Der Tod weint rote Tränen (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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der-tod-weint-rote-tränen-Blu-ray-Review-Cover“The Strange Colour Of Your Body’s Tears” ist der, wesentlich poetischere und korrekter übersetzte, englische Titel des zweiten Langfilms von Hélène Cattet und Bruno Forzani, nach dem betörend schönen Meta-Giallo “Amer”. Jener filmische Traum zwischen Sommerhitze und blutigem Mord im Herrenhaus, ein gelbes Gedicht in Rotblau, untermalt von Klängen aus den Filmen, welche die Regisseure beeinflussten. Daran hat sich bei “Der Tod weint rote Tränen” nichts geändert. Der exquisite Soundtrack (u.a. von Ennio Morricone, Riz Ortolani, den Gebrüdern De Angelis, Nico Fidenco und Bruno Nicolai) klingt wie für den Film erschaffen, ist aber erneut ein eklektischer und stilsicherer Giallo-Mix.

der tod weint rote tränen-kaleiWas man über den gesamten Film sagen könnte.  Cattet und Forzani haben den Kanon des Giallo verinnerlicht, wissen genug über die Mechanismen, Kunstgriffe, Obsessionen und psychologischen Achterbahnfahrten, um daraus eine ganz eigene, halluzinogene Bild- und Tonflut zu komponieren. Stringente Narration und Spannungsdramaturgie sind Ballast und werden gnadenlos über Bord geworfen. Wir befinden uns in einem Kino der Zeichen und Symbole, in dem jedes sorgsam arrangierte Bild auf sich selbst und darüber hinaus verweist, gleichzeitig Zitat und Original ist.

der-tod-weint-rote-tränen-2kkSatte Sekundärfarben, bevorzugt Rot und Blau, eingeschobene Sequenzen in Schwarzweiß, Zeitlupe, Großaufnahmen, Bildsprünge, Split Screen, orgiastische Musik, Extreme Großaufnahmen, elegante Kamerafahrten, fokussiertes Sounddesign, Kostümfetische, phallische Messer und schwarze Handschuhe  erschaffen ein Labyrinth, in dem sich nicht nur der Protagonist verlieren kann.

der tod weint rote - 02Dan Kristensen kehrt nach einer Geschäftsreise in seine formidable Jugendstilwohnung zurück und findet die Eingangstür von innen mit der Kette verschlossen vor. Seine Frau Edwige ist anscheinend spurlos verschwunden. Wer jetzt einen Slasher gemischt mit einem ‘locked-room-mystery’ und finsteren Ehegeheimnissen erwartet, sollte sich die ersten Absätze noch einmal zu Gemüte führen. Rätsel und Mysterien sind zwar reichlich vorhanden, doch verbergen sie sich in der Architektur, in Zwischenräumen, eingekeilt von Ängsten, fesselnder Erotik, Traumlandschaften und Wahnvorstellungen.

der tod weint rote - 03Gestalten in Schwarz tauchen aus dem Nichts auf und verschwinden wieder, nachdem ihre schwarzen Lederhände vulvaförmige Wunden mit langen Messern verursacht haben. Menschen sterben, im Traum, vielleicht auch in der Realität, verschwinden, tauchen wieder auf oder waren nie da. Vielleicht leben sie in den labyrinthischen Gängen im reich verzierten Mauerwerk oder über der abgehängten Decke.  Vielleicht ist es die ‘7’ oder doch das große ‘L’, das die Wahrheit verrät. Welche Wahrheit?

Die von Joachim Ringelnatz’ Bumerang: War einmal ein Bumerang; war ein Weniges zu lang. Bumerang flog ein Stück, aber kam nicht mehr zurück. Publikum – noch stundenlang – wartete auf den Bumerang”. David Lynch und Mark Frost schauen vorbei, zwischen “Inferno” und “Suspiria” findet sich Laura, wrapped in plastic. Die Ikone des rätselhaften Todes, der dorthin weist, wo das Böse wirklich wohnt. In den Wäldern möglicherweise, in Geheimräumen, oder im plüschigen Lustbett. Wer weiß. Alles ist möglich. Oder nichts.

Genau das macht “Der Tod weint rote Tränen” problematisch. Es ist nicht die Abwesenheit von erzählerischer Stringenz  und eines straff gespannten Spannungsbogens, der im Filmverlauf immer stärker angezogen wird. The-Strange-Colour-of-Your-Bodys-Tears-3Das gelingt den Filmemachern außerordentlich gut: Die Vielzahl an filmischen Mitteln und kurzen Augenblicken, die Wahrnehmung und Psyche des Zuschauers durcheinanderwirbeln, so zu verbinden, dass nicht der Eindruck eines Flickwerks aus lauter halluzinogenen Videoclips entsteht. Aber Hélène Cattet und Bruno Forzani wissen und können so viel und wollen es auch anwenden, am liebsten gleich und dauernd, sodass Willkürlichkeit  nicht ausbleibt.

Quasi die Alptraumlogik von Dario Argentos “Inferno” (das den Film mehr noch als “Suspiria” beeinflusst hat) auf die architektonische Spitze getrieben. Dies ergibt eine psychedelische Flut von Bildern und Klängen, in die man sich besinnungslos fallen lassen möchte, doch wird man nicht wohlig empfangen, sondern messerscharf in das kaleidoskopische Kompendium eines unheimlichen Wesens namens “Giallo” geschleudert.  Das alptraumhafte Treiben ist zu kaum einem Moment spannend, aber höllisch faszinierend allemal. Und wer die seltsame Farbe der Tränen deines Körpers ausführlich entschlüsseln möchte, hat viel zu tun.

der tod weint rote - augeLaura? Die lebt hier nicht mehr. Ich höre sie die Treppe hinaufkommen. Die Tür. Der Schrank. Das Messer. Der ovale Spiegel. Blau. Ein Tagebuch. Schon wieder. V wie Vagina. Rot. Schwarz. Handschuhe. Mehr Blut. Reißverschlüsse. What you see is what you get. Man kann ein Loch hineinbohren und mehr sehen. Mystics from Brussels. Atem. Augen. Tod.

“Ich inszeniere meine Filme wie große Feste … Für mich spielt im Film alles mit; Dekorationen, Lichtkombinationen, psychedelische Effekte, künstliche Klänge … Dies alles ergibt ein Gesamtkunstwerk, in dem sich eine Reinheit entwickelt, die wie ein Zuschauer nach dem Mysterium sucht.” Dario Argento, in einem Interview mit der Zeitschrift CINEMA. Gäbe es eine Unterschriftenliste, Hélène Cattet und Bruno Forzani wären garantiert ganz vorne mit dabei.

der tod weint rote - 4In ihrem unsäglich bornierten “Lexikon des Horrorfilms” kanzelten die Autoren Ronald M. Hahn und Volker Jansen Argento mit den Worten ab: “Dario Argento, einer der neuen Regiestars [gut, das gruselige Werk ist bereits etwas älter] des italienischen Horror-Kinos, beschreibt[!] mit Vorliebe das ekelhaft Unheimliche sowie das genüßliche Abstechen junger Mädchen. Daß er seine äußerst dünnen Plots damit tarnt, daß er es immer wieder versteht, ausgezeichnete Kameraleute zu finden und in der Dekorwahl und Musikuntermalung Meisterschaft zu zeigen [da hammse ausnahmsweise mal Recht], sollten uns nicht davon ablenken, wie einfallslos er im Grunde ist […] Ein Film soll auch eine Geschichte erzählen [Gibt es womöglich eine DIN-Norm? Dann wäre das ja maßgeblich, sagte der Clown mit dem Messer zum andalusischen Hund]!”  

Angesichts  von “Der Tod weint rote Tränen” müssten sich beide Autoren eigentlich schreiend durch funkelnde Buntglasfenster stürzen. Womit wir am Ende dann doch bei “Suspiria” wären.

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Cover & Szenenfotos © Koch Media

  • Titel: Der Tod weint rote Tränen
  • Originaltitel: L’ Étrange couleur des larmes de ton corps
  • Produktionsland und -jahr: Belgien, Frankreich, Luxemburg
  • Genre: Giallo, Horror, Mystery, Thriller, Arthouse, Psychedelik
  • Erschienen: 29.01.2015
  • Label: Koch Media
  • Spielzeit:
    98 Minuten auf  DVD
    102
    Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller: Klaus Tange
    Birgit Yew
    Hans de Munter
  • Regie: Hélène Cattet
    Bruno Forzani
  • Drehbuch: Hélène Cattet
    Bruno Forzani
  • Kamera: Greg Ephraim
  • Musik: Ennio Morricone, Riz Ortolani,
    Guido & Maurizio De Angelis, Nico Fidenco
    Bruno Nicolai, Giuseppe Da Luca
  • Extras: Exklusives Mediabook mit 20-seitigem Booklet
    Original Kinotrailer
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2.35:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Französisch, Dänisch, Dolby Digital 5.1, DTS
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2.35:1 (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch, Französisch, Dänisch, DTS HD-Master Audio 5.1
    Untertitel: 
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktlink
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman “Mitternachtsblues” (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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