Quentin Mouron – Notre-Dame-de-la-Merci (Buch)

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Eiswinter in Quebec. Daniel ist Schneeräumer und liebt Odette. Odette verkauft Drogen, möchte gerne respektiert werden und liebt Jean. Jean liebt nur sich selbst, steigt aber zu Odette ins Bett. Er sieht gerne dabei zu, wie andere Menschen zugrunde gehen, und will Quebec verlassen, um nach Mexiko zu flüchten. Neues Land, neues Glück.

Ein namenloser Erzähler porträtiert und kommentiert das Geschehen, am Ende greift er aktiv in die Handlung ein. Ändern wird er nichts, lediglich Vermutungen anstellen, resignieren und flehen: „Niemals ans Schweigen rühren“. An ein Schweigen, das er zuvor noch verteufelt hat.

„Notre-Dame-De-La-Merci“ hat keine hundert Seiten, wird mittlerweile als „Novelle“ untertitelt. Auf meiner Ausgabe prangt noch „Roman“ im unteren Drittel, was gar nicht verkehrt ist. Denn seine aufgesplitterte Erzählweise ist in ihrer gekonnten sprachlichen Verknappung äußerst vielschichtig und sprengt den Bezugsrahmen der novellistischen Singularität. Erzählt werden die Geschichten von drei Verlorenen und einem Mann im Hintergrund, der das Trio beäugt. Wie sie einander umkreisen, aufeinandertreffen und geschunden auseinandergehen.

Der tumbe und bärenstarke Tor Daniel, der bei seiner Mutter lebt, die seine Kinder versorgt, während er unterwegs ist. Um Schnee zu räumen oder Drogen zu verkaufen, im Auftrag von Odette, die seine Liebe ausnutzt. Odette, die in ihrem gehobenen Mittelklasse-Chalet wohnt, eine Außenseiterin, die verachtet wird wegen ihres florierenden Drogenhandels. Die Nachbarschaft kauft trotzdem gerne bei ihr ein.

Seit ihr Ehemann sich mit seinem Motorrad totgefahren hat, lebt sie in ständiger Angst verhaftet oder als menschlicher Fußabtreter missbraucht zu werden. Daniels Stärke erkennt sie nicht, er ist für sie nur ein willfähriger Handlanger. Aber diese Kraft unterschätzt auch Daniel selbst. So prügelt er zwei Männer, die ihn bedrohten, krankenhausreif. Ein Gerichtsverfahren wartet und niemand wird auf Notwehr plädieren.

Jean Pottier schließlich, der eitle Geck, der sich für einen Glücksfall der Menschheitsgeschichte hält, ist der Verlorenste von allen. Er hat keine Skrupel, seinen erhängten Vater zu bestehlen, jeden zu belügen und zu manipulieren, mit dem er zu tun hat und seine Geliebten zu schlagen, wenn sie ihm nicht zu Willen sind. Er hält dies für sein natürliches Recht. Nahezu unvermeidlich, dass Jean eines gewalttätigen Todes stirbt, doch in diesem einen Punkt hat er tatsächlich Glück. Und erkennt es natürlich nicht.

Es geschehen keine großen Verbrechen in „Notre-Dame-De-La-Merci“, wenn man vom Drogenhandel absieht. Odettes Gatte, ein Hells Angel, wird, bevor die Handlung einsetzt, von einem Elch zerlegt, den er mit seinem Motorrad rammt; ein paar Leute – die es verdient haben – werden zusammengeschlagen, der alte Pottier begeht Selbstmord, missgünstige Menschen machen anderen das Leben schwer. Nicht strafbar.

Der Zusammenbruch der Kommunikation hängt unabdingbar damit zusammen. Die Charaktere im Buch reden vorzugsweise mit sich selbst, im Gegenüber herrscht eine große Palette sprachlicher Ver- und Zerstörung. Stammeln, schweigen, lügen, schreien oder verzweifelt schnauben, Geschäfte abwickeln – darüber hinaus gibt es nicht viel. Jean ist der eloquenteste des Trios, doch ist für ihn Sprache nur Mittel zur Manipulation oder Selbstbeweihräucherung, ein diskursives Miteinander findet nicht statt. Daniel möchte gerne reden, doch fehlen ihm Selbstvertrauen und passende Worte. So macht sich Schweigen breit. Meist jenes der Ratlosigkeit und Verachtung. Beziehungen gehen kaputt daran, bevor sie entstehen können. Oder bleiben in einem seltsamen, symbiotischen Schwebezustand, wie zwischen Daniel und seiner Mutter, die ihn manchmal, mit wenigen Worten, vor selbstzugefügtem Schaden bewahrt.

Für den Erzähler ist Schweigen etwas, das zur tödlichen Waffe werden kann, denn es folgt für ihn auf eine Negativentwicklung, an deren Ende komplette Erniedrigung oder eine Explosion steht. Bei Odette und Daniel kann auch beides der Fall sein.

Resignierend, zwischen tiefer Traurigkeit und eitlem Selbstmitleid, berichtet der involvierte Erzähler von seinen Protagonisten, die er analysiert wie Probanden einer Studie, die allerdings durch Anteilnahme und Mutmaßungen jeder Wissenschaftlichkeit beraubt wird. Aber darum geht es nicht. „Notre-Dame-De-La-Merci“ ist ein Roman über die Eiszeit, außen wie innen. Ein paar Menschen verirren und verlieren sich in der Kälte. Leben im 21. Jahrhundert, die Hölle in Eiseskälte. Mehr nicht.

„Schon seit langem wird Daniel nicht mehr oder nur zur Hälfte bezahlt, dabei gibt man ihm stets zu verstehen, wie großzügig man sei und wie jämmerlich seine Arbeit. Man sagt ihm, man werde jemand anderen nehmen, der billiger ist, keinen Wirrkopf, sondern einen, der geschickter und zugänglicher ist. Sie haben den Schnee nicht so geräumt, wie es sich gehört! Nach links, hatte ich gesagt! Nach links! Und dann verlängert man jedes Mal seinen Vertrag. Doch man tut es von oben herab, als gäbe man ein Almosen, mit Verachtung.“

Cover © bilgerverlag

  • Autor: Quentin Mouron
  • Titel: Notre-Dame-de-la-Merci
  • Originaltitel: Notre-Dame-de-la-Merci
  • Übersetzer: Holger Fock, Sabine Müller
  • Verlag: bilgerverlag
  • Erschienen: 08/2016
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 96, plus Nachwort
  • ISBN: 978-3-03762-058-8
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 12/15 Schneewehen


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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