Agatha Raisin – Staffel 1 (Serie, 3DVD)

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Agatha Raisin - S1 Cover © polybandAgatha Raisin ist PR-Beraterin in London, doch Stress braucht sie nicht noch zusätzlich in der Großstadt, und so fasst sie sich ein Herz und kehrt der Metropole den Rücken. Sie hat sich konsequent für das Landleben entschieden und sucht sich ein schönes Cottage im Dörfchen Carsley. Freunde finden, bei all den Dorfaktivitäten mitmachen, Warmherzigkeit erfahren, das ist wovon sie träumt. Doch Vorstellung und Realität unterscheiden sich deutlich voneinander, denn die Leute in Carsley sind zum Teil sehr kauzig und verschroben, und sie selbst ist auch nicht gerade der Inbegriff der Normalität, und so eckt sie immer wieder in dieser eingeschworenen Dorfgemeinschaft an.

Agatha Raisin S1 - Szenenfoto © polybandDoch sie gibt alles, um irgendwie hier Fuß zu fassen, und so nimmt sie auch bei einem jährlichen Wettbewerb teil, in dem unter anderem die beste Quiche mit einem Preis gekrönt wird. Da sie selbst kein wirkliches Talent hat, muss sie sich etwas einfallen lassen – und macht eine Quiche in einem Schaufenster ausfindig, die sie in einem unbeobachteten Moment mitgehen lässt und dann beim Contest für ihre eigene ausgibt. Dumm nur, dass dieses eigentlich leckere Backwerk vergiftet ist und der Preisrichter, dem es doch sehr mundet, somit auch. Unweigerlich gerät Agatha Raisin unter Mordverdacht. Um ihre Unschuld zu beweisen, ermittelt sie auf eigene Faust – sehr zum Missfallen der örtlichen Polizei. Doch die beginnt in den weiteren 45-minütigen Folgen nach dem eineinhalbstündigen Pilotfilm langsam zu verstehen, dass Agathas Instinkt und Gespür den Ermittlungen in späteren Mordfällen äußerst dienlich ist. Und ihre alten Freunde, die sie nach und nach einspannt, wissen das ebenfalls. Doch Agatha ist… Agatha. Denn wenngleich ihre investigativen Fähigkeiten immer besser werden, tapst sie bravourös in fast alle Fettnäpfchen, die auf den Pfaden, auf welchen sie wandelt, liegen. Und da Agatha solo ins Dorf kommt, ist sie auch offen für neue amouröse Angelegenheiten. Besonders gut gefällt ihr ihr Nachbar James Lacey.

Tja, da dachte Frau Raisin wohl, sie könne in Carsley nach getaner Arbeit die Seele baumeln lassen – stattdessen wird es aufregend und anstrengend.

Agatha Raisin S1 - Szenenfoto © polybandSämtliche neun Krimis basieren auf den Agatha Raisin-Romanen der schottischen Autorin Marion Chesney, die unter dem M. C. Beaton-Pseudonym bislang insgesamt 25 Bände dieser schrägen Quereinsteigerin veröffentlicht hat – und wie in den Bonusfeatures angemerkt, hat man der im Buch deutlich älteren Agatha einen jjüngeren Anstrich verpasst, während es in den Büchern, die dem Verfasser dieser Zeilen leider nicht bekannt sind, offenbar noch schräger und peinlicher zugeht.  Doch dem Rezensenten fehlen hier die Vergleichsmöglichkeiten.

Zu sehen sind knallbunte Krimis mit wunderschönen Panoramaaufnahmen und vielen schrägen und seltsamen Figuren, und Ashley Jensen scheint sich in ihrer Rolle der Agatha Raisin pudelwohl zu fühlen. Doch auch der restliche Cast kann sich sehen lassen. So brilliert unter anderem Katy Wix als Nachbarin Gemma Simpson, die ebenfalls ein liebenswertes Geschöpf ist und bald zu einer guten Freundin Agathas wird, und Mathew Horne mimt den Kollegen Roy Silver ebenso überzeugend. Auch Jason Barnett und Matt McCooey als DI Wilkes und DC Bill Wong amüsieren als ungleiches Polizistenduo bestens. Zusammen mit weiteren Nebendarstellern wurde hier ein Ensemble herrlich heterogener Figuren geschaffen, sodass „Agatha Raisin“ nie einseitig bleibt, vor allem aber äußerst lebendig. 

Auf dem Cover prangt die Behauptung „Bridget Jones trifft auf Sherlock Holmes“, aber das wird der Serie alles andere als gerecht, denn mit der Renée Zellweger-Komödie hat das hier fürwahr wenig zu tun, und da Sir Arthur Conan Doyle mit Sherlock Holmes in der frühen populären Kriminalliteratur nun mal das Glück hatte, einen der ersten wirklich bedeutsamen fiktiven Ermittler erschaffen zu haben, welcher Fälle mit einem unkonventionellen Blick für Details zu lösen weiß, wird natürlich jede ermittelnde Figur, die „etwas anders“ ist und deduzierend vorgeht, mit Holmes verglichen. Das ist bei psych, The Mentalist und ach so vielen anderen Krimis, wenn wir den televisionären Markt als Beispiel nehmen, auch nicht anders.

Agatha Raisin S1 - Szenenfoto © polybandVielmehr erinnert „Agatha Raisin“ auf eine absurde Weise an „Inspector Barnaby“ – wenngleich vorliegende Serie einerseits an deutlich provinzielleren Schauplätzen spielt und andererseits nicht ganz so piefig daherkommt, so sind die ganzen Charaktere herrlich seltsam-verschroben und skurril, und auch die subtile, feingeistige, zweite Lage Humor kommt sehr gut zur Geltung. Fast kann man sagen: Wem die Serie mit John Nettles zu fad und ruhig ist, der bekommt hier deutlich mehr Temperament und deutlich mehr Farbe, deutlich mehr Dynamik und deutlich mehr Chaos geboten. Doch nie ufert es in Richtung „over the top“ aus – stets bekommen die einzelnen Storys rechtzeitig die Kurve, und ganz egal, wie unmöglich sich Agatha manchmal benimmt, so hat sie das Herz stets am rechten Fleck, und das macht sie als Hauptcharakter der Serie so liebenswert.

Letzendlich hat diese Krimireihe allerdings keine Verlgeiche nötig, denn das Werk M.C. Beatons respektive des Filmstabs ist eigenständig und speziell genug und muss sich nicht mit einem Platz in der zweite Reihe arrangieren.

Sicher, ab und zu sind die Fälle vorhersehbar, doch dann gibt es wieder welche, bei denen die absurdeste Vermutung, die man irgendwann verwirft, doch die korrekte war – das liegt schlichtweg in der Natur des Krimis. Und wenn wir mal ehrlich sind: Schaut man komödiantische Krimis denn ausschließlich, um dem Fassen des Täters entgegenzufiebern? Oder schaut man sie nicht auch, um unterhalten zu werden?

„Agatha Raisin“ erfindet den Serienmarkt trotz seiner Eigenständigkeit nicht neu, doch das dürfte auch nicht die Intention der Involvierten gewesen sein. Viel mehr wird der Zuschauer hier cineastisch brillant und very british in einen dörflich-absurden Mikrokosmos entführt, und die Lachmuskeln bekommen zahlreiche Trainingseinheiten.

Nun darf man darauf hoffen, dass die restlichen Romane ebenfalls bald verfilmt werden. Denn nach einer neunzigminütigen Pilotfolge sowie acht regulären 45-minütigen Episoden ist dann auch erst mal wieder finito.

Wer seine britischen Krimis bunt mag, wird hier seine Freude haben.

Trailer, Cover und Szenenbilder © polyband

  • Titel: Agatha Raisin
  • Originaltitel: Agatha Raisin
  • Produktionsland und -jahr: GB, Pilotfilm 2014, Episoden 2016
  • Genre:
    Crime, Comedy, Drama
  • Erschienen: 03/2017
  • Label: polyband
  • Spielzeit:
    450 Minuten auf 2 DVDs
  • Darsteller:
    Ashley Jensen
    Katy Wix
    Mathew Horne
    Jamie Glover
    Jason Barnett
    Matt McCooey
    Rhashan Stone
    Kobna Holdbrook-Smith
    Lucy Liemann
  • Extras:
    15 Minuten diverse Featurettes
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    16:9
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB (DD 5.1)
    FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 Quiches of Death

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Über den Autor

Chris Popp

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Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 In Mannheim geboren, in der Pampa vor Kassel lebend. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Agatha Raisin – Staffel 1 (Serie, 3DVD)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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