David Sylvian: Alchemy - An Index Of PossibilitiesDavid Sylvians zweites Album ist ein magischer Wurf, tief eingebettet in die Sphären von Ambient und “Fourth World Music“. Und das Album ist auch ein selbstbewusstes Statement eines jungen Künstlers, der nicht gewillt ist, in die Machinationen der Musikindustrie gezerrt zu werden. Dabei ist David Sylvian mehr als nur ein Musiker – er ist ein Phänomen und als Frontman der Band “Japan” eine Supernova der 80er Jahre; ein poetischer Sänger, dessen wiedererkennbare weiche Stimme diesem Jahrzehnt ihre Identität gab.

David Sylvian - in seinen Tagen als Frontmann und Sänger der Band Japan
David Sylvian – in seinen Tagen als Frontmann und Sänger der Band Japan

Um so faszinierender, dass Sylvians Drang nach atmosphärischen experimentellen Klängen ihn stets auch in die Gefilde von reiner Instrumentalmusik führte, fern seiner Stimme, mit ihrem berühmten Alleinstehungsmerkmal. Und das erfordert künstlerisches Selbstbewusstsein und eine starke Schaffenskraft. Sylvian verzichtet hier auf seine kommerziell trächtigste Eigenschaft – seine Stimme -, zugunsten einer subtilen Klanglandschaft, die damals vermutlich nur wenig Anhänger und Befürworter fand.

So überrascht es nicht, dass “Alchemy – An Index Of Possibilities” anfangs in 1985 nur eine Veröffentlichung als Kassette erfuhr, zwar mit dem Siegel von “Virgin”, doch sichtlich in der Grauzone von Selfpublishing angesiedelt. Erst sechs Jahre später erschien das Album zumindest in Japan auf einer CD, und weitere 12 Jahre später, in 2003, dann in Europa. Doch eine endgültige Version fand erst in der Neuzeit zur Publikation, in 2018 – dann in aller gebotener Würde auf Vinyl, was heutzutage häufig ein Ausdruck davon ist, dass ein Label ein Album endlich ernst nimmt (und somit bereit ist, darin zu investieren).

In der Welt von früher Ambient- und “Fourth-World“-Musik ist “Alchemy – An Index Of Possibilities” ein wahres Juwel. Das Album ist aus drei Bausteinen zusammengewürfelt, was in anderen Situationen kein Kompliment wäre – doch hier stört es in keinster Weise. Die Entstehung dieser Arbeit ist durchaus unübersichtlich, was aber damals ein typisches Merkmal solcher Projekte war. Bereits Brian Eno wurde zügig zu einem jettsettenden Künstler mit angebrochenen Tonbändern im Rucksack. Dies erklärt auch, wie solche sichtlich unkommerziellen Würfe seinerzeit diese großen Aufgebote an namhaften Künstlern aufzuweisen vermochten. Das eigene Instrument dem Gesamtmix hinzuzufügen, war relativ unaufwändig, da es zumeist freiförmige Improvisationsmusik war und die einzelnen Künstler mussten sich auf ihren “Take” nicht allzu sehr vorbereiten.

Ursprüngliche Kassettenhülle von 1984.
Ursprüngliche Kassettenhülle von 1984 (Innen).

Die A-Seite besteht aus zwei Hauptkompositionen – dem stimmungsvollen “Words With The Shaman – Part 1-3“, das insgesamt 14 Minuten lang ist und dem deutlich kürzeren Track “Preparations For A Journey“.

Words With The Shaman” ist in erster Linie eine intensive Zusammenarbeit mit dem experimentellen Trompetenspieler Jon Hassell, dessen rätselhafte Handschrift hier unverkennbar ist. Der Erfinder des “Fourth World” erweckt erwartungsgemäß Impressionen ferner Hemisphären. Mit an Bord ist auch der “Japan”-Schlagzeuger Steve Jansen, der hier einen tribalen, treibenden Beat liefert, während der Fusion-Bassist und “Brand X”-Mitglied Percy Jones einen abstrakten Sound in den tieferen Frequenzen beisteuert. Und dann ist da auch Holger Czukay von der deutschen Band “Can”, der Samples aus seinem Archiv einspielt.

Preparations For A Journey” ist ein 4minütiges elektronisches Stück, im Alleingang von David Sylvian eingespielt. Die Synthesizer-Sounds scheinen sich hier vorzutasten, auf der Suche nach einem akustischen Pfad. Das Stück wurde in 1984 in Tokyo eingespielt.

Ursprüngliche VHS-Hülle zu “Steel Cathedrals”.

Die B-Seite beinhaltet nur eine Komposition – das 19 Minuten lange Stück “Steel Cathedrals“. Dieser Track entstand ursprünglich als Soundtrack für eine experimentele Doku des japanischen Regisseurs Yasuyuki Yamaguchi. David Sylvian meinte später, dass er nicht unbedingt von der ganzen Kurzfilm-Idee begeistert war, doch damals dringend Geld braucht. Die Musik dazu entwickelte er zusammen mit Ryuichi Sakamoto, mit dem er über die Jahre immer wieder arbeitete. Die Aufnahmen dazu fanden in November 1984 statt und dauerten drei Tage. Der Sound ist durchaus dem Subgenre “Dark Ambient” zuzurechnen und reflektiert wundersam die urbane, finstere Atmosphäre des industriellen Vororts von Tokyo, wo damals die Doku gedreht wurde.

Japanische CD-Pressung von 1991.

Später nahm David Sylvian das Material zurück nach London und verfeinerte es für sein kommendes Album. Hierbei verpflichtete er auch den Flügelhorn-Virtuosen Kenny Wheeler, dessen jazziger Sound der Musik eine zeitlose Note gibt. Ebenso finden sich hier auch die beiden E-Gitarren-Gurus Robert Fripp (“King Crimson”) und Masami Tsuchiya (“Ippu-Do”) und improvisieren ächzende und rätselhafte Klänge. Es bleibt dem Zuhörer überlassen, zu deuten wer von ihnen für die jeweilige Einspielung zuständig ist. Sakamoto spielt dazu schwermütige und einsam anmutende Klavierakkorde. “Steel Cathedrals” ist ein düsteres Stück. Es ist eine musikalische Beschreibung einer dystopischen, industriellen Landschaft. Eine verlassene Infrastruktur aus Stahlbeton, nun gegossen in Töne.

Es versteht sich, dass das hier die perfekte Musik für die Raumstation ist – doch es ist ebenso ein gelungener Begleiter für einen Tag im Home Office, oder während einer Reise. Diese Musik kann ein großartiger Soundtrack für das Fenster eines Eilzugs, oder das versunkene Schlendern durch eine nächtliche Stadt.


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