Blood Simple (Director’s Cut Special Edition) (DVD/Blu-ray/4K)

0
2
1

Ob sich aus einem guten Regie-Debüt wirklich immer belastbare Aussagen über die Qualität der folgenden Karriere ziehen lassen, sollte Frage einer fundierteren Auseinandersetzung an anderer Stelle sein. Im Fall der Coen-Brüder ist jedoch festzustellen: „Blood Simple“ war für Joel und Ethan ein außergewöhnlich wichtiger, weil prägender Einstieg in die Welt des Filmemachens. Die nun bei Arthaus erscheinende Special Edition des Director’s Cuts lässt nicht nur den Film zum ersten Mal in Deutschland in restaurierter Blu-ray- und 4K-Qualität strahlen. Sie beleuchtet im Bonusmaterial auch die besonderen Hintergründe der Produktion und die Stellung innerhalb der Geschichte der Coens – sowohl in filmhistorischer als auch in privater Hinsicht.

1984: Mit Ende 20 versuchen die Coen-Brüder den Sprung ins Filmgeschäft. Sie glauben an ihr Projekt, schließlich stecken Jahre an Arbeit im Drehbuch. Das einzige Problem: Als Neulinge haben sie nicht das nötige Budget für die Realisierung. Im Bonus Material zur vorliegenden Version zeichnen die Beteiligten über Interviews ein Bild von der Entstehungsgeschichte, das mit Anekdoten über grünschnäblige Debütanten-Nerds, Fake-Trailern, der jungen Liebe zwischen Schauspielerin und Regisseur sowie Verbindungen zur Horror- und Pornobranche das Potenzial für ein eigenes Coen-Drehbuch hätte.

Es umschreibt aber auch auf anschauliche Weise die Rahmenbedingungen, unter denen ein Debüt-Film in den 1980er-Jahren zustande kommen konnte. Ethan und Joel bekamen noch gerade über die Ära des Low-Budget-Horrorfilms einen Fuß in die Tür, was nicht nur die Arbeit hinter der Kamera (beispielsweise in Sachen Technik und Arbeitsweise) beeinflusste. Obwohl „Blood Simple“ eher als Thriller zu kategorisieren ist, sind die Horror-Einflüsse kaum zu übersehen beziehungsweise zu überhören. Intelligent gesetzte Horror-, und eben nicht Schock-Momente, gekonntes Spiel mit Licht und der von Synthesizern beeinflusste Soundtrack von Carter Burwell (der sich ebenfalls zum zukünftigen Stammpartner der Coens entwickelt), all das wird nicht einfach nur unreflektiert kopiert, sondern in den eigenständigen Ton eingearbeitet.

Auch wenn „Blood Simple“ zusammen mit „Miller’s Crossing“ und später „No Country For Old Man” zur düsteren Seite im Coen’schen Katalog gehört, ist der unverkennbare Humor der Brüder schon mehr als im Ansatz zu erkennen. Zwar streiten Ethan und Joel ab, mit dem Film eine Parodie geschaffen zu haben, die zahlreichen subtilen, ironischen Brechungen von Thrillern und Noir-Krimis in Richtung schwarzem Humor können und wollen sie aber nicht verleugnen. Aufgrund der Rahmenbedingungen ist „Blood Simple“ zwar ein reduziertes, aber effizientes Werk geworden, das den Grundstein für die absurden Stories legte, für die die Coen-Brüder geliebt werden.

Die Prämisse ist denkbar simpel: Ein eifersüchtiger Ehemann (Dan Hedaya) beauftragt einen Privatdeketiv (M. Emmet Walsh) mit der Ermordung seiner Frau (Frances McDormand) und ihres Liebhabers (John Getz). Das Drehbuch weiß aus dieser Ausgangssituation jedoch eine ganze Menge zu machen. Die Coen-Brüder verbinden über Missverständnisse die vier Charaktere so geschickt, dass immer wieder neue Konstellationen entstehen, die die blutige Story vorantreiben. Dieses Fingerspitzengefühl wurde gleich mit dem Gewinn des Sundance Filmfestivals 1985 belohnt, was den großen Anklang in Kritikerreihen widerspiegelte.

Die Coen-Brüder sind nun im Geschäft, haben zu diesem Zeitpunkt aber auch schon einiges bewiesen: Sie können mit gestandenen Schauspielern umgehen, haben kluge Ideen für Schnitt und Sound und (vielleicht am wichtigsten) deuten ihren unvergleichlichen Stil an. Auch wenn hier und da der heutige Blick ein paar Längen und ein wenig Unperfektes zu erkennen vermag, schlägt sich das runde „Blood Simple“ in der starken Coen-Filmographie immer noch prächtig. Dementsprechend stand der Film auf der langen Liste an zu restaurierenden Schätzen der Vergangenheit, die für das HD-Format fit gemacht werden sollen.

In den USA wurde „Blood Simple“ im vergangenen Jahr über die magische Criterion Edition liebevoll als DVD-, Blu-ray- und 4K-Disc wiederveröffentlicht, kurze Zeit später wurde er 33 Jahre nach Erscheinen noch einmal im Kino gezeigt. Nun schafft es diese Version dank Arthaus nach Deutschland und umfasst im Heimkinoformat neben dem Film diverse Dokumentationen und Interviews, die die oben gezeigte Einordnung ermöglichen. Einziger kleiner Wermutstropfen: Seit die Coen-Brüder 2000 einen Director’s Cut veröffentlichten, ist der Originalfilm nur noch schwierig zu bekommen. Zwar handelt es sich (je nach Version) nur um drei bis vier Minuten und kleine Veränderungen im Soundtrack, die dadurch nicht zur Verfügung stehen, nach dem Vorbild anderer Re-Releases wäre es aber schön gewesen, diese Elemente für die SammlerInnen, ExpertInnen und ChronistInnen dieser Welt zur Verfügung zu stellen. Dabei bleibt aber auch die Frage, wer überhaupt über die Freigabe der Inhalte entscheidet und schlussendlich handelt es sich hierbei um den Director’s Cut. Ansonsten ist an der im Arthaus-Klassiker-System zu einem fairen Preis veröffentlichten Edition kein Haar in der Suppe zu finden.

Fazit: Ein Dritteljahrhundert nach dem erstmaligen Release kann nun auch in Deutschland die HD-Version des „Blood Simple“-Director’s Cuts erstanden werden. Diese Edition kommt der Vision der Regisseure am nächsten und wird durch interessante Inhalte im Bonusmaterial sinnvoll eingerahmt und in der Filmgeschichte verortet. Sie wird „Blood Simple“ gerecht, der den Weg zu der steilen Coen-Karriere geebnet hat, darüber hinaus aber auch ein rundes Werk ist, das sich vor den ihm nachfolgenden nicht zu verstecken braucht. Für die nächste Wiederveröffentlichung stehen noch die durch den Director’s Cut entfernte und veränderten Szenen, ansonsten lässt die vorliegende Version inklusive Booklet und Postkartenset kaum Wünsche offen.

Cover & Fotos © Studiocanal Home Entertainment

  • Titel: Blood Simple (Director’s Cut Special Edition)
  • Produktionsland und -jahr: USA 1984/1999
  • Genre:
    Thriller
    Noir
    Horror
  • Erschienen: 16.11.2017
  • Label: Arthaus
  • Spielzeit:
    96 Minuten auf 1 DVD
    96 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    Frances McDormand
    Dan Hedaya
    M. Emmet Walsh
    John Getz
  • Regie: Joel und Ethan Coen
  • Drehbuch: Joel und Ethan Coen
  • Kamera: Barry Sonnenfeld
  • Schnitt:
    Joel und Ethan Coen (als Roderick Jaynes)
    Don Wiegmann
  • Musik: Carter Burwell
  • Extras:
    „Spoof“ Features: Einführung vom (fiktiven) Filmhistoriker Mortimer Young (Forever Young Film Preservation) und der „Investor Trailer“ ; Interview mit Frances McDormand; Neue Interviews mit Joel & Ethan Coen, M. Emmet Walsh und Jon Getz; Postkartenset, Wendecover
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    1,85:1
    Sprachen/Ton
    :
    D, GB, FR
    Untertitel:
    D, GB, FR
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    1,85:1 (1080/24P FULL HD)
    Sprachen/Ton: D, GB, FR
    Untertitel:
    D, GB, FR
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: keine

Print Friendly, PDF & Email
2
1

Über den Autor

2
1

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

∇ mehr über Norman R/Kontakt
Print Friendly, PDF & Email
2
1

Schreibe einen Kommentar

Kommentiere als Erste(r)!

Benachrichtigung, wenn:
avatar
wpDiscuz

Blood Simple (Director’s Cut Special Editi…

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
0