Boston (Spielfilm, DVD/Blu-ray/4k-Blu-ray)

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Sollten sich Spielfilme mit realen Attentaten auseinandersetzen? Sollte aus dem Leid der Opfer in Hollywood-Manier Kapital geschlagen werden? In den Staaten sieht man die Sache traditionell ein wenig anders als in Europa, bei der kollektiven Trauerbewältigung wird gerne auf die Kraft der Inszenierung gesetzt. Leider kommt meist das Element des Patriotismus hinzu, der selten ohne einen Propaganda-Anstrich auskommt. Wer diese Kröte bei „Boston“ schluckt, bekommt immerhin einen packenden Hollywoodfilm geboten, der bei allen Einschränkungen und inszenatorischen Schwächen einen wichtigen Aspekt in den Mittelpunkt stellt, der zurzeit innerhalb der USA auf die Probe gestellt wird: Menschlichkeit.

Es dürfte sich um das bislang beste Werk von Peter Berg handeln. Sinnigerweise hat er sich von substanzlosen Fantasy-Action-Blockbustern wie „Hancock“ und der Schiffe-Versenken-Adaption(!) „Battleship“ verabschiedet und lebt verstärkt seine Leidenschaft für historisch fundierte Hollywood-Streifen aus. Nach dem eher mäßigen Kriegs-Geiselnahme-Thriller „Lone Survivor“ konnte die Verfilmung der „Deep Water Horizon“-Katastrophe mit ihrem Fokus auf das Schicksal der Bohrinselmitarbeiter schon eher punkten. Es wirkt fast so, als lege es Berg darauf an, den oft monokausal kritisierten Ansatz des Katastrophenblockbusters aufzunehmen, um aus der Position eines Unterschätzten mit weiteren Facetten die Kritik zu entkräften.

So leicht kann es Berg dann aber doch nicht nehmen, immerhin ist hier jeweils von Millionen-Budgets und stargespickten Casts die Rede, an die eine Gewinnerwartung geknüpft ist. Wenn Mark Wahlberg, John Goodman, Michelle Monaghan, J.K. Simmons, Kevin Bacon und Co. ihr Engagement dann auch noch auf emotionaler Ebene begründen und „Boston“ den Opfern des Attentats auf den Boston Marathon gewidmet ist, dürfte die Erwartungshaltung ordentlich Druck auf den Filmemacher ausüben. In den Geschehnissen vom Patrioten-Tag 2013 sah Berg aber mehrere Potenziale, die nur in einem Spielfilm bebildert werden können.

Das Drehbuch hat das reale Leben fast selbst geschrieben: Am 15. April 2013 machen sich die Bostoner auf zum traditionsreichen Marathon durch ihre Stadt, um am Patriots‘ Day sich und ihr Land zu feiern. Im Film werden verschiedene reale Personen begleitet, die im Laufe des Tages verschiedene Rollen einnehmen werden. Die Dramatisierung der Ereignisse wird aber auch daran deutlich, dass Mark Wahlbergs Charakter sich aus verschiedenen Polizisten zusammensetzt und hier und da etwas hinzu erfunden wird, um immer nah am Geschehen zu sein. Was gefällt, ist sein ambivalentes Auftreten, was ihn nicht immer zum Helden, sondern manchmal auch zum Zuschauer macht.

Als um 14:50 Uhr Ortszeit an der Zielgeraden kurz hintereinander zwei Bomben explodierten, kommen die meisten Fäden zusammen, durchaus erwartbar, aber dennoch mit aller Härte des realen Zufalls. Die Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew hatten am Streckenrand zwei Rücksäcke mit Sprengsätzen deponiert, die sie nach Anleitungen aus dem Internet aus Kochtöpfen, Nägeln und Scherben bastelten. Eine heimtückische Waffe, die zu schweren Verletzungen im Beinbereich führt. Berg schreckt nicht davor zurück, genau diese Brutalität zu zeigen und findet das richtige Maß, bis sich die Geschichte anderen Aspekten zuwendet. Was hingegen fehlt, ist eine differenzierte Darstellung der Attentäter. Sie stammen aus dem russischen Dagestan, hatten Verbindungen zu Tschetschenien und kämpften schließlich auf eigenen Faust im Namen des Islams. Ein Muster, das zurzeit in einer traurigen Regelmäßigkeit weltweit zu beobachten ist. In „Boston“ werden sie als Monster dargestellt, die ihr Menschlichkeit nur durch die Dummheit ihrer Aktionen zum Ausdruck bringen.

Natürlich ist es einfacher, sich die Mörder so vorzustellen, gleichzeitig fehlt aber die Einordnung, ob sie nicht beispielsweise einer Gehirnwäsche unterzogen wurden, oder ob sie Zweifel beziehungsweise Schuldgefühle plagen. Besonders pikant wird die Geschichte nämlich dann, wenn ihre Taten als Propaganda-Akt verurteilt werden, die sich nach dem Anschlag formierende „Boston Strong“-Bewegung aber das einzige friedliche Zeichen der Widerstandfähigkeit bleibt. Immer noch kämpft der überlebende Bruder gegen seine Verurteilung zum Tode, die als Praxis nicht hinterfragt wird. Dass genau diese fehlende Selbstreflexion eines patriotischen Landes zu einem Problem auf dem deutschen Markt führen könnte, ist an der Entschärfung des Films und der dazugehörigen Werbemaßnahmen zu erkennen. Hierzulande heißt er eben nicht „Patriots Day“, außerdem wurde das Originalende mit kämpferischen Statements von Zeitzeugen und Dokumentationen, die die Helden feiern, in das Bonusmaterial verschoben.

Demzufolge ist „Boston“ Teil einer Strategie im Umgang mit Terror, die ein Narrativ der inneren Stärke, der Resilienz gegenüber Angriffen von außen schafft. Das geht in Ordnung, solange es eben nicht als Verschleierung anderer Taten dient, denn immer noch befinden sich die USA in Kriegen und Konflikten. Wenn schon nicht die eigene Brutalität in anderen Ländern gezeigt wird, so sollte doch zumindest ein differenzierterer Blick auf die Gegner und Geschehnisse gegeben werden. Kathryn Bigelow und Paul Greengrass sind SpezialistInnen darin, die bitteren Seiten eines Anschlags zu beleuchten, die auch gerne mal wehtun. Fast schon pervers ist deswegen die Lesart, „Boston“ sei in Zeiten von innerer Gefahr symbolisiert durch den Präsidenten Trump ein Statement für einen gesunden Patriotismus. Stattdessen sollten die AmerikanerInnen häufiger präventiv arbeiten und eben nicht erst auf einen Schock reagieren.

Solange der Zuschauende das aber im Hinterkopf behält, kann sich „Boston“ als kurzweiliger Actionfilm mit emotionaler Schlagseite entpuppen. Das Drehbuch ist effektvoll geschrieben und schafft eine Sogwirkung, die einen genretypisch mitfiebern lässt. Trotz des bekannten Verlaufs und dem Schicksal der Brüder, bleibt ihr Fluchtversuch unglaublich. Als sie mitten in einem Bostoner Wohngebiet anfangen, mit Bomben um sich zu werfen, ist tatsächlich die Aussage angebracht, sie hätten den Krieg nach Amerika gebracht. Noch beeindruckender ist der Blick hinter die Kulissen. In den Darstellungen der Ermittlungsorganisation, die Aushandlungen zwischen FBI und örtlicher Polizei und die trotz manch fehlerhafter Entscheidungen erfolgreiche Suche nach den Tätern beweist Berg sein Auge fürs Detail und sein Potenzial in Richtung Seriosität.

„Boston“ zeigt, was ein Spielfilm im Vergleich zu einer Dokumentation leisten kann. Die Dramatisierung gibt dem Regisseur – immer vor dem Hintergrund der Akuratesse-Forderung – die Freiheit, fehlendes Bildmaterial zu ergänzen, Hintergründe zu erläutern und Erzählstränge zu straffen. Der Verschnitt mit realen Szenen unterstützt die Authentizität des Gezeigten, ebenso die Möglichkeit, einen Großteil des Films in Boston drehen zu dürfen. Es ist aber vor allem der Aspekt der Menschlichkeit, der an „Boston“ gefällt. Die „Boston Strong“-Bewegung hat sich gefunden, weil es die BürgerInnen waren, die sich gegen den Terror stellten. Immer wieder wird das besondere Lebensgefühl in Boston beschrieben, in dem Menschen zusammenfinden und in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Natürlich ist die Stadt eingebettet in das Land, in dem es liegt, dennoch wäre „Boston“ stärker gewesen, wenn es sich auf das Gemeinschaftsgefühl ganz ohne Patriotismus konzentriert hätte.

Es wäre zudem effektiver gewesen, wäre Berg konsequenter vorgegangen. Die Opfer des Anschlags, die zu Beginn einen recht großen Anteil am Plot bekommen, werden gen Ende recht spärlich und sehr pathetisch am Krankenbett besucht. Entweder fehlt die Reaktion auf die Rückkehr ins Leben oder die Figuren hätten auch zu Beginn weniger Platz einnehmen sollen. Die Gefühlsduselei ist auch gar nicht nötig, denn „Boston“ ist mitreißend und gefühlsbetont inszeniert. Daran hat auch der Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross seinen Anteil. Das Soundtrack-Dream-Team („The Social Network“, „Gone Girl“), das mittlerweile auch bei Nine Inch Nails gemeinsam auf der Bühne steht, passt perfekt zu den gerade genannten Stärken des Films und weiß trotz der eigenen Trademarks der visuellen Seite zu dienen. Die Musik fügt sich ohne Reibung ein und unterstützt den Film, ohne auf sich aufmerksam machen zu wollen. Der bekannte Mix aus ambienten Piano-Klängen und industrieller Noise-Kälte transportiert Trauer, Hoffnung, Melancholie, Brutalität und Liebe genauso wie das ständige Gefühl der Bedrohung, das bei „Boston“ im Mittelpunkt steht. Leider aber nicht immer in der richtigen Form.

FAZIT: „Boston“ muss sich den allgemeinen Vorwurf gefallen lassen, aus realem Leiden Hollywood zu machen und dabei im zweifelhaften Becken von Patriotismus und Propaganda zu fischen. Die Herangehensweise von Regisseur Peter Berg ist eine emotionale, die für kitschige Verklärung anfällig ist und deswegen trotz guter Ansätze einen differenzierten Blick à la Bigelow und Greengrass vermissen lässt. Dennoch ist „Boston“ ein mitreißender Film, der von seinem Cast und seinem Soundtrack, vor allem aber von seinem fachmännisch konstruierten Drehbuch profitiert. Blockbuster-Fans, die die zuvor genannten Schwächen im Hinterkopf behalten, können sich unterhalten und mitunter bewegt fühlen. Berg wünscht man unterdessen, dass ihn die Menschlichkeit der Geschichte fasziniert und er dabei nur seine amerikanischen Werte verarbeitet. Solange dies der Fall ist, wünscht man auch Amerika, dass Patriotismus keine Maske ist, hinter der sich etwas weitaus Hässlicheres verbirgt.

Cover und Bilder © Studiocanal

  • Titel: Boston
  • Originaltitel: Patriots Day
  • Produktionsland und -jahr: USA 2016
  • Genre:
    Drama
  • Erschienen: 07.09.2017
  • Label: Studicanal
  • Spielzeit:
    129 Minuten auf 1 DVD
    129 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Mark Wahlberg
    Michelle Monaghan
    John Goodman
    Kevin Bacon
    J.K. Simmons
    Rachel Brosnahan
  • Regie: Peter Berg
  • Drehbuch:
    Peter Berg
    Matt Cook
    Joshua Zetumer

    Paul Tamasy
    Eric Johnson
  • Kamera: Tobias A. Schliessler
  • Schnitt:
    Gabriel Fleming
    Colby Parker Jr.
  • Musik: Trent Reznor and Atticus Ross
  • Extras:
    Dokumentation: „Boston Strong” (3 Teile); Featurettes: Die realen Vorbilder: John Goodman & Ed Davis, Die realen Vorbilder: Jimmy O. Yang & Dun Meng, Researching the Day – Der Dreh, Boston – Die Stadt der Champions, Die Schauspieler erinnern sich, Die Helden vor Ort; Erweitertes Ende, Trailer,
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,40:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,40:1 (1080/24p Full HD)
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB
    Untertitel:
    D
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 9/15 dpt

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Über den Autor

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Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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Boston (Spielfilm, DVD/Blu-ray/4k-Blu-ray)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 6 min
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