucht das Blut von den Händen wusch, in einem Hauseingang entdeckt. Darüber eine antisemitische Kreidenachricht, über deren genauen Wortlaut heute Unsicherheit herrscht. Stammte sie von dem Täter? In einem Viertel voller Juden will die Polizei es vermeiden, dass der Verdacht aufkommt, ein Jude sei für die Taten verantwortlich. Um einen Aufruhr zu vermeiden, wird die Nachricht einfach weggewischt.

Erst Anfang November schlägt der Ripper ein letztes furchtbares Mal zu: Mary Jane Kelly ist weit jünger als die anderen Opfer und statt ihren „Freier“ mit in eine dunkle Ecke oder einen Hinterhof zu nehmen, nimmt sie ihn mit in ihr Zimmer im Miller’s Court. Keiner weiß genau, was sich in der Nacht zum 9. November dort abspielt, aber am nächsten Tag werden die kaum erkennbaren Überreste Kellys in ihrem Bett gefunden. Teile der Leiche sind im Raum verteilt oder fehlen. Hier muss man auch kurz sagen, dass es auch Fotos im Buch gibt, die zum Beispiel die betreffende Szene zeigen. Sie sind aber aufgrund ihres Alters und der Qualität kaum so schockierend, wie es in der Realität gewirkt haben muss. Nach diesem Mord endet die Serie. Püstow und Schachner gehen noch kurz auf einige andere Morde an Prostituierten bis ins Jahre 1891 ein, die aber relativ wahrscheinlich nicht dem Ripper zugeschrieben werden können. Die beiden tun gut daran, sich nicht an einem Profil des Täters zu versuchen, sondern präsentieren nur Fakten, ohne zu spekulieren.

Im Folgenden gehen sie noch auf eine ganze Reihe möglicher und unmöglicher Verdächtiger ein. Auch hier bleiben sie sachlich und bieten zu jedem eine Pro und Contra-Auflistung, sodass sich der Leser selbst ein Urteil bilden oder eigene Nachforschungen anstellen kann. Hier muss auch kurz vom Rezensenten angemerkt werden: Das Mysterium um den Fall hängt ja auch damit zusammen, dass man den Täter nicht kennt. Alle suchen noch immer nach ihm, doch wäre er gefunden, wäre das Mysterium und all die Faszination zerstört. Also wollen wir ihn eigentlich gar nicht finden.

Alles in allem bieten Püstow und Schachner einen ausgezeichneten, objektiven Blick auf das Ganze. Damit ist ihr Buch auf dem deutschen Markt einzigartig und kann durchaus als „Standardwerk“ zu dem Thema betrachtet werden. Manche Details werden ausgelassen (so z.B. das Feuer in Docks an der Themse in der Nacht des 31.08.), aber diese sind nicht allzu relevant und sind sicherlich absichtlicht nicht enthalten. Natürlich könnte man Regale zu dem Thema „Jack the Ripper“ füllen, aber das wollen die beiden gar nicht. Sie bieten einen Überblick, von dem aus man, wenn man denn möchte, weiterforschen kann. Und wenn man das nicht möchte, hat man hier die gesammelten Fakten gut zusammengefasst. Und das ist eigentlich in diesem Fall das einzige, worauf man sich verlassen kann.

Cover @ militzke Verlag

Wertung: 15/15 dpt

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Über den Autor

Philipp Roettgers

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„I was born in ’89, the year of “ … but seriously … „three days before the Wall came down …“ Seit einigen Jahren lebe ich in Bonn und studiere dort „English Literatures and Cultures“. Ich spiele Schlagzeug, und schreibe für die Musikmagazine Intro, Betreutes Proggen und The Dutch Progressive Rock Page. Im Sommer bin ich auf Festivals unterwegs und helfe dort teilweise aus, unter anderem auf dem Burg Herzberg Festival. Meine Heroen: Hermann Hesse, Hunter S. Thompson, Der Dude („The Big Lebowski“), Steve Hogarth, Genesis, David Eddings, The Beatles, Dennis Hopper, Bela B. und Monty Python.
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