Im Dorf hält man zusammen

Vorboten
© Unionsverlag

April 1920. Wieland Göth kehrt nach sieben Jahren in das kleine Rombelsheim im westlichen Rheinhessen zurück. Plakate verkünden von der Ermordung einer jungen Frau und der Fahndung nach deren Mörder. Die Frau ist Josepha, Wielands Schwester, ihr Mörder ist Oleg, ein ehemaliger russischer Kriegsgefangener. Im früheren zuhause angekommen, wird er mit verhaltener Begeisterung empfangen. Einer der wenigen jungen Männer, die nahezu unverletzt aus dem Krieg zurück sind. Neid und Freude reichen sich die Hand. Daheim im früheren Schulhaus liegt der todkranke Vater, mehr schlecht als recht von seinem ältesten Sohn Wolfgang betreut. Mit seinem Bruder hatte Wieland schon immer Probleme, nicht nur, wenn es um Frauen ging. Seine erste große Liebe, Else, ging später mit Wolfgang, wurde ermordet und neben ihrer Leiche eine Kette gefunden, die ihren vermeintlichen Mörder verriet. In Josephas Zimmer wurde ebenfalls eine Kette gefunden; die Oleg gehörte.

Aber wo ist Josephas Leiche? Wieland stellt Fragen, die Dorfbewohner wollen ihre Ruhe. Es reicht ja schon, dass die Franzosen jetzt das Sagen haben. Negersoldaten geben Befehle, der Schandvertrag von Versailles drückt, dazu das Wiedererstarken der Juden, der Hass auf Franzosen und auf Russen wie Oleg. Es müsste halt mal einer aufräumen, doch zum Glück gibt es den Grafen, der für Arbeit und Ordnung sorgt.

Die Einheimischen sind Wieland gegenüber misstrauisch. Ist er womöglich ein Spitzel der Franzosen? Warum kehrt er erst jetzt zurück, der Krieg ist schon über ein Jahr vorbei? Und woher weiß er überhaupt, dass seine Schwester verschwunden ist? Derweil verfolgt Wieland seine eigenen Ziele…

Atmosphärisch beeindruckend

Jürgen Heimbach ist für seine fundierten Recherchen bekannt und so überrascht es wenig, dass in seinem neuen Roman „Vorboten“ – ein klarer Fingerzeig auf jene Ereignisse, die Deutschland ein gutes Jahrzehnt später überrollen werden – die bedrückende Atmosphäre im Dorf sowie die Nachkriegsstimmung großartig eingefangen werden. Vor dem Krieg lebten im fiktiven Rombelsheim rund fünfhundert Menschen. Viele fielen im Feld, nicht wenige begingen Selbstmord. So entsteht eine grunddüstere Stimmung, die durch französischen Besatzer, allgemeine Notlagen und Sorgen verstärkt wird. Gerüchte, dass ein früherer russischer Zwangsarbeiter eine junge Deutsche ermordete, die seine Liebe zurückwies, werden dankbar aufgenommen; das Feindbild passt. Wieland hat Zweifel, erkundigt sich, gerät in Gefahr und muss unterscheiden, wer Feind ist und wer womöglich Freund sein könnte.

Hinweise auf den Kapp-Lüttwitz-Putsch, die „Schwarze Schmach“ (eine Kampagne gegen den Einsatz dunkelhäutiger Menschen bei den französischen Besatzungstruppen), nationalistische und reaktionäre Verbände, werden dezent eingefügt und setzen fundierte Kenntnisse beim Leser voraus, um die Anspielungen allesamt zu verstehen. Umso interessanter fällt das Nachwort aus, in dem ausführliche Anmerkungen über die historischen Hintergründe aufklären.

Inhaltlich könnte noch viel gesagt werden, wenngleich der Roman nur rund zweihundert Seiten umfasst, aber dann müsste man zu viel spoilern. Das Wieland nach Hause zurückkehrt, um einen Mord zu begehen, erfährt man immerhin zu Beginn. Wer das Opfer sein soll, ist unschwer zu erraten und dennoch bleiben – wie eingangs erwähnt – viele Fragen offen. Am Ende gibt es gleich mehrere Überraschungen, denn den Protagonisten umgibt nicht nur ein Geheimnis. Hut ab!

  • Autor: Jürgen Heimbach
  • Titel: Vorboten
  • Verlag: Unionsverlag
  • Umfang: 222 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Februar 2021
  • ISBN: 978-3-293-00567-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung:  13/15 dpt 


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