Musik für die Raumstation #6: Brian Eno: Ambient 4 – On Land (1982)

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Brian Eno: Ambient 4 - On Land (1982)Als der Ausnahmekünstler Brian Eno sein epochales Meisterwerk Ambient 4 – On Land veröffentlichte, hatte das grelle Zeitalter von MTV gerade begonnen. In 1982 stand das Album durchaus quer zum damaligen Zeitgeist und erwies sich schnell als ein Geheimtipp für Klangjäger, die dem Synthie Pop aus dem Fernseher nur wenig abgewinnen konnten. Diese Funktion hat es nie verloren. Bis heute wird On Land entdeckt und wiederentdeckt. Es erstaunt stets neue Generationen an Musikliebhabern, die keinen Playlist-Algorithmus brauchen, der ihnen vorschreibt, was sie zu hören haben. Doch damit steht Ambient 4 – On Land nur an der Spitze eines akustischen Gebirges, das erkundet werden kann, falls man sich auf die Suche danach begibt. Es steht Schulter an Schulter mit den Werken von Cluster, Popol Vuh, O Yuki Conjugate, Michael Brook, Harold Budd oder Jon Hassel, deren Begegnungsprinzip stets die Entdeckung ist und nicht die vorlaute, kreischende Werbung. Diese Musik war nie richtig in, doch dafür war sie auch nie out. Sie ist ein perfektes Beispiel für das etwas rätselhafte Adjektiv zeitlos.

Und dieser Punkt ist von großer Wichtigkeit. Gute Musik eignet sich stets als imaginäre Landschaft für große Entdeckungsreisen. Hierbei werden neue Inseln entdeckt, Bergkämme bezwungen und tiefe Urwälder durchquert. Doch was wichtiger ist: Der Expeditionsteilnehmer gestaltet dabei unmittelbar seine ganz individuelle Reise, die zwar voller Überschneidungen mit den Routen anderer Musikforscher ist, doch letztendlich stets einzigartig und persönlich bleibt. Und das ist ein besonderes Privileg gerade in einer Ära, die zwar so gerne den Individualismus predigt und in Werbebotschaften die persönliche Verwirklichung propagiert, damit aber nur meint, dass alle denselben Plastikmüll kaufen sollen.

Menschen, die ihr ganzes Leben immer nur das gehört haben, was ihnen die Werbung befohlen hatte, werden nie verstehen, wie andersartig und wie reichhaltig die wahre Entdeckungsreise ist. Es ist lachhaft, wenn mir heute jemand erzählt, er hätte 40.000 Lieder auf seinem digitalen Abspielgerät und das mache ihn zu einem Musikfan. Dabei klingt inzwischen auch diese Behauptung recht altbacken, denn in Wirklichkeit speichert man kaum noch etwas ab und nimmt lieber an der Cloud teil. Mittels Spotify hat man alles auf seinem Handy. Doch das bedeutet lediglich, dass man gar nichts hat. Es hat keine Bedeutung, so wie leichte Siege keine Bedeutung haben. Erst wenn man angefangen hatte, eine eigene Plattensammlung anzulegen, beginnt sich die Seele des Reisenden zu offenbaren. Denn nicht nur das Machen von Kunst, sondern auch das Wahrnehmen von Kunst ist ein kreativer Prozess. Und als solcher ist es tief von einem Vorgang abhängig: der Entscheidung. Wer als Künstler keine starken Entscheidungen trifft, erschafft zumeist keine interessante Kunst. Doch Selbiges gilt für jeden, der Kunst erlebt. Dieser Vorgang ist nicht minder kreativ und verlangt nach ebenso starken Entscheidungen. Wer nie solche Entscheidungen getroffen hat, da er immer nur als ein passives Auffangbecken für Marketingtricks der Marktschreier gedient hat, wird das kaum nachvollziehen können. Man kann nicht zugleich individuell und ein Konsument sein. Diese beiden Zustände existieren nicht im selben Raumzeit-Kontinuum.

Darum ist es so wichtig, eine eigene Plattensammlung anzulegen. Und besteht diese nur aus fünfzehn Alben, sagt sie doch viel mehr über die Seelentiefe ihres Besitzers aus, als ein iPhone mit einem Spotify-Account.

Brian Eno: Ambient 4 - On Land (1982)

Passende Jahreszeit.

Und was hat das alles mit Brian Eno und On Land zu tun? Vielleicht gar nichts. Vielleicht alles. Doch sehe ich dieses Album (ob auf CD oder LP) bei jemandem im Regal, so weiß ich, dass ich auf einen Artgenossen gestoßen bin. Es ist wie ein unverkennbares Geheimzeichen einer Loge, deren Mitglieder es nicht gestattet haben, dass man ihnen einen großen Konsumtrichter in den Rachen rammt, durch den kübelweise der vergängliche Schund der Zeit hineingeschüttet wird.

Ambient 4 – On Land steht zweifelsohne auf den Schultern von Titanen. Hier wären insbesondere die beiden Cluster-Mitglieder Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius zu nennen, deren Einfluss auf Brian Eno nicht übersehen werden sollte. Eno ist unbestritten jener Demiurg, der uns den Begriff und das Genre Ambient gegeben hat, doch wie alle anderen Stilrichtungen entsteht eine solche Bewegung nie aus sich selbst heraus, sondern ist nur eine logische Konsequenz einer ganzen Reihe aus Vorgängern und Inspirationen. Und doch kann man nicht ignorieren, dass mit On Land der Ambient-Sphäre ein Album hinzugefügt wurde, das eine stilistische Vollendung des Genres darstellt.

Mochte Ambient 1 – Music For Airports noch eine beschauliche Aufbruchsstimmung inmitten von lichtdurchfluteter Architektur sein, erkundet On Land eine organische Welt aus Schatten und Moorlandschaften. Doch das Paradigma von Ambient bleibt hier erhalten. Die Musik ist weder verstörend, noch ist sie belangloser Muzak. Erneut obliegt es dem Hörer, zu entscheiden, mit welcher Intensität er sich mit dem Material auseinandersetzt. On Land kann damit ein Objekt detaillierter klanglicher Untersuchung sein, oder die stimmungsvollste Klangtapete aller Zeiten.

Brian Eno: Ambient 4 - On Land (1982)On Land besitzt einen roten Faden, der sich thematisch durch das Werk zieht und es damit zu einer Art Konzeptalbum macht. Es ist die musikalische Auseinandersetzung mit Ideen wie Umgebung, Topographie und Landschaft. Das Album ist in kleinen, häufig unterbrochenen Schritten insgesamt drei Jahre entstanden. Am Anfang mochten die Tracks deutlich im Bereich von sphärischer Synthesizer-Musik angesiedelt sein und damit perfekt dem Zeitgeist der späten 70er entsprechen. Und auch die Idee, diese Klangebenen mit atmosphärischen Tonband-Kollagen anzureichern, entsprach durchaus der experimentellen Erwartung dieser Jahre. Doch es ist der Prozess wiederkehrender Veredlung und Filterung, der hier interessant ist. Brian Eno hat später erzählt, dass am Ende kaum noch etwas von den ursprünglichen Synthesizer-Themen übriggeblieben war. Das musikalische Fundament wurde über Jahre von einem faszinierenden Dickicht aus analogen Tonband-Samples und einsamen Klängen zugewachsen und konnte am Ende entfernt werden, ohne dass das akustische Bauwerk darüber zusammenbrach. Was übrig blieb, ist eine kühle Nebellandschaft in der Dämmerung. On Land ist das geronnene Zwielicht eines kalten Herbsttages.

Brian Eno: Ambient 4 - On Land (1982)Überraschenderweise ist dieses Album keine einsame Eigenbrötlerei, obwohl diese Musik eine solche Vorstellung begünstigen würde. Denn bei genauerem Hinsehen ist Ambient 4 – On Land eine Konferenz großer Namen der experimentellen Musikszene jener Zeit. Der bereits genannte Jon Hassell steuerte dem Stück Shadows seine transformierten Trompeten-Stimmen bei. Bill Laswell (Bass) und Michael Beinhorn (Keyboards) von der New Yorker Kultband Material spielen auf dem Eröffnungstrack Lizard Point. Der Ambient-Pionier Michael Brook verlieh der Komposition Dunwich Beach, Autumn, 1960 seine schwebenden Gitarren-Klänge.

Das Resultat ist eine Klanglandschaft, die sich einer thematischen Greifbarkeit entzieht und damit eine Musik präsentiert, die sich jeglicher Abnutzung widersetzt. Hierbei spielt es keine Rolle, ob man das Album zehnmal oder hundertmal gehört hatte, das Ohr entdeckt unentwegt neue Abschnitte des Geflechts.

So haben wir es (ausnahmsweise) wirklich mit einem Beitrag zu tun, der das Prädikat zeitlos in jeder Hinsicht verdient. Falls du Ambient 4 – On Land noch nicht kennst, ist es höchste Zeit, nach der CD zu greifen. Die kriegt man inzwischen für ein paar Euro. Doch die Reise hat damit vermutlich erst begonnen.

Brian Eno: Ambient 4 - On Land (1982)


Images:
Cover images © EG, Brian Eno
futuristic spaceship command room“ by Luca Oleastri @ fotolia

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Über den Autor

Ales Pickar

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Schriftsteller, Ambientkünstler, Sound Chaser.
Nicht teamfähig, nicht belastbar.

Wer jedoch alles wissen will:
https://ales-pickar.squarespace.com/about-avenue/
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Musik für die Raumstation #6: Brian Eno: Ambien…

von Ales Pickar Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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