Karen Dionne - Die Moortochter (Cover © Goldmann

Karen Dionne – Die Moortochter (Buch)

Karen Dionne - Die Moortochter (Cover © Goldmann«Ich kann nicht glauben, dass ich ihn wiedersehen wollte. Dass ich diesen Mann geliebt habe. Einen Mann, für den Töten so selbstverständlich ist wie Atmen.»

Helena wächst anders auf, als andere Kinder. Ihre Mutter wurde mit vierzehn Jahren entführt und tief ins Moor der Upper Peninsula in Michigan verschleppt. Dort lebte sie unter primitivsten Bedingungen, ohne Strom und fließend Wasser, in einer Blockhütte. Drei Jahre nach ihrer Entführung bekam sie eine Tochter.

Der Entführer und Vater des Kindes bringt der kleinen Helena alles bei, was er als Halbindianer über das (Über-)Leben in der Wildnis weiß, lehrt sie das Jagen, Fährtenlesen, den Umgang mit Messern, das Schwimmen, das Tarnen. Für sie ist all das vollkommen normal – sie kennt schließlich nichts anderes, kommt nie in Berührung mit der Zivilisation. Obwohl ihr Vater gewalttätig ist, sie bei Ungehorsam zum Beispiel in den Brunnenschacht sperrt, liebt sie ihn über alles, verehrt ihn regelrecht. Auch sein brutales Verhalten gegenüber ihrer Mutter ist für sie normal, sie stellt es nie infrage. Doch eines Tages – mehr als vierzehn Jahre nach der Entführung – muss Helena erkennen, warum sie im Moor lebt und wer ihr Vater wirklich ist. Als er unterwegs zur Jagd ist, flieht sie gemeinsam mit ihrer Mutter und bringt ihn schließlich ins Gefängnis.

Viele Jahre später gelingt ihm der Ausbruch. Helena weiß, dass nur sie allein ihn finden kann und so begibt sie sich auf die Jagd nach ihrem einstigen Helden.

„Die Moortochter“ von Karen Dionne, die selbst in der von ihr beschriebenen Wildnis gelebt hat, ist mehr Survival-Drama als Psycho-Thriller. Während wir Helena in der Gegenwart auf der Suche nach ihrem Vater begleiten und auch ihre Familie kennenlernen, erzählt sie uns von ihrer Kindheit im Moor und wie sie mühsam lernen musste, sich später in der zivilisierten Welt zurechtzufinden. Ihr Bericht ist nüchtern, lässt keinen Platz für viele Emotionen, zeichnet aber ein deutliches Bild von der Landschaft und den archaischen Lebensbedingungen ihrer Kindheit. Man kann sich sehr gut vorstellen, wie sie mit ihrem Vater auf die Jagd geht, die Tiere ausweidet und ihre Mutter über der Feuerstelle das Essen zubereitet. Man sieht die Natur, die Blumen, den Schnee, den Wald lebhaft vor sich, sieht all das durch Helenas Augen, versteht, wie sie die Welt um sich herum erlebt hat. Die Erzählweise passt hervorragend zu der jungen Frau, die mit großen Emotionen nicht viel anfangen kann und die immer ein Kind der Wildnis bleiben wird. Sie ist kein gefühlsgetriebener Mensch, sondern denkt rational und analytisch, handelt instinktiv. Nichts anderes hat sie gelernt. Und nichts anderes hat auf der Jagd nach ihrem Vater Platz.

Es ist interessant und bedrückend zu erfahren, wie Helena die Ereignisse und das Zusammenleben wahrgenommen hat. Dass es für sie normal und gerechtfertigt war, wenn ihr Vater ihre Mutter schlug. Für Helena war alles, was ihr Vater tat und sagte, Gesetz. Warum hätte sie auch daran zweifeln sollen? Er war der einzige Mensch, der Einfluss auf sie ausübte und ihr das Leben erklärte. Ihre Mutter war nur Beiwerk. Selbst als sie die Wahrheit erfuhr und ihren Vater ins Gefängnis brachte, hörte sie nicht auf, ihn zu lieben. Ein Teil von ihr liebt ihn auch in der Gegenwart noch, gleichzeitig weiß sie, wie gefährlich er ist, und dass sie ihn ausschalten muss, bevor er ihrer Familie zu nahe kommt. Sie lässt uns teilhaben an ihrer inneren Zerrissenheit, an den Zweifeln und Erinnerungen – an den negativen wie positiven, an den wenigen liebevollen wie an den zahlreichen grausamen.

Die Spannung ist dabei eher subtil, ruhig – sie entsteht im Kopf. Es geht nicht um Effekthascherei, um überraschende Wendungen oder Cliffhanger. Vielmehr geht es um das unterschwellige Grauen, von dem die Protagonistin lange Zeit nichts ahnte, weil es für sie zur Normalität gehörte. Es geht darum, wie sich ein Kind, das in der Wildnis aufwächst, in der „echten“ Welt zurechtfinden muss. Es geht um die Schwierigkeiten, die Helena diesbezüglich auch viele Jahre später als Erwachsene immer noch hat, wenn ihr im alltäglichen Leben Gepflogenheiten und Konventionen begegnen, die ihr fremd sind. Und es geht darum, wie sehr ein Mensch einen anderen manipulieren und nach seinen Vorstellungen formen kann – und wie nachhaltig diese Manipulation einen Menschen beherrschen kann.

Man darf hier also keine rasante Handlung erwarten, keine actiongeladenen Szenen, kein spritzendes Blut. Auf manche mögen Helenas Schilderungen langatmig wirken, andere werden sie interessant und mitreißend finden. Die Vorstellung, wie Helena ihr Leben verbracht hat, wie sehr sie die Kindheitserlebnisse auch heute noch beeinflussen und wie ihr Vater nach seinem Ausbruch alle anderen hinters Licht führt, damit Helena diejenige ist, die ihn findet, lässt das Kopfkino auf Hochtouren laufen. Es ist durchaus spannend, Details über das Fährtenlesen, die spezifischen Arten unterschiedliche Tiere zu jagen und später zu schlachten sowie das harte Leben im Moor zu erfahren. Ebenso spannend ist es, den Entführer nicht aus Sicht des Opfers zu erleben, sondern mit den Augen eines liebenden Kindes zu sehen, das diesen Narzissten trotz seiner Bestrafungen fast schon vergöttert.

Eine gelungene Abwechslung sind die Auszüge aus Hans Christian Andersens „Die Tochter des Moorkönigs“, die einige Kapitel einleiten und mit denen Helenas Leben viele Parallelen aufweist. Auf diese Weise wirkt die Vergangenheit der Protagonistin noch unwirklicher – was nicht bedeuten soll, dass die Handlung unrealistisch wäre. Im Gegenteil, Karen Dionne bringt die Geschehnisse in einen stimmigen, nachvollziehbaren und vorstellbaren Kontext.

Fazit: Die Autorin erzählt eine runde Geschichte, die den typischen Entführungsfall in ein neues Licht rückt. Eingebettet in eindrückliche Landschaftsbeschreibungen erfahren wir alles aus dem Leben und der Gefühlswelt der Protagonistin. Dementsprechend bleiben andere Charaktere blass, was aber aufgrund der Erzählweise aus der Ich-Perspektive absolut gerechtfertigt ist. Wie Helena den Leser bereits am Anfang wissen lässt, soll es einzig um sie und ihre Geschichte gehen. „Die Moortochter“ ist kein hochspannender, temporeicher Thriller. Der Plot ist dramatisch und mit all den Hintergründen zum Leben in der Wildnis sowie zu den Besonderheiten Michigans äußerst eindringlich und intensiv, Helenas Erlebnisse sind erschreckend und befremdlich, ihr Weg vom Kind aus dem Moor zu einer liebenden Mutter sowie ihre unerbittliche Jagd auf ihren Vater sind ebenso berührend wie fesselnd. Dieses Buch überzeugt mit ruhigen Tönen und subtiler Spannung, die eher durch die eigene Vorstellungskraft als durch plastische, actionreiche Beschreibungen entsteht.

Cover © Goldmann

  • Autor: Karen Dionne
  • Titel: Die Moortochter
  • Originaltitel: The Marsh King’s Daughter
  • Übersetzer: Andreas Jäger
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 07/2017
  • Einband: Paperback, Klappenbroschur
  • Seiten: 384
  • ISBN: 978-3-442-20535-6
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 Survival-Kits