Juli Zeh – Neujahr (Buch)

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Juli Zeh - Neujahr (Cover © buxdesign/Ruth Botzenhardt)Im Winter in die Sonne fliegen, Silvester nicht im tristen deutschen Wintergrau sitzen, einfach einen erholsamen Familienurlaub auf Lanzarote verbringen, das hatte Henning, glücklich verheiratet und Vater zweiter kleiner Kinder, vorgeschwebt. Und Lanzarote musste es unbedingt sein. Das hatte er bei seiner Frau Teresa durchzusetzen gewusst. Doch entpuppt sich die Insel als sehr windig und das Ferienhäuschen als ziemlich klein, sodass seine Frau von Tag eins an unzufrieden und mäkelig ist. Als sie dann auch noch bei der der Kinder wegen verfrühten Silvesterfeier mit einem anderen Mann flirtet, beschließt Henning am nächsten Morgen kurzerhand, seinen ersten Neujahrsvorsatz, mehr Sport zu treiben, umzusetzen, indem er sich aufs mittelmäßige Mietrad schwingt und ohne jegliches Proviant einen steilen Berg hochradelt.

Während des langen und immer steileren Anstiegs, der seine mäßige Kondition auf eine harte Probe stellt, hat er Zeit genug, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen, und wir erfahren unter anderem, dass er seit zwei Jahren an immer stärker und häufiger werdenden Panikattacken leidet, deren Ursache er sich nicht erklären kann. Beim Bergdorf am Pass angekommen ist Henning völlig erschöpft und doch zieht ihn eine unterbewusste Kraft noch weiter den Berg empor, bis er an ein Haus kommt, das ihm seltsam bekannt vorkommt, obwohl er doch seines Wissens zum ersten Mal auf der Insel ist.

Juli Zehs neuster, bedauerlicherweise sehr schmaler Roman „Neujahr“ ist eine Tour de Force nicht nur am Berghang, sondern auch durch ein unverarbeitetes, weil in Vergessenheit geratenes Trauma. Nach der zähen Bergauffahrt, bei der der Leser den Protagonisten und vor allem seine derzeitigen Lebensumstände recht gut kennengelernt hat, nimmt die Geschichte Fahrt auf wie eine rasende Lore durch einen dunklen Minenschacht. An ihrem Ende stehen Protagonist und Leser da und blinzeln verstört ins Tageslicht. Für beide sind entscheidende Puzzlestückchen auf ihren Platz gefallen. Dass daneben alle anderen Figuren der Rahmenhandlung nur Statistenfunktion haben, sei der Autorin verziehen. „Neujahr“ ist ein exzellent geschriebenes Buch, das man in einem Rutsch auslesen muss – und dann beginnt die Durststrecke bis zum nächsten Roman von Juli Zeh.

  • Autor: Juli Zeh
  • Titel: Neujahr
  • Verlag: Luchterhand
  • Erschienen: 2018
  • Einband: Gebunden mit Schutzumschlag
  • Seiten: 191
  • ISBN: 978-3-630-87572-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 14/15 dpt


Über den Autor

Christina Brunnenkamp


„Mit viel Faulheit fing es an“ hieß mein allererstes Druckschriftbuch – und was bin ich froh, dass meine Kinder weniger moralisierende Bücher lesen können! Trotzdem habe ich seit jener Zeit immer ein Buch zur Hand, sei es in Papierform oder elektronisch. Schon vor Langem wurde ich deshalb von meinen Freunden zum Leseratgeber erkoren – und weil ich so gerne Menschen zum Lesen anstifte, teile ich meine Leseeindrücke heutzutage online.

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Juli Zeh – Neujahr (Buch)

von Christina Brunnenkamp Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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