Wallace Stroby – Geld ist nicht genug (Buch)

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Crissa Stone meldet sich zurück. Nicht mit einem Paukenschlag, sondern mit einem Frontlader, der einen Geldautomaten aus seiner Verankerung reißt. Ein hartes Stück Arbeit, doch relativ risikolos und lukrativ. Bedauerlicherweise kommt es in der Fabrikhalle, in der der Schweißer Rorey auf Crissa und ihren dunkelhäutigen Partner Hollis wartet, zum Streit. Dem Rassisten Rorey passt es nicht, dass Crissa aussteigen will, seine Wut darüber lässt er an Hollis aus. Der weiß sich zu wehren, am Ende verlässt Crissa Stone alleine das Fabrikgebäude.

Die einführenden Kapitel zu „Geld ist nicht genug“ sind eine kongeniale Zusammenfassung dessen, was Crissa Stone beständig widerfährt. Sie ist ein Profi, deren sauber ausgearbeitete Pläne von ihrer Umwelt torpediert werden. Neid, Missgunst, Rassismus, Hass, all die niederen Beweggründe, die das Dasein für jeden Rechtschaffenen und moralisch ambivalente, aber wohlmeinende Charaktere wie Crissa schwermachen, legen ihre Fallstricke zielgerichtet dort aus, wo sich eigentlich eine rosige Zukunft abzeichnet.

Im Folgenden gerät Crissa an den ekligen Geldwäscher Cavanaugh, den sie nur mit Mühe auf Abstand halten kann. Das Geld wird knapp, und sie braucht ein sattes Reservoir, um ihren Geliebten Wayne aus dem Knast zu holen. So wird sie widerwillig zur Komplizin des Ex-Mafioso und Kronzeugen Benny Roth, der zu wissen glaubt, wo die verschwundene Beute eines Überfalls auf die Lufthansa abgeblieben ist. Benny hatte gegen seine ehemaligen Kumpane ausgesagt, nachdem seine Lebenserwartung gegen Null tendierte. Denn jeder, der in den Überfall auf die Fluggesellschaft verwickelt war, wurde zum Todeskandidaten. Nicht, weil der Raub schief ging, sondern weil er zu erfolgreich war.

Benny landete im Zeugenschutzprogramm. Nichts auf Dauer. Marta, seine neue Freundin im Schlepptau, möchte er ein selbstbestimmtes Leben führen. Doch da sind missliebige Kräfte aus seiner Vergangenheit vor. So finden sich bald vier Parteien ein, einen Schatz zu heben. Wird nicht für alle Beteiligten ein Happy End geben. Und Crissa Stone muss wieder mächtig ranklotzen, um ihre Lieben und sich halbwegs heil und mit einem Plus auf dem Bankkonto aus dem Schlamassel zu befreien. Nur, was Wayne angeht, ist ihr Einfluss sehr begrenzt. Eine Wiedervereinigung von Crissa, Wayne, und ihrer gemeinsamen Tochter, die bei Crissas Schwester lebt, steht am Ende von „Geld ist nicht genug“ in den Sternen.

Erneut erweist sich Wallace Stroby als äußerst effizienter Autor, der sein Genre und dessen Topoi kennt. Als Aufhänger des Romans diente ihm ein reales Verbrechen. 1978 wurde die Lufthansa auf dem Kennedy-Airport überfallen. Die Diebe besaßen dezidiertes Insiderwissen und erbeuteten eher zufällig wesentlich mehr Geld als erwartet. Die acht Millionen Dollar (Wikipedia kommt „nur“ auf fünf), was einem heutigen Schätzwert von 20 Millionen Euro entspricht, entpuppten sich aber nicht als Glücksfall, sondern als Auftakt zu einem Gemetzel, das kaum einer der Beteiligten überlebte. Die Mafia steckte offensichtlich dahinter, doch verurteilt wurde etliche Jahre später nur ein einziger Tatverdächtiger. Das geraubte Geld tauchte nicht wieder auf. Martin Scorseses großartiger Mafia-Film „Godfellas“ behandelte das Thema am Rande. Die Hauptfigur Henry Hill findet eine literarische Interpretation in Crissa Stones zeitweisem Kompagnon Benny Roth.

Nach dem Geldwäsche-Desaster tut sich Crissa widerwillig mit Benny zusammen. Sie traut dem ehemaligen Kronzeugen nicht, doch lernt ihn und seine junge Freundin Marta bald schätzen. Und entwickelt geradezu mütterliche Instinkte, obwohl Benny einiges älter als sie selbst ist. Aber Crissa kann nicht aus ihrer Haut. Sie, die Professionelle, die eigentlich am liebsten eigenverantwortlich arbeitet, wird angetrieben von der Sehnsucht nach einer intakten Familie. Wen sie zu ihren Freunden zählt, wird auch beschützt, koste es was es wolle.

Dass ausgerechnet ein Verräter zum Sympathieträger wird, während die Gegenseite aus perfiden Mitgliedern der angeblich ehrenwerten Mafiafamilie besteht, ist eine jener ironischen Wendungen, die Stroby exzellent beherrscht. Wir befinden uns in einer Welt, die von Kriminalität durchsetzt ist, die Polizei kommt nur in der Peripherie vor. Crissa Stone steht unangefochten im Mittelpunkt, loyal, stark, klug und selbstbewusst. Um sie herum gruppiert sind Freunde und Verbündete. Wie der zwielichtige Anwalt Rathka oder der todkranke Mafia-Senior Jimmy Falcone und sein Sohn Anthony. Benny und Marta gesellen sich schnell hinzu. Die im Dunkeln sind skrupellose Gangster, die foltern, lügen und auch Unbeteiligte ermorden, wenn es ihrer Sache dient. Oder sie einfach Spaß daran haben.

Trotz einer leichten romantischen Verklärung der „good bad guys“ vermeidet Wallace Stroby eine sentimentale Überhöhung. Das bleibt alles bodenständig und nachvollziehbar, die Klugen von Strobys Gangstern wissen intuitiv oder intellektuell, das Verbrechen lediglich Mittel zu einem inhaltsbestimmten Zweck sind, niemals der einzige Antrieb und die gleichzeitige Erfüllung. Ist wie in der alltäglichen Arbeitswelt, nur verlagert jenseits gesetzlicher Regelungen.

Das funktioniert ausgezeichnet, bereits weil Stroby seine Settings sehr sogfältig und vertraut auswählt. Vororte am Rande der Wirtschaftskrise, Industrieviertel, Großstadtbüros, ein Gefängnis. Kein Glamour, keine kriminellen Snobs über den Dächern von Nizza. Die einzige Villa, idyllisch inmitten eines Waldgebietes gelegen, ist ein Hort moralischen Verfalls, ein Tresor, eine Mordstätte. „Geld ist nicht genug“ ist neben dem Spiel mit Interreferenzen auch ein Kommentar zum Überleben in einer Welt, deren Wert in Waren gemessen wird.

Wie im richtigen Leben geraten unsere Protagonisten in Gefahr, weil sie sich Mitmenschlichkeit bewahrt haben, integer bleiben wollen, soweit das als Gesetzloser möglich ist. Führt leider dazu, dass die dem Tod entgangenen bösen Buben ungerührt weitere Verbrechen begehen und Crissa und ihre Verbündeten bedrohen. Dieses moralische Dilemma, dass kaltblütige Hinrichtungen weitere Straftaten bis hin zu Mord, verhindert hätten, wird nicht explizit thematisiert, zieht sich aber als ungelöstes Problem durchs ganze Buch. Diese Ambivalenz macht einen Teil des Reizes der Serie aus. Ebenso, dass Crissa keine weit vorausschauende Planerin ist, sondern viele Probleme erst dank Improvisation, Durchsetzungswillen, Glück – und Hilfe von Freunden bewältigen kann. Verhindert, dass die Figur ins übertrieben Comichafte abgleitet, das trotzdem nahe genug ist. Aber nicht im Schlechten, sondern eher wie ein Storyboard, das den filmischen Charakter seiner grundlegenden Erzählung(en) genau kennt.

Bei ihrem zweiten Auftritt zeigt Crissa Stone im Scheitern wieder Größe. Obwohl es ein wirkliches Scheitern nicht gibt. Sie geht am Ende um einiges reicher aus dem funktional und präzise erzählten Abenteuer hervor, hat neuen Freunden das Leben gerettet und alten die Gewissheit gegeben, dass auf sie Verlass ist. Nur dort, wo ihr Streben hinzielt, ihr emotionales Zentrum liegt, ist alles unsicherer als je zuvor. Zwischen Durchblick und Selbsttäuschung liegt eine enge Gasse, Wallace Stroby führt seine Protagonistin einmal mehr äußerst gekonnt und spannend durch diese Gasse, garniert mit zivilisationskritischen Kommentaren und (pop)kulturellen Reflektionen. Im Schlingerkurs.

Cover © Pendragon Verlag

  • Autor: Wallace Stroby
  • Titel: Geld ist nicht genug
  • Teil/Band der Reihe: Der 2. Auftritt von Crissa Stone
  • Originaltitel: Kings Of Midnight
  •  Übersetzer: Alf Mayer
  • Verlag: Pendragon Verlag
  • Erschienen: 23.02.2017
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 334
  • ISBN: 978-3-86532-577-8
  • Sprache: Englisch
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Leseprobe
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 12/15 Vielfliegerpunkte


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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