Tanja Jeschke – Svendborg 1937 (Buch)


Tanja Jeschke – Svendborg 1937 (Buch)

(c) Coverbild: Picus Verlag

Kleine Geschichtsstunde im sprachlich ansprechenden Gewand 

Eigentlich haben die Dinkelspiels Glück. Denn der jüdischen Familie aus Stuttgart gelingt im Sommer 1937 die Flucht vor den Nazis nach Dänemark. Bei einer Bekannten, die sie Tante nennen, kommt die Familie mit ihren drei Kindern unter. Man ist in Sicherheit. Doch was bedeutet es von einem Moment auf den anderen im Exil zu leben? Abgeschnitten zu sein von allem, was das bisherige Leben ausgemacht hat: Beruf, Sprache, Freundeskreis, Zukunftsperspektiven?

Jeschke erzählt größtenteils aus Sicht der 17-jährigen Meret, die sich schwer damit tut, die neue Situation anzunehmen. Trotzig versucht sie zunächst ihrem Aufenthalt den Anschein des Vorübergehenden zu verleihen. Die Jugendliche muss sich emotional sowohl von ihrer Kindheit als auch von ihrer Heimat und den damit verbundenen Erwartungen lösen. Das Erwachsenwerden in der Fremde wiegt dadurch besonders schwer. Mit viel Empathie begleitet die Autorin ihre Protagonistin auf diesem Weg.

Ein Motorrad, das Meret mit ihrer Schwester Ricarda im Gartenschuppen der Tante entdeckt, wird für sie zum Symbol der neuen Selbständigkeit.


„Meret weiß nicht, was sie von den Eltern halten soll. Der Vater mit seinem süßen Plan vom Honighandel. Die Mutter, die nach dem Einkochen beginnt, mit Herrn Vegsack und seiner Frau Bridge zu spielen. Ihre Munterkeit, mit der sie davon erzählt, wie sie Herrn Vegesack auf die Schippe nimmt – eine Luftblasenmunterkeit. Meret möchte mit der Nadel hineinstechen. Ist das nicht alles Vortäuschung falscher Tatsachen? Falschen Lebens?
Aber was wäre das richtige Leben für eines?
Und was ist mit ihr selbst? (…) Ich tue nicht so, als wäre ich angekommen. Ich halte Honig und Gelee nicht für Zukunft. Ich richte mich nicht in einem Bridge-Club ein. Sie probiert diese Sätze wieder und wieder, bis ihr klar wird, dass sie ab jetzt selbst fahren muss, wenn dies ihr eigenes Leben sein soll.“
Seite 141

Insgesamt ist der Exil-Roman, der ein Jahr im Leben der jüdischen Familie einfängt, eher handlungsarm. Man richtet sich ein, träumt von der verlorenen Heimat und schwelgt in Erinnerungen. Das Leben in der Fremde bietet keine Autonomie. Es ist ein großes Warten und Zeit-totschlagen. Ein Abhängigsein von der Gunst der dänischen Behörden.

Die Begegnungen mit anderen Exilanten vermitteln ein wenig Zugehörigkeitsgefühl. Als die literaturbegeisterte Meret erfährt, dass der berühmte Bertold Brecht ganz in der Nähe lebt, kundschaftet sie sein Wohnhaus aus. Dort trifft sie Margarete Steffin, eine der Geliebten Brechts, mit der sie sich anfreundet.

Zur dramatischen Wende kommt es erst gegen Ende des Romans. Ricarda, unterstützt von Ruth Berlau, einer weiteren Geliebten Brechts, wagt den Weg zurück nach Deutschland, um sich mit ihrem Verlobten zu treffen. Sie will mit ihm nach Palästina auswandern. Als jedoch jedwede Nachrichten von ihr ausbleiben reist die Mutter ihr nach und verschwindet.

Der Roman lebt von der einfühlsamen Sprache seiner Autorin. Jeschke fängt die komplizierte Gefühlslage der Dinkelspiels in einfachen Sätzen ein. Sie schreibt unaufgeregt und teilweise sogar poetisch verknappt, womit sie Wesentliches auf den Punkt bringt.

Durch die geschickt inszenierte Nähe zu ihrer Protagonistin Meret erzeugt die Autorin eine zeitlose Universalität, die es erlaubt das Thema „Flüchtlingsdasein“ in hochaktuelle Kontexte zu projizieren.

Originär kommt „Svendborg 1937“ jedoch vor allem wie ein Zeitzeugnis daher, das am privaten Beispiel einer einzelnen Familie einen authentischen Auszug aus der großen Geschichte liefert.

  • Autor: Tanja Jeschke
  • Titel:  Svendborg 1937
  • Verlag:  Picus Verlag
  • Erschienen:  August 2022
  • Einband:  Gebundene Ausgabe
  • Seiten:  224 Seiten
  • ISBN:  978-3711721280


Wertung: 11/15 dpt


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