Matthew Weiner – Alles über Heather (Buch)

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Mit Spannung wurde der Debütroman von Matthew Weiner erwartet, einem der Schwergewichte in der US-TV-Landschaft. Als einer der Executive Producer und Schreiber bei „Sopranos“ und als Entwickler von „Mad Men“ konnte Weiner über die Jahre beweisen, dass sich auch aus sozialpsychologischen Studien spannender und ansprechender Serienspaß stricken lässt. „Alles über Heather“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, allerdings kommt das Buch trotz technischer Stärken und analytischem Scharfsinn deutlich zynischer und weniger mitreißend daher als die genannten Referenzen. Und dann wären da noch die Vorwürfe gegen Weiner im Zuge der #metoo-Debatte, die die Kritik eigentlich erst einmal beiseitelassen sollte. Doch gerade der vorliegende Fall zeigt, wie schwierig das sein kann, sobald eine solche Anschuldigung im Raum steht.

Matthew Weiners Karriere beeindruckt vor allem deswegen, weil sie vom Siegeszug des Verkannten zeugt. Lange flog der Schreiber unter dem Radar, seine erste umgesetzte TV-Arbeit war 1997 eine Folge der Sitcom „The Naked Truth“. Es folgten Arbeiten an durchschnittlichen Produktionen, ehe er 2004 von David Chase für „Sopranos“ verpflichtet wurde. Dieser zeigte sich begeistert vom „Mad Men“-Piloten, den Weiner bereits 1999 schrieb, der aber erst 2007 umgesetzt wurde. Seit dem Erfolg „seiner“ Serie gehört er zur Riege der erfolgreichsten Fernseh-Macher der Staaten und das mit Geschichten, die den Zuschauenden aufgrund ihrer unspektakulären, am Menschen interessierten Machart bannen.

Möglich wurde die neue TV-Ära erst durch das Bezahlsystem des Senders HBO, der sich fortan nicht mehr allzu sehr um Quoten kümmern musste. Stattdessen entstanden und entstehen bis heute immer mehr außergewöhnliche und qualitativ hochwertige Produktionen, die sich Zeit lassen und eine völlig neue Wucht entwickeln konnten, die wie verfilmte Literatur wirken. Es kommt nicht von ungefähr, dass Weiners geplantes Projekt „The Romanoffs“ auf die Epik der russischen Geschichte anspielt, an der die Meisterwerke Dostojewskis, Tolstois & co. einen großen Anteil haben. Weiter verwundert kaum, dass Weiner schon lange der Traum umtreibt, sich selbst an einem Roman zu versuchen.

Dieser heißt „Alles über Heather“ und zählt gerade einmal 130 Seiten. Nicht der einzige (scheinbare) Gegensatz, denn auch inhaltlich irritiert Weiner zunächst mit einem gestalterischen Kniff. Heathers Geschichte wird nur über wenige Seiten aus ihrer Perspektive erzählt, stattdessen dominieren zwei Erzählstränge, die auf den ersten Blick ganz andere Leben beschreiben. Der Roman beginnt mit dem Ehepaar Breakstone, das erst im Alter von Ende 30 zusammenfindet, heiratet und ein Kind zeugt. Abwechselnd wird der Werdegang der Ehepartner beleuchtet, die beide auf ein durchaus erfolgreiches, aber im Kern normales Leben abzielen. Aus ihrem Streben Wohlstand, Ansehen und Liebe kann abgeleitet werden, wie die kleine Heather langsam erwachsen wird.

Parallel dazu widmet sich ein anderer Erzählstrang Bobby Klasky, einem Unterschichtler. Zehn Jahre vor Heather geboren, ist es die drogensüchtige Mutter, die seine Erziehung versaut. Bobby ist ein durchschnittlicher Asi (ein (Vor-)Urteil, das vielleicht schon Gesellschaftskritik genug ist), der nur in seinen kriminellen Taten wie Vergewaltigung und Mord extreme Züge zeigt. Seine Entwicklung ist bitter, aber voraussehbar, was den geübten Lesenden schnell dazu verleitet, eins und eins zusammenzuzählen. Natürlich führt Weiner die Stränge zusammen, jedoch nicht ohne mit den Erwartungen zu spielen.

Wie schon erwähnt, lässt der Autor seine Geschichten gerne behutsam wachsen. Zwar ist „Alles über Heather“ ein äußerst reduzierter Roman, dennoch dauert es bis Seite 95 und dem ersten Unterkapitel, in dem sich der auktoriale Erzähler direkt mit Heather beschäftigt, bis der Plot richtig Fahrt aufnimmt. Zuvor ergeht sich Weiner in sozialpsychologischen Studien über die drei Hauptfiguren, die als Persona jeweils Anhänger bestimmter Milieus in sich kondensieren. Karen sucht erst nach einem Job, in dem sie aufgehen kann, findet dann spät ihr Ehe- und Mutterglück, ist eine gute Mutter, erdrückt die Tochter dann aber mit ihrer Liebe. Mark kommt spät zu Reichtum, liebt seine Frau heiß und innig, zweifelt, als diese erkaltet und entwickelt eine Paranoia, als ihre Tochter erwachsen wird. Bobby will Mann sein, wird kriminell, dann Tagelöhner. Heather ist eine vorbildliche Tochter mit drei professionell verfolgten Hobbies, ehe sie rebelliert, im Debattierclub aufgeht, charmant und wunderschön wird.

Weiner legt es auf diese Archetypen an, um ein Gefühl für Alltäglichkeit zu schaffen. Stehen diese Laborbedingungen einmal, ergeben sich daraus zu beobachtende Experimente, die er sofort analysiert. Mit Auge fürs Detail nimmt der Autor auf knapp bemessenen Seiten detaillierte wie treffende Beobachtungen vor, wie beispielsweise die Einsicht, dass sich die Liebe der Mutter zur Tochter nachvollziehbarerweise unendlich anfühlt, sie aber eben auch loslassen muss, um dem Kind nicht zu schaden. Den wunden Punkt, dass dieses Gefühl zu nicht unwesentlichen Teilen auf egoistischen Einstellungen basiert, legt Weiner pointiert frei, verurteilt aber nicht das Individuum dafür.

Eben weil die Figuren selbst in der erreichten Tiefe so gewöhnlich gezeichnet werden, ergibt sich aus ihren Handlungen fast immer ein Kommentar auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Wie einzwängend diese auf das Individuum wirken, konnten schon Figuren wie Tony Soprano und Don Draper zeigen. Zwar ist uns ihre Welt und ihr Lebensstil zu einem gewissen Grade fremd, dennoch darf man die Alltäglichkeit ihrer Probleme nicht vergessen. Soprano ist trotz relativen Reichtums ein Krimineller mit überschaubarem Business am Rande von New York und geht zu einer Psychologin. Draper mag ein erfolgreicher Geschäftsmann mit stattlichem Konto und ein Teil seiner Probleme in den 1960er-Jahren ihrer Zeit voraus zu sein, doch Weiner interessiert immer das realistische Setting. Das darf mal bunter, mal etwas extremer sein, doch immer arbeitet der Autor die Menschlichkeit seiner Figuren heraus.

In „Alles über Heather” will das nicht so ganz gelingen, wodurch der Dualismus Gesellschaft/Milieu-Individuum in Richtung der sozialen Verhältnisse kippt. Sicherlich ist Weiner auch daran gelegen zu zeigen, wie die Erziehung und der gesellschaftliche Druck die Menschen in Form presst, ihnen kaum eine Chance lässt und moralisch einwandfreie Ideale austreibt, oder kurz gesagt: Sie nimmt dem Menschen die Menschlichkeit. Die Ehe wird beispielsweise als etwas Erstrebenswertes bewertet und das Gefühl des Verliebtsein wird kaum jemand verleugnen wollen, doch hier wirkt es so, als poche der Autor darauf, die Ehe in ihrer Form als soziale Institution zu unterstreichen, in die man eher gedrängt wird, als dass man tatsächlich nach ihr strebt.

Der Mensch wird nicht dafür wertgeschätzt, was er ist, sondern nur für das, was er werden könnte. Zwei Probleme gehen damit einher: Erstens empfindet der Lesende kaum Empathie für die Figuren, was das Buch zusammen mit der zynischen Herangehensweise Weiners zu einem anstrengenden Leseerlebnis werden lässt; zweitens wird den Individuen ein gutes Stück weit die Fähigkeit zur Rebellion und – noch entscheidender – der Eigenverantwortlichkeit abgesprochen. Kurz flackert das Potenzial auf, Rettung in der sozialisierenden Liebe zu finden, doch wenn das Buch dann pechschwarz endet, hinterlässt es ein Gefühl der völligen, pessimistischen Leere.

Da Werke dann doch immer autobiografische Züge tragen, stellt sich die Frage, was Weiner damit aussagen möchte und ob er in seinem Roman Lösungsansätze bietet. Was das über den Autor selbst auszusagen hat, ist zurzeit wiederum eine äußerst knifflige Frage. Im Zuge der #metoo-Bewegung und den Enthüllungen rund um den Comedian Louis C.K. wurde Weiner von einer Schauspielerin beschuldigt, er habe sie dazu gezwungen, sich vor ihm nackt auszuziehen. Die Anfängerin tat es aus Angst um ihre Karrierechancen, dementsprechend habe der TV-Macher ihr gegenüber seine Machtposition ausgespielt. Ohne nun die komplette Debatte analysieren zu wollen, so ist es doch unbestritten, dass die riesige #metoo-Bewegung auch negative Spuren hinterlassen hat. Durch die beinahe ungezügelte Hysterie in den Staaten wurde das Thema soweit aufgebauscht, dass oft die Unschuldsvermutung vergessen wird.

Weiner wurde bislang beschuldigt (was auf keinen Fall abgetan werden sollte), bislang wurde aber weder etwas bewiesen noch ist er überhaupt angeklagt worden. Ein Teil der Bevölkerung macht sich dieser Tage eines der Grundprinzipien des Rechtsstaates zu eigen und verlagert die Anklage wie die Verurteilung in die Öffentlichkeit. Dass das alles in den Gerichtssaal gehört und der indiziengestützte Prozess völlig ausgeblendet wird, muss deutlicher hinterfragt werden. Ansonsten wird das System ad absurdum geführt und gesellschaftliche Verhältnisse zerrüttet – mit unberechenbaren Folgen. Louis C.K. hat sich zu seinen Taten bekannt (was eigentlich ebenfalls an anderer Stelle hätte geschehen müssen), andere Angeklagte wie Matthew Weiner setzen sich entschieden gegen die Vorwürfe zur Wehr.

Wer sich die Macht des Urteils erkämpft, muss sich auch über die möglichen Implikationen im Klaren sein. Die Anschuldigungen gegen Weiner fielen direkt in den Veröffentlichungszeitraum von „Alles über Heather“, also zur absoluten Unzeit. Die aktuell laufenden Buchtour durch die Staaten werden von deutlich weniger Menschen besucht, als geplant, auf die Verkaufszahlen dürfte das Ganze einen ähnlichen Einfluss haben. Wie sehr ein solcher Prozess das Bild eines Prominenten in der Öffentlichkeit prägen kann, weiß man in Deutschland seit dem Fall Kachelmann. Zwar wurde der Wettermann nach einem Prozess freigesprochen, er hat sich aber bis heute nicht vollständig von den Ereignissen erholen können.

Der Fall zeigt zudem, wie sehr der Ruf unter solch einer Anschuldigung leidet. Taucht Kachelmann im Fernsehen auf, ist da immer noch ein Restbetrag von Misstrauen und auch eine gewisse Abneigung gegenüber seine sexuellen Neigungen. Natürlich muss das Private im Zuge solcher Prozesse in die Öffentlichkeit gezogen werden, es muss aber immer bedacht werden, dass solch ein Schritt nicht rückgängig zu machen ist. Nicht umsonst bildet Rufmord einen eigenen Tatbestand. Und auch bei Weiner schwingt beim Lesen und Fernsehen bereits der Gedanken mit, was das wohl über sein Werk aussagt, sollten sich die Anschuldigungen bewahrheiten.

Auch an dieser Stelle lohnt sich die Referenz Louis C.K.: Während bei beispielsweise Kevin Spacey zu bezweifeln ist, ob tatsächlich ein Zusammenhang zwischen seinen Taten und seiner Rollenauswahl zu erkennen ist, fällt die Antwort bei dem Comedian und eben auch Weiner komplexer aus. Wer sich in Anwesenheit, aber ohne Einverständnis von Frauen selbstbefriedigt, gleichzeitig aber auf der Bühne den zweifelnden, feministisch eingestellten Mann mimt, der nicht wenige Masturbationswitze reißt, steht unter dem Verdacht, durch Kunst von seinen Taten abzulenken. Im Falle von Weiner läge der Fall ähnlich, ist er doch bekannt und geschätzt dafür gebrochene Männer- und starke Frauenfiguren zu schreiben.

Trotz der eigenen Vorgabe, von der Unschuld auszugehen, läuft unweigerlich das Radar mit, wenn Weiner über Sexualdelikte, Vergewaltigungen, Titten und junge, begehrliche Frauen schreibt. Die Antwort darauf, kann völlig harmlos sein, im Zweifelsfall aber eben auch nicht. Eine Trennung zwischen Leben und Werk wird an dieser Stelle schwierig, weil die Frage im Raum steht, wie die jeweiligen Kunstschaffenden auf ihre Ideen gekommen sind. Noch viel wichtiger ist aber die Frage, wie man sich danach zu dem Werk zu verhalten hat. Ist es radikal abzulehnen oder können die Einsichten nicht doch von einem gesellschaftlichen Wert sein. Aber noch mal: Diese Debatten sind eigentlich erst zu führen, sobald ein Urteil gesprochen wurde. Schade, dass die Macht der Bewegung bereits so weit in die persönliche Sphäre hineinreicht, denn es könnte ebenfalls passieren, dass „Alles über Heather“ im Nachhinein sogar überschätzt wird, praktisch als Wiedergutmachung für das ungerechte Leid. Eine Herausforderung für die Kritik, wie an der vorliegenden Besprechung deutlich wird, aber vor allem die wahre Gesellschaftsdebatte unserer Tage.

FAZIT: „Alles über Heather“ ist ein kurzer, dunkler Debütroman, der einen für Matthew Weiner-Maßstäbe ungewöhnlich kalt lässt. Die technisch interessante Idee, Heathers Leben fast gänzlich über den Werdegang drei anderer Figuren zu beleuchten, spiegelt den Einfluss von Gesellschaft und Erziehung wider, entlastet das Individuum aber auch gleichzeitig. Zusammen mit dem zynischen Ton des Buches empfindet der Lesende wenig Empathie für die Figuren, was dem bisherigen Schaffen Weiners entgegensteht. Ob es aber wirklich möglich ist, in der aufgeheizten #metoo-Stimmung dieser Tage den Roman unvoreingenommen zu bewerten und die Anschuldigungen gegen Weiner beiseite zu lassen? Das ist die eigentliche, wenn auch nicht intendierte Gesellschaftskritik des Romans.

  • Autor: Matthew Weiner
  • Titel: Alles über Heather
  • Originaltitel: Heather, the Totality
  • Übersetzer: Bernhard Robben
  • Verlag: rowohlt
  • Erschienen: 11/2017
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 144
  • ISBN: 978-3-498-09463-8
  • Sonstige Informationen:
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Über den Autor


Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht so genau, wer ich bin. Vielleicht liegt es am Studium, an der Postmoderne, am Internet, am Erwachsensein oder dem unendlichen Schwall an Informationen, aber in den letzten Jahren hab ich mich doch sehr verändert. Klar, die Rahmendaten bleiben: Ich heiße Norman, bin Anfang 20 und wohne im Ruhrgebiet. Dann aber wird es schon schwieriger:

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von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 8 min
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