Silence (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Endlich konnte Martin Scorsese sein Herzensprojekt realisieren. Vor mehr als 20 Jahren trug sich die Regielegende mit der Idee schwanger, den Roman „Chinmoku“ („Schweigen“) des japanischen Autors Endō Shūsaku zu verfilmen. Bei der knapp drei Jahre andauernden Geburt gebar der Regisseur einen Koloss, der ganz und gar anders ist, als seine Geschwister. „Silence“ ist das maximale Kontrastprogramm zum lauten und bunten Scorsese, der zuletzt in „Wolf Of Wall Street“ sämtliche Register seines Schaffens zog und auf die Spitze trieb. Ruhig, meditativ und tonnenschwer, aber eben auch brutal und in seiner ganz eigenen Form ausufernd: So lässt sich hingegen der neue Film beschreiben. Für Scorsese ist es eine Selbstfindungsreise, die beim zentralen Thema „Glaube“ kritisch beäugt werden muss.

 „Silence“ beschäftigt sich mit den zwei jungen Padres Rodrigues (Andrew Garfield) und Garupe (Adam Driver), die sich im Jahr 1638 als aus Portugal stammende Jesuiten auf eine Mission nach Japan begeben. Padre Ferreira (Liam Neeson) gilt seit Jahren als verschollen, es machen sogar Gerüchte die Runde, er sei vom Glauben abgefallen. Rodrigues erschüttern diese Vorwürfe, die er aber nur durch seine eigenen Augen entkräften kann. Die folgende Reise entwickelt sich zu einem Glaubenstest biblischen Ausmaßes (unterstützt von den passenden Querverweisen), der die ungeheuren Kraftleistungen beleuchtet, zu denen Menschen im Namen der Religionen imstande sind.

Als die beiden Padres in Japan ankommen, werden sie gleich von christlichen Einheimischen abgefangen, die ihre Religion in dörflichen Verhältnissen versteckt ausleben. Christen werden zu dieser Zeit verfolgt und vor die Wahl gestellt, ihrem Glauben abzuschwören oder zu sterben. Als Rodrigues und Garupe schließlich doch entdeckt werden, sind sie ein gefundenes Fressen für die Inquisitoren. Wenn sie es schaffen, die Padres zu brechen und sie dazu bringen, auf das Abbild der Jungfrau Maria zu treten, wird das Sakrileg weit größere Wirkung haben, als wenn einzelne Christen in Japan es tun. Scorsese stellt dabei die wichtige Frage, wodurch sich unerschütterlicher Glaube tatsächlich ausdrückt: Ist es immer die strikte Befolgung aller religiösen Praktiken, egal um welchen Preis?

Bis „Silence“ zu einer möglichen Antwort kommt, vergehen zweieinhalb Stunden voller Qual und Leid, die dem inneren Konflikt der Padres angemessen sind. Die herrschenden Shogun setzen auf fürchterliche Foltermethoden, kreuzigen und enthaupten diejenigen, die zum Christentum halten. Padre Rodrigues, der im Verlauf in den Mittelpunkt der Handlung gestellt wird, muss all das mitansehen und fühlt sich gleichermaßen inspiriert wie entlarvt von der Glaubenskraft der japanischen Christen. Wie kann er sich Christ nennen, wenn er andere für ihren Glauben schwerste Misshandlungen ertragen und sterben?

Das ist der aufs Äußerste reduzierte Ansatz von „Silence“, der durch wechselnde Figurenkonstellationen immer wieder die gleiche Frage aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Besonders interessant ist dabei die Figur des Kichijiro (Yōsuke Kubozuka), der aus Angst vor dem Tod mehrmals den symbolischen Akt der Apostasie vollzieht und anschließend immer wieder um Absolution bittet. Die Menschlichkeit, die im Christentum häufig als Schwäche ausgelegt wird, muss an dieser Stelle auf seinen Wert für die Religion überprüft werden. Ebenfalls stellt sich die Frage, ob Gott nicht auch im Stillen gedient werden kann, solange der Glaube den Menschen Kraft gibt und sie zu friedfertigen Wesen macht.

Dass in „Silence“ Christen verfolgt werden, ist sicher als Lehrstück gemeint, sich heute in Empathie zu üben, wenn andere Religionsanhänger aufgrund ihres Glaubens das gleiche Schicksal ereilt. Scorsese will auch nicht bekehren, dafür übt er als bekennender Christ genug bittere Kritik an beiden Seiten. Der Film gehört wahrscheinlich zu seinen persönlichsten Werken, die seine Faszination für Religion in Filmen wie „Kundun“ oder „Die letzte Versuchung Christi“ mit seinem inneren Diskurs über seine religiöse Orientierung verbindet. Dennoch schließt der Film eine andere, bedenklichere Lesart nicht konsequent genug aus. Der gute Christ muss seinen reinen Glauben gegen die anderen verteidigen. Die Shogun werden als das schlechthin Böse dargestellt, ohne dass eine passende Einordnung in den historischen Kontext vorgenommen wird. Zuvor galt Japan als offenes Land, gleichgültig gegenüber Herkunft und religiöser Orientierung. Erst nach einem blutigen Aufstand der Militärs und der Information, Portugiesen und Spanier würden als Missionare andere Länder destabilisieren, wurde eine Politik der Abschottung gefahren.

Das alles erinnert an die aktuelle politische Lage, in denen im Namen der Religionen gekämpft, terrorisiert und einmarschiert wird, ohne den eigenen Anteil an der Situation zu reflektieren. Der Clou an „Silence“, dass eigentlich keiner der Seiten recht gegeben wird und Scorsese ein anderes Verständnis von Religion am Herzen liegt, hätte durch eine menschlichere Darstellung der Inquisitoren deutlicher gemacht werden können. Dass die Filmpremiere im Vatikan stattfand, hinterlässt ebenfalls einen ambivalenten Eindruck. Ungerechtigkeit gab es auf beiden Seiten, aber sollte dieses Argument bei der Legitimation für die eigenen Taten herangezogen werden? Die bittere Erkenntnis, dass der spirituelle Wert von Religion von Politik und Strategie erdrückt wird, kann Scorsese dennoch keiner nehmen.

Von der Machart ist „Silence“ ein reduzierter Arthouse-Brocken, den man vom 74-jährigen Scorsese nicht unbedingt hat erwarten können. Ganz im Gegensatz zu seiner üblichen Herangehensweise verzichtet der Regisseur größtenteils auf Musik, ebenso auf hektische Schnitte und bunte Charaktere. Dem Inhalt entsprechend agiert Scorsese ruhig und bedächtig, in den richtigen Momenten aber auch laut und brutal. Unterstützt wird die Wucht des Films durch die Performances der Schauspieler sowie die Rohheit der Natur, die in Bild und Ton eindrucksvoll eingefangen wird. Nicht umsonst wurde Kameramann Rodrigo Prieto für den Oscar nominiert und mausert sich zur Stammwahl Scorseses. „Silence“ ist meditativ und auch gewollt repetitiv, trotzdem ist nicht jede Handlung und nicht jeder Dialog unverzichtbar.

Für die Beteiligten wird die Produktion des Films aber in jedem Fall ein besonderes Erlebnis gewesen sein. Die Schauspieler verloren für ihre Rollen ordentlich Gewicht, um den zermürbenden Kampf zu zeigen, der Körper und Geist ausmergelt. Die Erschließung der Drehorte rund um Taipeh in Taiwan erwies sich als schwierig, was die Realisierung des Films auch körperlich zu einer Herausforderung machte. Der Einbezug von MitarbeiterInnen verschiedenster Nationalitäten zeigt schließlich, dass 2017 Weltoffenheit zu erstaunlichen Projekten führen kann. Wären wir doch nur überall so weit.

Fazit: Mit „Silence“ stellt Scorsese im Spätherbst seiner Karriere einen unbequemen Brocken vor, der sich auf reduzierte, aber packende Weise mit dem Thema „Glauben“ auseinandersetzt. Der Regisseur stellt wichtige Fragen, hätte aber noch neutraler auf die wahren Gründe des Konflikts im 17. Jahrhundert eingehen können. Die harsche Machart ist wirkungsvoll und angemessen, am Ende ist aber nicht jeder Dialog so wirkungsvoll, wie er eingeplant war. „Silence“ ist das Gegenteil eines „Feel-Good-Movies“ und stellt auch für den Zuschauenden richtigerweise eine Qual dar. Am stärksten ist er dabei in den Momenten, in denen der wahre, menschliche Wert eines Glaubens diskutiert wird.

Cover und Bilder © Concorde Verleih

  • Titel: Silence
  • Produktionsland und -jahr: USA, TWN 2015
  • Genre:
    Drama
  • Erschienen: 07.09.2017
  • Label: Concorde Verleih
  • Spielzeit:
    161 Minuten auf 1 DVD
    161 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Andrew Garfield
    Adam Driver
    Liam Neeson
    Tadanobu Asano
    Ciarán Hinds
  • Regie: Martin Scorsese
  • Drehbuch:
    Martin Scorsese
    Jay Cocks

  • Kamera:
    Rodrigo Pietro

  • Extras:
    Silence: Die Reise des Martin Scorsese
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,35:1, (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1080p High Definition, 2,35:1, (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 10/15 dpt

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Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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