Hangman – The Killing Game (Spielfilm, DVD/BluRay)

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Wenn ein Film, trotz Al Pacino und dem ebenfalls nicht ganz unbekannten Karl Urban (Judge Dredd, Dr. Leonard „Pille“ McCoy) in den Hauptrollen, glatt am Kino vorbei veröffentlicht wird, macht sich Skepsis breit. Im Falle von „Hangman“ völlig zu Recht.

Der Tiefpunkt in Pacinos Karriere bleibt mit seiner Anwesenheit in der Adam Sandler-Posse „Jack und Jill“ zwar unerreicht, aber dieses Desaster dürfte auch kaum zu toppen sein. „Hangman“ ist ein lendenlahmes „Sieben“-Derivat, in dem ein alertes wie blasses Klischee von Serienkiller zwei Polizisten und eine Journalistin lange an der Nase herumführt, bevor sich die Schlinge, die er sonst für andere knüpft, langsam um den eigenen Hals legt.

Al Pacino spielt den altersmüden, ausgebrannten Detective Archer, der nach seiner Pensionierung von seinem ehemaligen Kollegen Will Ruiney (Karl Urban als gramgebeugter Profiler) reaktiviert wird, da die Dienstmarkennummern der beiden Cops an einem Tatort aufgetaucht sind. Eine junge Lehrerin hängt an einem Baum vor einer Grundschule, den Oberkörper mit einem „O“ blutig verunstaltet. Im Innern der Schule finden sich die genannten Zahlen in einen Schreibtisch geritzt, an der Tafel prangt ein Galgenmännchen. Zwei Buchstaben sind gelöst, weitere Striche gilt es noch zu füllen. Wofür der titelgebende „Hangman“ sorgen wird, unsere angeschlagenen Recken mehr oder minder dicht auf den Fersen. Im Schlepptau der Polizisten befindet sich die junge Journalistin Christi Davies, die sträflicherweise an Tatorten, bei Durchsuchungen und Verfolgungsjagden im Weg rumstehen und in Gefahr geraten darf. Quizfreudige Filmfüchse dürfen sich fragen, ob und wann sie der Hangman holen und wer den Showdown überleben wird.„Hangman“ krankt an so vielen Stellen, dass man eigentlich einen Arztbericht statt einer Kritik schreiben müsste. Die Morde werden seltsam unbeteiligt abgehandelt, die Willkürlichkeit der Opfer und der ausgestreuten Hinweise lassen die Ermittlungsarbeit zum bloßen Abhaken von Wegstrecken und Markierungspunkten werden, die das Drehbuch vorgibt. Die Action ist lahm und beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei gemütliche Autoverfolgungsjagden sowie ein paar Laufduelle mit unbefriedigendem Ausgang. So entkommt der Killer einmal, weil Ruiney sich lieber um seinen Kollegen Archer kümmert, der von einer an einem Kreuz baumelnden Leiche umgeschubst worden ist. Gut, Al Pacino ist nicht mehr der Jüngste, aber so porös dürften seine Knochen nicht sein, dass man vor Sorge vergisst, den wenige Meter entfernten Mehrfachmörder zu fangen oder wenigstens kampfunfähig zu machen. Anderweitig haben amerikanische Cops weniger Berechtigung und Bedenken von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.

Die Handlung dümpelt bis zur grotesken Auflösung wenig nachvollziehbar vor sich hin, der Showdown ist eine Turnübung in absurdem Theater. Zwischendurch werden pathetische Reden geschwungen, die kaum Sinn ergeben, Logiklöcher werden gerissen und nicht gestopft, und es braucht nicht einmal Stolperdrähte, die trotzdem mehrfach und ebenfalls völlig zwecklos gespannt sind, um unsere Hauptfiguren in lebensbedrohliche Situationen zu bringen. Treppenlaufen will gelernt sein.

Der Gestaltungswillen des Regisseurs erschöpft sich im Strapazieren mitternachtsblauer Farbdominanz und einem scharfen Blick auf Al Pacinos Nasenhaare. Ansonsten ist „Hangman“ fahrig und stellenweise höchst unübersichtlich inszeniert. Pacino und Urban wirken oft vom Regisseur alleingelassen und agieren im müden Autopilotenmodus, der trotzdem sehenswerter ist als etwa Matthias Schweighöfer in Hochform.

Aber Traurigkeit über das Verheizen solcher Talente macht sich dennoch breit. Britanny Snow schlägt sich weitgehend achtbar, hat aber gegen zahlreiche absurde Bredouillen anzukämpfen, in die sie von Drehbuch und Regie geschickt wird. Die normalerwiese hochgeschätzte Sarah Shahi („Life“, „Person Of Interest“) verkommt zur Stichwortgeberin, hat aber in den Bonusszenen einen großen Auftritt, der sie als Schöpferin ihrer eigenen Filmrealität zeigt. Laut Shahis Aussage ist ihr Captain eine ehemals toughe, agile und kampferprobte Elite-Polizistin, die wegen der gemeingefährlichen Tücken ihres Berufs im Rollstuhl gelandet ist und sich auch dort behauptet. Im fertigen Film sitzt sie an einem Schreibtisch und ermahnt ihre Untergebenen. Über ihre Behinderung erfährt man erst etwas durch einen späten Dialog, eine Rolle spielt das, wie ihre Vorgeschichte, zu keinem Zeitpunkt. Weit vor dem Ende fällt ihre Figur ganz dem Vergessen anheim.Nicolas Cage scheint sich beim Immobilienerwerb und anderweitig finanziell überhoben zu haben, weswegen er vermutlich jedes halbgare Filmangebot annehmen muss. Doch was treibt Robert De Niro, Bruce Willis und jetzt auch Al Pacino in diese Welt der direkt für den Heimfilmmarkt erzeugten (Mach)werke? Klar gibt es darunter kleine und verkannte Meisterwerke, handwerklich und inhaltlich solide B- und C- Filme oder unterhaltsamen Trash. Doch meist dominieren Filme der „Hangman“-Art. Kann man sich wegen der Schauspieler anschauen, sinnloser Brutalität wird nicht gefrönt, es wurden keine Tiere zu Produktionszwecken gequält, die Bilder sind zwar dunkel aber halbwegs scharf, der Soundtrack ist ganz okay und Karl Urbans Dackelblick ist mehr wert als eine ganze Staffel „Mord mit Aussicht“. Oder ein durchschnittlicher „Tatort“. Ein überdurchschnittlicher „Tatort“.

Trotzdem ist es schmerzhaft, wenn man an Al Pacinos Leistungen in „Der Pate“, „Hundstage“, „Serpico“, „Scarface“ oder „Heat“ denkt. Schauspiel ist eine Kunst, zum richtigen Zeitpunkt aufzuhören auch. Vielleicht sogar die größere.

Cover & Szenenbilder © Concorde Home Entertainment

  • Titel: Hangman – The Killing Game
  • Originaltitel: Hangman
  • Produktionsland und -jahr: USA, 2017
    Genre: Thriller, Mystery, Krimi, Action
  • Erschienen: 05.04.2018
  • Label: Concorde Home
  • Spielzeit:
    ca. 94 Minuten auf DVD
    ca. 98 Minuten auf Blu-Ray
  • Darsteller:
    Al Pacino
    Karl Urban
    Britanny Snow
    Sarah Shahi
    Joe Anderson
  • Regie:
    Johnny Martin
  • Drehbuch:
     Charles Huttinger
    Michael Caissie
  • Kamera:
    Larry Blanford
  • Musik:
    Frederik Wiedmann
  • Extras: Featurette, Deutscher und Original-Trailer
  • Technische Details (DVD)
    Bild: (16:9), 2,35:1
    Ton:
    Dt. DD 2.0/ DD 5.1/ DTS 5.1, Engl. DD 5.1 
    Untertitel:
    Deutsch für Hörgeschädigte (ausblendbar)
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Bild: 2,35:1 (16:9) 1080p High Definition
    Ton:
    Dt. Dt. DTS-HD Master Audio 5.1, Dt. DD 2.0, Engl. DTS-HD Master Audio 5.1
    Untertitel:
    Deutsch für Hörgeschädigte (ausblendbar)
  • FSK: 18
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite zu BluRay und DVD

Wertung: 6/15 G_ _ g_ _ _ a e_ _  _ h _ n 


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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