Jesmyn Ward – Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt (Buch)

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»Ich stell mir gerne vor, dass weiß, was der Tod ist. Ich stell mir gerne vor, dass er etwas ist, dem ich ins Auge sehen kann.« (Seite 9)

Ein Buch, welches Magenkrämpfe verursacht. Eine Geschichte, die einiges verhandelt, obwohl das Grundgerüst der Erzählung ein kleines ist. Ein Grundton, der traurig stimmt. Es ist keine einfache Geschichte, die Jesmyn Ward den LeserInnen hier vorsetzt, aber dieses Buch muss jedem ans Herz gelegt werden. Gerade in heutigen Zeiten, in denen man meint, vieles überwunden zu haben. Es ist keine Wohlfühllektüre, aber Ward schreibt so einfühlsam und so gut, dass sich jedes einzelne Wort lohnt, welches auf diesen 300 Seiten geschrieben steht. Dieses Buch ist schon jetzt eines der Werke, die in Jahresendlisten als Highlight aufgezählt werden wird.

Die Grundgeschichte ist eigentlich schnell erzählt. Leonie, die Mutter von Jojo und Kayla (oder auch Michaela), geht mit ihrem Leben schlampig um, da sie sich ihrer Situation nicht zu stellen scheint. Sie ist schwarz und hat es allein dadurch doppelt schwer im Südosten Amerikas. Sie jobbt sich mehr schlecht als recht durchs Leben, lebt mit ihren Kindern noch bei ihren Eltern und kümmert sich kaum um ihren Nachwuchs. Eines Tages erreicht sie ein Anruf, dass ihr weißer Freund Michael aus dem Gefängnis entlassen wird. Kurzentschlossen macht sie sich auf den Weg, um ihn abzuholen, nimmt dabei ihre gemeinsamen Kinder und eine Freundin mit, deren Freund ebenfalls in Parchman, so der Name des Gefängnisses, sitzt. Dieser Ort spielt in eine zentrale Rolle in diesem Roman, denn auch Leonies Vater, der während all der Zeit nur Pop genannt wird, hatte in diesem Gefängnis eine Strafe abzusitzen und diese Geschichte wird parallel in Erinnerungsfetzen erzählt. Sie ist essenziell für den Titel des Buches. Denn die Geschichte handelt davon, dass er sich eines Kindes namens Richie annahm, welches ebenfalls in Parchman untergebracht war. Viel zu jung für diesen schrecklichen Ort und das wird ihm zum Verhängnis.
Bei der Fahrt zum Gefängnis sieht Jojo diesen Richie als Geist, der ruhelos erscheint, noch etwas in Erfahrung bringen möchte. Denn ist der eigene Tod nicht bei der Seele angekommen, so streift diese so lange umher, bis sie die Wahrheit erfährt und erlöst wird. Somit ist Richie während der Fahrt und auch darüber hinaus Jojos ständiger Begleiter, so wie es auch Given für Leonie ist, wenn sie wieder einmal auf einem Trip reitet. Given ist ihr älterer Bruder, der bei einem vermeintlichen Jagdunfall ums Leben kam, bei dem auch Michael dabei war. Nach und nach entspinnt sich ein feines Netz aus Vergangenheit und Gegenwart, bei dem die Geister der Vergangenheit eine gewichtige Rolle einnehmen werden.

Und schon horcht man auf. War am Anfang nicht die Rede davon, dass das Grundgerüst ein kleines wäre? Die Grundidee ist die Fahrt von Leonie und ihren Kindern zum Gefängnis und wieder zurück. Doch zwischen all den Zeilen und den strapaziösen Stunden wird einiges erzählt. Über die Gegend, in der Leonie, die Kinder und Michael leben. Über die Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen, was speziell an Michaels Eltern festgemacht wird, die Leonie wegen ihrer Hautfarbe nie als ein Familienmitglied akzeptieren würden, und über die Geschichte Amerikas, welche selbst heute noch so sehr von Rassismus durchsetzt ist, dass es kaum auszuhalten ist.

Doch auch eine magische Komponente durchzieht den Roman, dessen englischer Titel „Sing, Unburied, Sing“ einen Tick besser passt als der deutsche, denn es sind vornehmlich die Toten, die in diesem Buch singen werden beziehungsweise die auf der Suche nach einem dem Lied sind, das sie auf die andere Seite bringt. Zwei Namen sind in dieser Richtung schon gefallen – Given und Richie. Beide sind als Geister in dieser Geschichte anwesend und spielen eine essenzielle Rolle. Insbesondere bei Leonies Mutter Philomène, die mit Krebs im Endstadium in ihrem Bett dahinvegetiert. Durch sie wird auch erklärt, wie die Toten bei den Lebenden Einzug halten. Dass es Menschen gibt, die die Geister sehen können und die etwas suchen oder mitteilen wollen.

Jesmyn Ward erhielt für diesem Roman 2017 nach „Vor dem Sturm“ bereits zum zweiten Mal den National Book Award und das nicht zu Unrecht. Sie packt das Geschehen in eine knappe, beängstigend gut geschriebene Sprache. Beim Lesen fliegt man regelrecht durch die Seiten und bei allem Pessimismus, der diese Geschichte durchweht, erfreut es zu sehen, wie hier mit Worten und Gedanken umgegangen und gespielt wird. Ein emotionaler Trip, der einen nicht kalt lässt. Eine Geschichte, die aufzeigt, dass sich noch viel ändern muss, damit wir auf diesem Planeten alle in Frieden leben können. Dabei zeigt die Autorin nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Südosten der USA, der aber auf viele Länder und Orte der Welt übertragen werden kann. Einen Aspekt sollte man bei diesem Buch jedoch nicht aus den Augen verlieren: den angesprochenen magischen Realismus, der durch die Toten Einzug hält. Der könnte dem einen oder anderen etwas bitter aufstoßen. Er sollte akzeptiert werden als Glaube der Menschen an die schon Verstorbenen, die noch ruhelos in unserer Welt umherwandeln.

Stört einen dieser letzte Punkt nicht und wird er ohne Kompromisse in den Gesamtkontext des Geschehens eingegliedert, wird dieser Roman einen mit Haut und Haaren packen und emotional durchrütteln. Wird die magische Komponente allerdings als der eine Kniff zu viel in der Trickkiste empfunden, kann die Bewertung der gesamten Geschichte ordentlich auf Talfahrt gehen. Deshalb an dieser Stelle der Appell, sich darauf einzulassen. Eines der zurecht meistbesprochenen Bücher in diesem Frühjahr und schon jetzt ein Kandidat, der auf vielen Jahresbestenlisten auftauchen wird.

An dieser Stelle vielen Dank an den Verlag Antje Kunstmann für die Bereitstellung des Besprechungsexemplars.

Cover © Kunstmann

Wertung: 14/15 Totengesängen

  • Autor: Jesmyn Ward
  • Titel: Singt, Ihr Lebenden und Ihr Toten, Singt
  • Originaltitel: Sing, Unburied, Sing
  • Übersetzer: Ulrike Becker
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
  • Erschienen: 02/2018
  • Einband: Gebunden
  • Seiten: 304
  • ISBN: 978-3-95614-224-6
  • Sonstige Informationen:
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Über den Autor

Marc Richter

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„Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm.“ (Stephen King „Der Mann in Schwarz“) – wenn ich sage, dass ich von Kindesbeinen an lese, dann ist das sicher verklärt durch Erzählungen der Eltern/Großeltern oder auch das schwache Langzeitgedächtnis. Vielmehr war ich ein Lesemuffel, nicht anders lässt sich erklären, warum ich lieber Lustige Taschenbücher statt richtige Bücher gelesen habe.
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von Marc Richter Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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