Am 13. August 1998 – es war ein Donnerstag – nahm der in Frankreich lebende Italiener Agostino Ferrari sein Jagdgewehr, setzte sich seinen Strohut auf und verließ das Landhaus. Er spazierte entlang der frisch gemähten Felder, in Sichtweite der Ortschaft Saint-Cyprien. Als er den Waldrand erreichte, bog er ab und verschwand im dichten Gehölz. In Hörweite der zirpenden Zikaden, umgeben von dem sommerlichen Gesang der Waldvögel, lehnte er sich gegen einen Baum, richtete das Gewehr gegen sein Herz und drückte ab.

Noch am selben Tag erschien sein Gesicht in sämtlichen französischen und italienischen TV-Nachrichten. Die Moderatoren benutzten dabei freilich jenen Namen, unter dem ihn Millionen kannten: Nino Ferrer. Am nächsten Tag titulierten die Tageszeitungen “Adieu Nino!“, und die etwas Gewitzteren schrieben, “Nino sei gen Süden geflogen“, in Anspielung auf einen seiner größten Hits.

Über seinen Tod wurde erwartungsgemäß viel spekuliert. Von psychischer Instablität ist die Rede und von einem gebrochenen Herzen über den Tod seiner Mutter, die nur wenige Wochen davor verstarbt. Davon, dass Nino Ferrer schon immer extremen Stimmungsschwankungen unterlag und vermutlich bipolar war. Doch alle Diskussionen werden von der Gewissheit beherrscht, dass Nino Ferrer ein halbes Leben in einem Zwiespalt zwischen seiner künstlerischen Vision und den Erwartungen des Publikums verbracht hatte – und nicht selten darüber tief unglücklich war. “Don Nino Ferrer” witzeln manche, in Anspielung auf Don Quixote. So zumindest erschien den Branchenfachleuten der eigenwillige Musiker, der aus unerklärlichen Gründen nie zufrieden mit seinen Erfolgen war.

Nino Ferrer feierte seine ersten Hits als ein “Chansonnier”. Doch das ist nur ein Wort, das in Deutschland gebräuchlich ist (vermutlich, um “Chanson” mit dem “Schlager” analog zu setzen) und für die Franzosen nur wenig Sinn hat. Am Anbeginn der 60er Jahre gehörte Ferrer, nebst Claude Nougaro, Serge Gainsbourg, France Gall, Antoine, Johnny Hallyday und Sylvie Vartan, zu jener Welle junger Wilder, die den neuartigen Yé-Yé-Sound prägte. Sie verjüngten den traditionellen Chanson-Stil mit Elementen des britischen Rock und des amerikanischen R’n’B – und erschuffen damit einen flotten und sichtlich zeitgemäßen Sound für die junge Generation. Sie assimilierten den anglo-amerikanischen Sound, doch eben auf Französisch.

Nino Ferrer feierte seinen ersten Erfolg mit dem Song “Mirza“, den er 1965 aufnahm. Seine Texte waren häufig augenzwinkernd und das verlieh ihm schon bald den Ruf, ein eher humoristischer Liedermacher zu sein, wenn schon kein expliziter Blödelbarde. Dies erschuf einen kreativen Schatten, aus dem herauszutreten, Nino Ferrer ein Leben lang bemüht war.

Und wie viele andere Yé-Yé Boys und Yé-Yé Girls richtete auch Nino Ferrer seinen Blick auf die Zukunft und auf die Musik der Übersee. Gerade Ferrer und Gainsbourg verstanden sehr gut, dass in jenen Jahren das Rock-Genre gerade erst begonnen hatte, seine wahren Umrisse zu zeigen. Das französische Publikum, die Plattenfirmen und Radiostationen, aber allem voran die Zeitungen waren jedoch nicht an musikalischen “Panta rhei!”-Bekenntnissen interessiert. Sie hatten ihre Stars und Pop-Ikonen, mit all ihren Skandalen, Affären und ansprechenden, leichtherzigen Hits. Jegliche Verkopfung der Musik war da unerwünscht.

Doch für Geister wie Gainsbourg oder Ferrer war die Verjüngung des Chansons keine singuläre Idee. Schon bald drangen ganz andere Sounds an ihre Ohren – Psychedelic Rock, Funk, Jazz Fusion und Progressive Rock. Für Nino Ferrer stand fest, dass es an der Zeit war, den adretten Smoking an den Kleiderhaken zu hängen.

Damit aber begann auch ein ständiger Zwiespalt zwischen einem Musiker, der begierig war, kreativ zu wachsen und einem Publikum, das lieber “den alten Nino” zurückwollte. Und Ferrer verwandelte sich zu zunehmend in jenen Don Quixote, der unentwegt mit den Windmühlenarmen der Plattenindustrie kämpft. Wenig hilfreich war dabei sein Temperament und die damit verbundenen Wutanfälle und Depressionen, vertraut gepaart mit Augenblicken von große Euphorie. In den späten 60ern und frühen 70ern besaßen die Menschen dafür kaum ein Vokabular.

Gainsbourg und Ferrer teilten die Überzeugung, dass das französische Publikum den Ansprüchen der beiden Ausnahmekünstler hinterher hinkte. Man verlangte von ihnen “Hits”, während beide Männer wussten, dass die Zeiten der “Single” vorbei waren und die Ära der LP längst angebrochen war. Zweifelsohne war es Serge Gainsbourg, der bei der unaufhaltsamen Metamorphose der Chanson-Künstler die Führung übernahm. Niemand war provokanter, niemand schien weiter in die Zukunft der populären Musik zu blicken. Sein Album “Histoire de Melody Nelson” schrieb Musikgeschichte und seine skandalösen, Tabus brechenden Texte schockierten das Kleinbürgertum. Gainsbourg erforschte die Ränder der Gesellschaft. Seine Musik war verraucht, lüstern und narkotisiert. Nino Ferrers Musik war hingegen eine Liebeserklärung an das Leben selbst und verinnerlichte unentwegt den neuen Sound, der da aus dem anglo-amerikanischen Raum kam. Insbesondere Psychedelic Rock und den fieberhaften Funk.

1974 erschien auf diese Weise eines seiner wichtigsten Alben, das stimmungsvolle “Nino and Radiah“.

Bereits der Versuch, dieses Album diskographisch einzuordnen, stößt auf Nino Ferrers Widerstand. Chronologisch war dies seine siebte LP, doch er selbst sah “Nino & Radiah” als seinen dritten Beitrag, da er sich weigerte vier seiner alten Schallplatten als gültige Beiträge zu zählen. Dies waren zusammengewürfelte Song-Alben für ihn, produziert und gestaltet von den Plattenfirmen und mit nur wenig Einfluss seitens des ausführenden Künstlers. Nino Ferrer selbst bezeichnete seine seichten Hits als eine Musik, die man überwiegend in Fahrstühlen und Pissoirs zu hören bekommt. Wonach sein Herz schlug, scheint der blonde Jukebox-Star bereits in 1966 seinem Publikum mit dem Song “Je Veux Être Noire!” gesteckt zu haben – “Ich möchte schwarz sein!”. Die Botschaft wurde vermutlich nicht in Gänze verstanden.

Radiah Frye auf dem Titelcover von "Essence"
Radiah Frye auf dem Titelcover von “Essence”
Nino & Radiah” eröffnet mit dem verträumten “South“, einem sentimentalen Blick auf das mediterrane Landleben. Der Produzent und Arrangeur Bernard Estardy brachte Nino Ferrer dazu, eine zweite Version aufzunehmen, diesmal auf Französisch, mit dem naheliegenden Titel “Le Sud“. Diese erschien parallel als eigene 7” und war in Frankreich ein riesiger Erfolg, der zum Song des Jahres 1974 gekürt wurde. Ironischer Weise war diese Version nicht auf dem Album zu finden, das Nino letztendlich für ein anglo-amerikanisches Publikum aufnahm. Also folgte im darauffolgendem Jahr das Label mit einer neuen Version, in der “South” gegen “Le Sud” austauschte und ein “ent-nudifiziertes” Cover benutzte. Erst in 2018 brachte das Label “Barclay” eine neue Pressung heraus, die zwar gewohnt mit der englischen Version anfing, doch am Ende des Album zusätzlich die französische Version besitzt. Offensichtlich die nun endgültige und ideale Version, die zu besitzen sich empfiehlt.

Und doch zeigt diese Zweispurigkeit, wie mühsam es für Nino Ferrer stets war, seine kommerziellen Erfolge und seine musikalischen Ansprüche irgendwie unter einen Strohhut zu bringen. Etwas, wofür manch ein französischer Musik- und Kulturkommentator wenig Geduld aufbrachte. Nino Ferrer wurde dabei oft als kapriziös geschildert. Und die französischen Kritiker verstanden manchmal nicht, was denn sein Problem ist – angesichts all der Hits und Single-Erfolge.

Diese Scheibe besitzt eine zeitlose Eleganz und ein augenzwinkerndes, sommerliches Gefühl, jedoch mit starken finsteren Kontrasten, die sich an manchen Stellen wie dunkle Schatten erheben. Das gesamte Album ist äußerst funky, doch zugleich auch extrem zurückgelehnt und lässig. Einige Tracks können ihre Inspirationen und Einflüsse kaum verbergen. Funkadelic, Little Feat und Sly and the Family Stone schimmern hier ebenso hindurch wie Simon and Garfunkel. Insgesamt besitzt diese Platte keine Schwächen und fließt zwanglos dahin, wie ein viel zu schöner Sommertag manchmal viel zu schnell vorüber ist.

Eine der Geheimwaffen dieser wundersamen Produktion ist die amerikanische Band “Ice”, die nicht lange zuvor von New York nach Paris übergesiedelt hatte. In der Heimat hatten sie unter dem Namen “LaFayette Afro-Rock Band” Reden von sich gemacht und sich als eine straffe Funk- und Afro-Beat-Kapelle etabliert. Sie sind es, die diesem Album seinen funkigen Groove geben, aber auch ein authentisches Image. Das hier ist nicht der Versuch, “funky” zu klingen. It’s the real thing.

 
Nino Ferrer spielt “Le Sud” im französischen Fernsehen.
Meine persönlichen Höhepunkte dieses Albums sind:
– Der Titel-Track “South“, dessen sentimentale Stimmung eines späten hochsommerlichen Nachmittags unschlagbar ist.
– Das soulige Stück “Hot Toddy“, das mit seinen acht-ein-halb Minuten tief in die psychedelischen Gefilde abdriftet.
– Und das gainsbouresque “Looking For You“, dessen mysteriöse Streicher-Motive dem Lied eine eigene cinematische Dimension verleihen. Frank Abel legt dabei ein sinnliches Solo an der elektrischen Orgel hin, gejagt durch einen rotierenden Leslie-Lautsprecher.

Das Album wird zusätzlich durch das Cover aufgewertet, das den ländlich inspirierten Nino Ferrer mit seiner Partnerin Radiah Frye zeigt. Die Sängerin ließ hierzu die Textilien fallen und trug damit zu einem der ikonografischen Plattencover der 70er Jahre bei. Heute mag das Titelbild manchen kontrovers erscheinen – und hierbei einige Social-Media-Schnüffel-Bots auf der Suche nach übersehener nackter Haut triggern. Doch das hat mehr damit zu tun, dass wir in einem gänzlich neurotischen Zeitalter leben, das zunehmend jeglichen Zugang zu Prioritäten verloren hat. Insbesondere, da Radiahs Rolle bei diesem Projekt weit über das Posieren als Nacktmodel hinausgeht. Sie schrieb bei fünf der Tracks mit und sang auf jedem Stück!

Das Plattencover mochte in 1974 noch eine Sehnsucht und Schwärmerei des Ausnahmekünstlers reflektieren. Doch Nino Ferrer zögerte nicht lange und kaufte von den Einnahmen der erfolgreichen Single “Le Sud” ein ländliches Anwesen, wo er sich fortan der Malerei widmete und Musik produzierte. Der mediale Puls der Großstadt widerte ihn zu diesem Zeitpunkt längst an.

Diese LP steht Schulter an Schulter mit Serge Gainsbourgs “Melody Nelson“, als einer der großen Beiträge aus Frankreich. Der perfekte Sound für eine längere Autofahrt.

Und für mich ein 5-Sterne-Album.

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