Der Tod des Henkers
© Gmeiner Verlag

Reinhard Heydrich war Leiter des Reichssicherheitshauptamts, Leiter der berüchtigten Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 und zudem Stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren mit Sitz in Prag. Am 27. Mai 1942 wurde er bei einem Attentat schwer verwundet, erlag Tage später seinen Verletzungen. Der Gestapo-Kommissar Heinz Pannwitz leitete die Sonderkommission zur Ermittlung der Attentäter, musste sich allerdings immer wieder von ranghöheren SS-Leuten wie Horst Böhme in seine Arbeit hineinreden, besser gesagt hineinpfuschen lassen. Pannwitz, der einst Theologie studierte bevor er Kommissar wurde, war fest davon überzeugt, dass man nur mit Hilfe der tschechischen Bevölkerung an Informationen kommen könnte. Böhme und andere hohe Funktionäre sahen dies anders und setzten auf eine Demonstration der Macht – und der Gewalt.

„Allerdings soll sein Vater der Meinung gewesen sein, dass es dem jungen Reinhard an Feingefühl für die Seele der Musik fehlen würde. Dieser Mangel wird sich nun als Vorteil erweisen. Eines kann ich Ihnen versichern, Pannwitz: Unter Reinhard Heydrich wird ein neuer Wind im Protektorat wehen. Ein ganz neuer Wind.“

In ihrem Debütroman beschreibt Laura Noll in „Der Tod des Henkers“ das Attentat und dessen brutale Folgen aus der Sicht des ermittelnden Kommissars. Ein gewagtes Unterfangen, denn wie soll man den Protagonisten schildern? Darf man ihm gar menschliche Züge zuweisen, obwohl er an den Verbrechen seiner Zeit mitgewirkt hat?

„Im Sommer 1942 wussten wir nicht alles, jedoch wussten wir genug, um zu wissen, dass wir es nicht genauer wissen wollten.“

Die Beschreibung des Heinz Pannwitz ist ambivalent. Hier der Gestapo-Ermittler, der vor brutalen Methoden nicht zurückschreckt, dort der (einst) Gläubige, der weiß, welches Unrecht um ihn herum geschieht. Er versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten, ein Minimum an menschlicher Note an den Tag zu legen, übergeht seinen tumben und zur Gewalt neigenden Vorgesetzten Horst Böhme wie auch andere Funktionsträger, um zu retten, was nicht zu retten ist. So muss er tatenlos der Vernichtung des Dorfes Lidice als unvergleichlichem Racheakt zusehen. Der Ort wurde dem Erdboden gleichgemacht, nachdem zuvor alle männlichen Bewohner erschossen und alle Frauen in ein Konzentrationslager deportiert wurden. Allein Kinder unter vierzehn Jahren blieben verschont und in arischen Familien untergebracht.

„Wir haben sechs Tage, Pannwitz. Von morgen, Samstag, bis zum kommenden Donnerstag. Wenn wir dann keine Erfolge vorweisen können, ist es aus mit dem Protektorat. Hitler wird die Luftwaffe schicken. Wenn die Deutschen hier nicht leben können, sollen es die Tschechen auch nicht. Das ist der Preis für die Generalamnestie.“

Die Ermittlungen werden vom Ich-Erzähler Heinz Pannwitz detailliert beschrieben, wobei diese mangels Zeugen lange Zeit auf der Stelle treten. Erst als Hitler die Vernichtung Prags androht und eine Belohnung von zwanzig Millionen Kronen ausgesetzt werden, kommt Bewegung in den Fall. Die „Privatperson“ Pannwitz bleibt seltsam blass, wird kaum greifbar. Er hat eine Wohnung in der Kopenhagener Straße, viel mehr erfährt man nicht. Wohl aber über seine innere Zerrissenheit und die brutalen Abläufe innerhalb des nationalsozialistischen Machtapparates. In einem Umfeld aus Angst und Bedrohung setzen sich nicht die intelligenten und besonnenen Leute durch, sondern jene, die innerlich bereits verroht sind. Neben Horst Böhme ist dies vor allem Kurt Daluege, einer von nur vier Männern im ganzen Reich im Rang eines SS-Oberst-Gruppenführers und Nachfolger von Heydrich. Ausgerechnet Daluege, „obwohl dieser Mann keinerlei politische Erfahrung hatte, geschweige denn Prag auf der Landkarte finden würde.“ Gnadenlos geht er gegen die Bevölkerung vor, weit über tausend Menschen verlieren während der Jagd nach den Attentätern ihr Leben.

Wer sich für den polizeilichen und politischen Alltag im Dritten Reich, die Machtgerangel und Skrupellosigkeiten der Verantwortlichen interessiert, der kommt um „Der Tod des Henkers“ kaum herum. Aber auch die Jagd nach den Attentätern wird spannend beschrieben, wenngleich der Ausgang bekannt ist. Einen gelungenen Cliffhanger gibt es übrigens schon auf Seite 16, nämlich die Frage: „Wer ist Ladislav Vanek?“

  • Autor: Laura Noll
  • Titel: Der Tod des Henkers
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 409 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: September 2020
  • ISBN: 978-3-8392-2700-8
  • Produktseite

Wertung:  13/15 dpt


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