Hunger von Knut Hamsun und Martin Ernstsen (© avant-verlag)
Hunger von Knut Hamsun und Martin Ernstsen (© avant-verlag)

Martin Ernstsen hat vier Jahre an der Graphic-Novel-Umsetzung von Knut Hamsuns Roman “Hunger” gearbeitet, musste selbst Gegenstände veräußern, um die Miete bezahlen zu können und hatte daher mehr Parallelen zum eigentlichen literarischen Werk als ihm lieb war. Das 220-seitige Comic erschien als Hardcover im avant-verlag und basiert auf den Erzählungen Hamsuns und seinen damals prekären Lebensumständen seiner Anfangsjahre im Alter von 29 Jahren. Darin wird der körperliche und seelische Verfall eines jungen, erfolglosen Schriftstellers und Journalisten in Kristiania, dem heutigen Oslo, geschildert. Die Erzählungen sind eindringlich und die Verfassung des Erzählers schwankt zügig zwischen Wahnsinn, Hoffnung, Verzweiflung, Scham aber auch anderen Gefühlsausbrüchen.

Dieser Meilenstein der skandinavischen Literatur beeinflusste auch schriftstellerische Größen wie Franz Kafka, Thomas Mann, Marcel Proust, Ernest Hemingway und James Joyce. Um nur einige zu nennen. Martin Ernstsen hat in Text und Bild das Scheitern der Hauptfigur gekonnt dargestellt. Aber auch die innere Zerrissenheit. Immer wieder kommt es zu verzwickten Situationen. Und kein Ende ist in Sicht.

Knut Hamsuns Ruhm bekommt allerdings einen faden Beigeschmack. Denn er setzte sich aktiv für den Nationalsozialismus ein. Deswegen wurde er nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer hohen Geldstrafe wegen Kollaboration mit den Deutschen verurteilt. Martin Ernstsen nimmt glücklicherweise im Interview, das in der Pressemappe enthalten ist, ebenfalls davon Abstand und sagt: “Was Hamsuns politische Ansichten anbelangt, versuche ich den Menschen von seinem Werk getrennt zu betrachten. Für mich ist er ein literarisches Genie und gleichzeitig ein politischer Idiot. Ich kann seine Bücher wertschätzen, abgekoppelt von seinen politischen Ansichten, nicht zuletzt, weil in seinem Werk Politik so gut wie nicht vorkommt.”

Auch nach Abschluss der Graphic Novel besteht weiterhin die Frage: War das alles echt oder Einbildung? Halluziniert wegen seines Hungers? Oder Fantasien durch den hausgemachten Wahnsinn ernährt und großgezogen? Was bleibt sind viele Fragen – auch für die Figur – und wohl auch deshalb geht es gegen Ende, ohne Erfahrung auf einem Schiff, mit eben einem solchen auf eine Reise.

Und als Leser weiß man auch nicht, was zu glauben ist, und was mit Vorsicht zu genießen. Ein inneres Kräftemessen. Auch im Gesamten ist dies so. Unentschlossenheit wie diese Lesereise zu werten ist, was sich dabei gedacht wurde und ob die (bergeweise) Unklarheiten beabsichtigt sind oder nur logisches Resultat einer solchen Geschichte sind? Keine Ahnung. Hier bleiben für mich viele Fragen offen und das Gefühl, dass ich die Lücken füllen muss. Interpretationsspielraum. Gut geschrieben, keine Frage. Aber gleichzeitig auch schwer zu genießen und wenn, dann dosiert.

  • Autor: Knut Hamsun und Martin Ernstsen
  • Titel: Hunger
  • Verlag: avant-verlag
  • Erschienen: 09/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 220
  • ISBN: 978-3-96445-016-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 8/15 dpt


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