Walter Moers – Prinzessin Insomnia (Buch)

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Walter Moers - Prinzessin Insomnia (Cover © Knaus)«Nach nur drei Tagen Schlafentzug hörte Prinzessin Dylia bereits das Gras wachsen. Nach vier Tagen konnte sie Musik riechen. Nach sechs Tagen konnte sie die Gefühle eines Pfirsichs ertasten, wenn sie über seine samtige Schale strich.»

Prinzessin Dylia hat ein Problem: Sie kann nicht schlafen. Manchmal viele Tage lang, ihr Rekord liegt gar bei vier Wochen. Dann wandert sie im zamonischen Schloss umher und beschäftigt sich vor allem mit ihren Gedanken. Eines Nachts bekommt sie recht unerfreulichen Besuch – ein alptraumfarbener Nachtmahr hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Prinzessin in den Wahnsinn und im Anschluss sogar in den Tod zu treiben. Vorher möchte er allerdings noch eine letzte Reise mit ihr unternehmen. Eine Reise in ihr eigenes Gehirn, nach Amygdala.

Bücher von Walter Moers werden immer besonders gespannt erwartet. Was hat er dieses Mal aus Zamonien zu berichten? Welche neuen Wesen lernen wir kennen und welche alten Bekannten treffen wir wieder? Im Fall von „Prinzessin Insomnia“ lautet die Antwort auf die letzte Frage leider: keine. Zwar befindet sich das Schloss der Prinzessin in Zamonien und im Buch fehlt auch nicht der Hinweis auf den „wahren“ Autor Hildegunst von Mythenmetz – Walter Moers hat die Geschichte selbstverständlich auch dieses Mal wieder aus dem Zamonischen übersetzt – aber damit hat es sich auch schon.

So richtig wird der Leser also nicht nach Zamonien entführt. An wunderbar abgedrehtem Moer’schen Ideenreichtum mangelt es aber ganz sicher nicht: unzählige Wortschöpfungen, witzige Alliterationen, ein Haufen bunter Wesen – wie zum Beispiel kleine Seifenblasenmännlein – und eine ganz eigene, abenteuerliche Welt innerhalb des Gehirns. Der Leser reist gemeinsam mit Dylia und Havarius Opal, dem alptraumfarbenen Nachtmahr, in die Gedanken der Prinzessin und erlebt, wie Ideen geboren werden, wie sie sich entwickeln und im besten Fall sogar zu festen Vorhaben werden. Wo werden Erinnerungen bewahrt und wo sitzt eigentlich der Humor? Hier beweist Moers einmal mehr, dass sein eigenes Gehirn nur so vor Kreativität und Fantasie sprudelt. Und dass es über einen unvergleichlichen Wortschatz verfügt, mit dem der Autor spielt, wie kaum ein anderer. Sein Schreibtalent steht absolut außer Frage und macht das Lesen seiner Bücher immer wieder zu einem großen Vergnügen.

Aber, und das ist leider ein recht großes Aber: Trotz all der wundervollen Worte und Ideen zeichnet sich „Prinzessin Insomnia“ daneben durch viele, viele Längen aus. Zu Beginn, bevor Havarius Opal in Dylias Leben tritt, erfährt der Leser alles über die extreme Schlaflosigkeit der Prinzessin – und vor allem darüber, wie sie diese wachen Zeiten überbrückt. Hier geht Moers sehr ins Detail und denkt sich allerlei Ablenkungen für die Monarchin aus. Anfangs ist dies noch amüsant, aber nach einer Weile hat man schlicht genug vom schlaflosen Alltag und fiebert der Ankunft des Nachtmahrs und damit dem Wendepunkt der Geschichte entgegen. Aber auch an dieser Stelle dauert es noch eine gefühlte Ewigkeit bis zur Reise ins Gehirn. Vorher ergehen sich die beiden Protagonisten in endlosen Dialogen, um die Daseinsberechtigung des eigentümlichen Wesens zu klären. Dabei wiederholt sich der Inhalt mehrere Male.

Die Reise in die unterschiedlichen Hirnregionen ist dann spannend, facettenreich, knallbunt, skurril und einfach schön zu lesen – doch Wiederholungen und unendliche Beschreibungen gibt es auch in diesem Teil zur Genüge.

Wie gewohnt, wird das Geschriebene von liebevollen Illustrationen begleitet – dieses Mal allerdings nicht von Walter Moers selbst, sondern von Lydia Rode, einer jungen Illustratorin. Das Besondere daran ist die Hintergrundgeschichte: Die 25-Järhige leidet am Chronischen Erschöpfungssyndrom, das eben auch eine unerträgliche Schlaflosigkeit mit sich bringt. Sie schrieb Moers einen Brief, in dem sie ihm verriet, wie sehr seine Romane ihr in den schweren Zeiten helfen. Moers rührte die Geschichte und da Lydia Rode eine talentierte Zeichnerin ist, entschloss er, das Märchen der schlaflosen Prinzessin zu erzählen und es von der ebenso schlaflosen jungen Frau illustrieren zu lassen.

Fazit: „Prinzessin Insomnia“ ist nicht das, was Moers-Fans von einem Zamonien-Roman erwarten. Vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte ist es aber eine rührende Erzählung, die einmal mehr den schier unerschöpflichen Ideenreichtum des Autors und seine große Liebe zur Sprache beweist. Durch zu viele Wiederholungen und ausufernde Beschreibungen trüben zahlreiche Längen leider den Lesespaß. Die zauberhafte Reise durch Dylias Gehirn stimmt den Leser aber letztendlich versöhnlich.

Cover © Knaus

  • Autor: Walter Moers
  • Titel: Prinzessin Insomnia & der alptraumfarbene Nachmahr
  • Verlag: Knaus
  • Erschienen: 08/2017
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 344
  • ISBN: 978-3-8135-0785-0
  • Sonstige Informationen:
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    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 8/15 schlaflose Nächte

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Über den Autor

Jasmina Driller

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Ich halte es wie Herbert Grönemeyer: Bochum, ich komm‘ aus dir! Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, habe ich nicht nur Germanistik studiert und die Liebe zum Schreiben entdeckt, sondern lebe, lese und lache ich mit Mann, Kind und zwei Katzen. Dabei immer im Ohr: Rock(’n’Roll), von den 50er-Jahren bis heute. Jede freie Minute stecke ich meine Nase in Bücher oder auch in meinen Kindle, meist sogar parallel.
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Walter Moers – Prinzessin Insomnia (Buch)…

von Jasmina Driller Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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