The Girl With All The Gifts (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Melanie geht wie nahezu alle Gleichaltrigen zur Schule. Das heißt, sie geht nicht, sondern wird in einem Rollstuhl fixiert, zum Unterricht gefahren. Wie ihre Klassenkameraden auch. In einer abgesicherten Militärbasis, unter strenger Bewachung zweier Soldaten. Melanie ist ein freundliches, aufgewecktes Mädchen, welches dem Unterricht in Windeseile folgen kann. Besonders blüht sie auf, wenn Miss Justineau Geschichten erzählt und selbst zum Geschichten schreiben auffordert. Im Zentrum der Erzählung – wie des Films – steht die Büchse der Pandora. Jenes Grauen, das sie entfesselt und das Fünkchen Hoffnung, das auf ihrem Boden weilt.

Hoffnung hat die Menschheit unbedingt nötig. Denn Pilzsporen haben einen Großteil der Erdbevölkerung infiziert. Das Gehirn wird befallen und aus zumindest rudimentär denkenden Wesen werden tollwütige Beißmaschinen. „The Girl With All The Gifts“ vermeidet das böse „Z“-Wort und nennt die Herumrasenden schlicht „Hungries“. Die an Rollstühle gebundenen Kinder sind Hungries der zweiten Generation. Hier ist der Pilz eine Symbiose mit dem menschlichen Gehirn eingegangen. Aus den vormals wie besinnungslos wütenden Wesen werden hochbegabte Adepten einer globalen Umwälzung. Allerdings mit weiterhin heftigem Beißreflex, sobald menschliches Fleisch ohne Schutzblocker in erreichbare Nähe kommt. Lediglich Melanie hat gelernt den Reflex halbwegs zu kontrollieren.

Sie wird zum Dreh- und Angelpunkt der Forschungen Dr. Caldwells, die aus dem Mädchen einen Impfstoff extrahieren möchte. Natürlich erst nach der Obduktion, was Helen Justineau nicht gefällt. Sie stellt sich der Ärztin in den Weg und wird gefangengesetzt. Doch nicht für lange, denn die umzäunte Bastion wird von Infizierten überrannt. Melanie, Justineau und der junge Soldat Gallagher können mit Hilfe Sergeant Parks entkommen. Im gepanzerten Gefährt befindet sich auch Dr. Caldwell. Konflikte sind vorprogrammiert.

Auf dem Weg zu einem anderen militärischen Standort erweist sich Melanie als unschätzbare Hilfe. Sie dient als Scout, lotst die kleine Gruppe durch zerfallene Stadtlandschaften voller Hungries. Am Ende der Reise stranden die Überlebenden in einem kleinen, abgeschotteten, aber menschenleeren Komplex. Nicht weit entfernt von einem pilzbefallenen Turm. Die Wucherung ist voller Früchte, die beim Aufplatzen weitere Sporen über die Erde verteilen würde. Das Ende der Menschheit würde noch weiter besiegelt. Oder wie Charles Baudelaire es ausdrückt (übersetzt von Carlo Schmid): «Wenn Erde nun ein feuchter Kerker ward, drin Hoffnung, flatternd wie die Fledermaus, die Wände streift mit ihrem Flügel zart, das Haupt sich stößt am Dach des Moderbaus.» Auch wenn es trügerisch sein mag, Hoffnung ist eine Option. Auch wenn sie sich am Ende vielleicht anders als erwartet entpuppen wird.

Neben dem vorzüglichen „Train To Busan“ ist „The Girl Will All The Gifts“ eine der interessantesten und gelungensten filmischen Umsetzungen der Zombie-Apokalypse. Wobei der Begriff „Zombie“ hier tatsächlich grenzwertig ist, denn die Hungries sind Infizierte, deren Gehirn von Pilzsporen okkupiert worden ist. In der nächsten Generation werden aus den tumb herumlaufenden Berserkern intelligente Symbionten, deren Klugheit, die der Menschen übertrifft. Deshalb wird Melanie, das Mädchen mit den besonderen Begabungen, zum Schrecken und Hoffnungsträger zugleich. Und gemeinsam mit Helen Justineau das Pendant zu Dr. Caldwell bei der Diskussion um das, was eine lebens-, beziehungsweise erhaltenswerte Existenz ausmacht, und ob man ein Leben nehmen darf, um viele weitere zu retten. Und wer die Deutungshoheit über den Begriff des Lebens hat. Fast im Vorbeigehen wird William Goldings „Lord Of The Flies“ vom Kopf auf die Füße gestellt. Eine gut organisierte Gruppe kindlicher Hungries geht auf die Jagd, es gibt keine Grabenkämpfe, keine chaotischen Selbstzerfleischungen, sondern gemeinsames, zielgerichtetes Agieren. Die auf ihr Ego zentrierten und entzweiten Erwachsenen sind unterlegen.

„The Girl With All The Gifts“ scheut sich nicht, diese und weitere philosophischen Fragen ins Zentrum zu hieven, wird dabei aber nicht zum langatmigen Thesenfilm, sondern ist, was Dramaturgie, Spannungsaufbau und die pointierten, gewalthaltigen Sequenzen angeht, dem Genre verhaftet. Atmosphärisch stehen „28 Days Later“ und sein Nachfolger näher als das von George A. Romero geprägte filmische Universum, inklusive „The Walking Dead“. Ein besonderer Kniff ist, dass die Apokalypse diesmal weder aus heiterem Himmel hereinbricht („Night Of The Living Dead“, „Dawn Of The Dead“), noch von Menschen durch Viren oder Chemieunfälle verursacht wird („Resident Evil“, „Virus“, „The Return of the Living Dead“), sondern die Natur in Form des mysteriösen Pilzbefalls verlorenes Areal vom Aggressor Mensch zurückerobert. Regisseur Colm McCarthy und seinem Team gelingen eindrückliche Aufnahmen von zerstörten Landschaften und Städten, in denen die Hungries entweder hyperaktiv für Horror sorgen oder wie somnambule Schaufensterpuppen in einem Alptraum beinahe regungslos verharren, jederzeit bereit zuzuschlagen.

Auch schauspielerisch ist „The Girl With All The Gifts“ ein Genuss. Gemma Arterton und Glenn Close, eher Gegenspielerinnen als im Kampf verbündet, spielen nahezu ungeschminkt ihre unterschiedlichen Charaktere höchst eindringlich. Arterton bewahrt sich ihre Empathie in mitleidlosen Zeiten und gleitet dabei nie in sentimentalen Kitsch ab, Close überzeugt als kühl kalkulierende Wissenschaftlerin, der man anmerkt, das sie ihren Zerreißpunkt irgendwann überschritten hat. Paddy Considine ist wie gewohnt eine verlässliche Kraft, sein Sergeant Parks wird glaubhaft vom despektierlichen Kommisskopf zum vielschichtigen Charakter, er hätte ein wenig mehr Screentime verdient. Phänomenal ist die junge Sennia Nanua in der Titelrolle, die jede Facette ihres Charakters überzeugend zur Geltung bringt. Freundlich, schelmisch, hilfsbereit, verantwortungsbewusst oder Kehlen zerfetzend – all das bekommt sie spielerisch hin. Watch that girl!

Trotz drohender Übersättigung zeigt „The Girl With All The Gifts“, wie faszinierend Zombies und Artverwandte in Szene gesetzt werden können, wenn kreative und fähige Menschen sich um das Thema bemühen. Bis auf wenige Äußerlichkeiten ist der Film rundum gelungen und hätte einen länger andauernden Kinoeinsatz verdient gehabt. Wer sich daran stört, dass nicht genügend in Eingeweiden gemanscht wird, hat reichlich Stoff zum Ausweichen, alle anderen finden in „The Girl With All The Gifts“ eine spannende Literaturverfilmung, eher Interpretation, die mit vielfältigen Schauwerten, Spannung und Stoff zum Nachdenken, glänzend unterhält.

They are approaching, Hurry now, we must protect ourselves and find some shelter*

Mighty Hogweed is avenged, Human bodies soon will know our anger*

* Genesis, „The Return Of The Giant Hogweed“
Cover und Szenebilder © Universum

  • Titel: The Girl With All The Gifts
  • Originaltitel: The Girl With All The Gifts
  • Produktionsland und -jahr: Großbritannien, 2016
  • Genre:
    Action, Horror, Drama
  • Erschienen: 23.06.2017
  • Label: Universum
  • Spielzeit:
    107 Minuten auf 1 DVD
    112 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Gemma Arterton
    Sennia Nanua
    Glenn Close
    Paddy Considine
    Fisayo Akinade
    Dominique Tipper
  • Regie:
    Colm McCarthy
  • Drehbuch:
     
    Mike Carey (Roman und Drehbuch)

  • Kamera:
    Simon Dennis
  • Schnitt:
    Matthew Cannings 
  • Musik:
    Cristobal Tapia de Veer
  • Extras:
    Interviews, Behind The Scences, Featurettes
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,00:1 (16:9 anamorph)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB, DD 5.1
    Untertitel:
    D, GB
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,00:1 (1080p/24)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB, IND, DTS-HD 5.1 MA
    Untertitel:
    D, GB
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 13/15 philosophische Zombies im Wohnzimmer

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Über den Autor

Jochen König

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Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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