The November Man (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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The November Man (Cover) © Universum FilmManchmal tut’s so weh, dass man vor Leid nur noch lachen kann. Selbst im Home-Entertainment-Bereich gibt es kein Entkommen vor der berüchtigten Trailer-Show, die in diesem Fall nicht nur einen, sondern gleich zwei neue Filme von Liam Neeson bewirbt. Das passt perfekt zur Zielgruppe, der es gar nicht klischeehaft genug sein kann, leider aber auch zum eigentlichen Film „The November Man“, der eigentlich an die zumindest finanziell erfolgreiche James Bond-Karriere von Pierce Brosnan anknüpfen soll.

Dabei konnte der attraktive Ire mit dem von Roman Polanski inszenierten „Ghostwriter“ zwischenzeitlich sogar mal mit einem guten Film punkten, seitdem hat sich die Auswahl der Produktionen doch wieder in Richtung (unterirdisch) schlecht eingegroovt. Nun hat er sich wieder mit Regisseur Roger Donaldson („Dante’s Peak“) zusammen getan, um wie Liam Neeson eine Karriere als gealterter Actionstar zu starten und ein bisschen Rente einzuspielen. Das ist nicht nur schade, weil solche Filme wirklich niemand mehr braucht, sondern ganz besonders, weil beide Schauspieler sich deutlich unter Wert verkaufen. Aber eine Kritik ohne Begründung ist keine Kritik.

Ähnlich zum Oscarabräumer „Birdman“ versucht der Film zunächst über sich hinaus zu weisen: Pierce Brosnan spielt US-Special Agent Devereaux (James Bond? oder sich selbst?), der sich eigentlich aus dem Geschäft zurückgezogen hat und glücklich im traumhaft schönen Lausanne lebt. Doch dann bekommt er Besuch von seinem alten Kameraden Hanley (Bill Smitrovich), der ihn im Namen der CIA um seine Mithilfe bei einem Fall in Russland bittet. Devereaux zeigt sich zunächst unbeeindruckt, doch als der Name einer Frau fällt, willigt er ein. Das Comeback ist perfekt und es beginnt eine wendungsreiche Jagd durch Russland, Serbien, Montenegro und Finnland, bei der es schwer fällt den Überblick zu behalten.

The November Man Szenefoto 1 © Universum FilmNun ist es Standard, dass an Filme dieser Machart Logik nicht immer als Maßstab herangezogen werden sollte, dafür wurde ja die Rolle des Agenten erfunden, die für jede Situation die passende Antwort parat hat, die aber nicht erklärt werden muss. Aber „The November Man“ weist dann doch so eklatante Löcher auf, dass die Überforderung nicht nur am komplexen und überfrachteten Drehbuch fest gemacht werden kann. Es gibt fast keine Figur, die nicht ein spektakuläres Doppelleben führt, ein normales Leben scheint in diesem Universum gar nicht möglich zu sein. Jeder Charakter ist auf die abstruseste Weise miteinander verbunden und so passiert es, dass munter zwischen persönlichen Tragödien beziehungsweise Enttäuschungen und weltumspannenden Politikereignissen gewechselt wird und am Ende zufällig mit einer Klappe unzählige Fliegen geschlagen werden können. Eine Szene bringt das auf den Punkt: Eine Nebenfigur, die nur zwei Mal zu sehen ist, spricht über Staatsgeheimnisse, von denen sonst nur der Präsidentschaftskandidat weiß.

Dies lässt sich mit dem Umstand begründen, dass die Produzenten die Rechte an der kompletten „November Man“-Buchreihe von Bill Granger erworben haben. Zwar bezieht sich der Film hauptsächlich auf den Roman „There Are No Spies“, aber statt den restlichen Büchern je einen Film zu widmen, stopfen die Drehbuchautoren viele Teilaspekte aus allen Vorlagen in 108 Minuten „The November Man“. Deswegen kommt es zu der collagenartigen Erzählweise, in der Spione gegen Spione, junge Frauen gegen Staatsmänner und Staatsmänner gegen Staatsmänner ausgespielt werden. Doch bei all den großen Plottwists verliert der Film den Blick für die Details, was sich auch bei den Charakteren bemerkbar macht.

The November Man Szenefoto 2 © Universum FilmDevereaux beispielsweise ist zwar Profi durch und durch, er bekommt aber schlicht nicht die Zeit, damit sich seine Figur richtig entfalten kann. Wie schwer es ihm fällt in den Dienst zurückzukehren und sein idyllisches Leben zurückzulassen, wird gar nicht thematisiert, vielmehr schaltet er gleich von 0 auf 100. Persönliche Schicksalsschläge werden noch innerhalb der selben Szene abgehakt, ein Alkoholproblem kann im coolen Genuss einer halben Flasche Bourbon fälschlicherweise nicht wirklich herausgelesen werden. Plötzlich verwandelt sich der coole Agent dann in einen Psychopathen, dessen Tat eine Lektion für einen Kollegen sein soll, er aber nie und nimmer davon ausgehen kann, dass er die Aktion unter Kontrolle hatte.

Aber das Drehbuch kränkelt an noch vielen anderen Details. Dass Alice, gespielt von Ex-Bond-Girl Olga Kurylenko, nicht die ist die sie vorgibt zu sein, spoilert schon ihr im Original deutlich zu hörender Akzent. Da der Film fast ausschließlich in Belgrad gedreht wurde, wird kurzerhand der Sitzungssaal des städtischen Rathauses als die Duma in Moskau verkauft. Zu den unzähligen coolen Sprüchen und Klischeeszene gesellen sich ebenso viele Klischeethemen: Die Liebe ist für den Spion eine Herausforderung, vertraue niemandem, zeige keine Schwäche, das Gute wird siegen… Doch der Film verpasst es nicht nur an den richtigen Stellen die richtigen, unangenehmen Fragen zu stellen, die letzten 15 Minuten sind so unlogisch, dass es einem schwer fällt das immer heftiger werdende Stolpern nicht als Slapstick zu deuten. Alle Beteiligten begehen haarsträubende und nicht zu erklärende Fehler und es geschehen Dinge, die einfach nicht logisch sind und deren Konsequenzen nicht hinterfragt werden. Es passt also, dass das Happy End den Film an der Stelle beendet, an der es erst so richtig interessant werden könnte.

The November Man Szenefoto 3 © Universum FilmAbschließend fällt es tatsächlich schwer, dem Film etwas abzugewinnen. Die Locations sind ganz hübsch, die Actionszenen sind fachmännisch inszeniert und Pierce Brosnan spielt wirklich gut, auch wenn Manches dann doch zu sehr in Richtung Overacting tendiert. Interessant und ausnahmsweise auch mal aktuell ist der Einsatz von Drohnen, die einige nette Aufnahmen in den engen Straßen Belgrads ermöglichten. Und der Waffeneinsatz ist originell, auch wenn es spätestens beim Salzstreuer dann langsam lächerlich wird. Doch was ist das alles wert, wenn selbst der actionbegeisterte Gucker durch die fehlende Logik das Interesse an den Figuren und dem Plot verlieren?

Anton Corbijn verhunzte John le Carré, Roger Donaldson gelingt das Gleiche mit Bill Granger. „The November Man“ ist ein klischeebeladender 08/15-Spionage-Thriller, der mit seinem komplexen Drehbuch punkten will, aber nicht nur völlig überladen wirkt. Das Drehbuch weist so viele logische Fehler und Lücken auf, dass der Zuschauer aus dem Kopfschütteln kaum mehr raus kommt und dabei jeglichen Bezug zum Film verliert. Schade, dass Pierce Brosnan sich schnell wieder vom seriösen Filmemachen verabschiedet hat.

Cover & Szenenbilder © Universum Film

  • Titel: The November Man
  • Originaltitel: The November Man
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2014
  • Genre: Spionage-Thriller
  • Erschienen: 06.03.2015
  • Label: Universum Film
  • Spielzeit:
    104 Minuten auf 1 DVD
    108 Minuten auf 1 Blu-Rays
  • Darsteller:
    Pierce Brosnan
    Olga Kurylenko
    Luke Bracey
    Bill Smitrovich
    Lazar Ristovski
    Will Patton
    Eliza Taylor
  • Regie: Roger Donaldson
  • Drehbuch: 
    Michael Finch
    Karl Gajdusek
  • Kamera: Romain Lacourbas
  • Schnitt: John Gilbert
  • Musik: Marco Beltrami
  • Extras:
    Pierce Brosnan ist zurück!, Schauplatz Belgrad, Making Of, Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Video
    : 2,40:1 (16:9 anamorph)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D für Hörgeschädigte
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,40:1 (1080p/24)
    Sprachen/Ton
    :
     D, GB
    Untertitel:
    D für Hörgeschädigte
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 4/15 dpt


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The November Man (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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