Samuel R. Delany – Die Bewegung von Licht auf Wasser (Buch)

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Die Bewegung von Licht auf Wasser-Cover © GolkondaIn einer späten Sonntagnacht saß ich auf dem luxemburgischen Fußboden lieber Freunde, fischte in Texas nach Krabben und schmunzelte über die Worte eines deutschen Buchhändlers: »Die Bewegung von Licht auf Wasser«.

Als Samuel R. Delany 1942 geboren wird, kämpfen farbige Soldaten im Zweiten Weltkrieg, aber in den USA betreten ihre Familien Restaurants durch separate Eingänge. Als Samuel R. Delany 1942 geboren wird, haben die Suffragetten längst das Wahlrecht erkämpft, aber in den Büroetagen dürfen sie bestenfalls Sekretärinnen sein. Als Samuel R. Delany 1942 geboren wird, trägt Alan Turing maßgeblich zum Sieg über Hitler-Deutschland bei, aber Homosexuelle werden gesellschaftlich geächtet und strafrechtlich verfolgt.

In „Die Bewegung von Licht auf Wasser“ hat Samuel R. Delany seine Erinnerungen aus dem Amerika der 1950er und 1960er zusammengetragen. Viel weniger wütend als etwa James Baldwin beschreiben Delanys Erinnerungen das Leben des begabten Jungen aus mittelständischem Elternhaus: Sommercamp, die renommierte Bronx High School of Science, das junge Ehe- und Schriftstellerleben im New Yorker Village mit seiner Frau, der Dichterin Marilyn Hacker. Sein Leben dreht sich um das Schreiben, die damit verbundenen finanziellen Sorgen, Freunde, Familie und Sex. Nicht umsonst pries besagter Buchhändler Delany nicht nur als Autor hervorragender Science Fiction sondern auch zahlreicher Pornos an.

Gerade zu Beginn des Buches meint man noch, die drängende soziale Frage in Delanys frühen Jahren – die US-amerikanische Rassentrennung – wäre nicht Teil seiner Erinnerungen; zu normal erscheint sein Leben mit den Schulfreunden, den Cousins und Tanten, den Kinobesuchen mit dem Vater, und dann dampft er – ganz mit der Wahrnehmung des Kindes – die Perversion der Rassentrennung in einem Satz ein: »Jahrelang fiel mir nicht auf, dass ich nie den Vordereingang [des Schuhputzladens]benutzte.« (44)
Die bedrückende Naivität des Kindes wird im Verlauf des Buches vom Begehren des jugendlichen, später erwachsenen Autors abgelöst und durch individuelle Freiheit innerhalb der allgemeinen Unfreiheit ersetzt. Delanys Erinnerungen zeigen ihn dabei keineswegs als Vorkämpfer der geschlechtlichen und sexuellen Gleichberechtigung, sondern als reflektierten jungen Mann, der sich – innerhalb der gesellschaftlichen Nischen – nimmt, wonach ihm verlangt. Dass dies nie im politisch luftleeren Raum geschieht, belegen zahlreiche Textpassagen, an denen sich sexuelle Emanzipation ereignet, zum Beispiel bei Delanys erster Orgie: »[D]ie erste unmittelbare Ahnung politischer Macht entsteht durch den Anblick einer Masse von Körpern. […] Diese Erfahrungen machten […] deutlich, dass es nicht bloß individuelle Homosexuelle gab, denen man hier und da begegnen konnte, sondern eine ganze Bevölkerung, die nicht Hunderte, nicht Tausende, sondern eher Millionen von schwulen Männern umfasste, und dass es nicht erst seit gestern reihenweise Einrichtungen gab, gute und schlechte, die uns Sex ermöglichten.« (327) Die bloße Erkenntnis des Viele-Seins ist nicht nur eine lustvolle, sondern auch eine gesellschaftliche und für viele LGBTI-Jugendliche heute von ähnlicher Wucht wie zu Beginn der 1960er.
So individuell Delanys Zugänge und Antworten in Fragen der ethnischen, geschlechtlichen oder sexuellen Zugehörigkeit sind, so universell fällt letztlich seine Antwort darauf aus: »[V]ielleicht […] beruht jede ‚Identität‘ – semantisch, generisch, persönlich oder kulturell – auf einer solch assoziativen, kumulativen Zuschreibung und letztlich auf der Illusion der Einheit des Verschiedenartigen.« (262)

Bindeglied aller Erfahrungen des Autors bleibt über die gesamte Textdauer hinweg der Sex – mit Männern und Frauen, zu zweit, zu dritt, oder in unbestimmter Zahl, inner- und außerhalb bestehender Beziehungen. Delany beschreibt Freiheit und Unbefangenheit lange vor dem Schrecken der Aidskrise, die zwar häufig im Verborgenen stattfinden, aber darum nichts von ihrem Reiz verlieren. Lust, Denken und Emanzipation scheinen für Delany eins zu sein und es zählt zu den großen Stärken des Autors, dass diese Szenen niemals kitschig, niemals banal daherkommen, auch wenn der Sex mal gut, mal schlecht und gelegentlich gewaltsam ist.

Fazit: Mit „Die Bewegung von Licht auf Wasser“ gewährt Samuel R. Delany einen Blick auf sein Leben im New York der 1950er- und 60er-Jahre – eine spannende Mischung aus Emanzipation und Unfreiheit. Der fragmentierte Aufbau unterstreicht den Eindruck authentischer Erinnerungen und erschafft auf 630 Seiten eine kurzweilige Lektüre.

Cover © Golkonda

  • Autor: Samuel R. Delany
  • Titel: Die Bewegung von Licht auf Wasser
  • Originaltitel: The Motion of Light in Water
  • Übersetzer: Jasper Nicolaisen
  • Verlag: Golkonda Verlag
  • Erschienen: 2014
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 635
  • ISBN: 978-3-944720-23-4
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt

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Über den Autor

Henri Vogel

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Kleinstadtkind mit Hang zur Großstadt; Wahlberliner; glücklicher Partner des besten Ehemanns von allen und bescheidener Mitbewohner einer Katze; Überzeugungsliterat und Freizeitcineast; Whiskytrinker und Freundesfreund.

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von Henri Vogel Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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