MUSE – Worte können tödlich sein (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Es waren einmal sieben Musen, die wollten die Welt mit Schönheit und Schrecken überziehen, indem sie Shakespeare, Dante, Baudelaire, Milton, Blake und vielen anderen Worte einflößten, die diese als poetische Visionen zu Papier und gegebenenfalls auf die Bühne brachten. Poesie die töten kann. Warum die Musen so agieren, ob sie ihre Lebenskraft, ihre Daseinsberechtigung aus dem Untergang der Menschheit beziehen, bleibt im Vagen. Klar ist aber, sie sind magische Verführerinnen, die Übles im Schilde führen. Das suggeriert zumindest Jaume Balaguerós‘ aktueller Spielfilm „Muse – Worte können tödlich sein“.

Der Film basiert auf José Carlos Somozas Roman „Die dreizehnte Dame“, dessen vielschichtige Erzählweise Balagueró reduziert hat auf einen relativ stringenten Plot. Sechs Damen der Romanvorlage fallen dabei unter den Teppich. Es gilt die siebte Muse zu finden, jene, die sich versteckt, die alle anderen am Leben und Morden hält.

Der Literaturprofessor Samuel Solomon durchmisst ein Tal der Trauer und Depression, nachdem seine Geliebte Beatriz, im Anschluss an eine Liebesnacht mit entsprechendem Schwur, unvermittelt und fast in seinem Beisein Selbstmord begeht. Nach einem Jahr der betäubenden Lethargie wird Salomon von einem sich wiederholenden Alptraum aufgeschreckt. Eine junge Frau wird in ihrer Wohnung brutal ermordet. Es dauert nicht lange und die schreckliche Tat wird Realität. Salomon beginnt unbeholfen zu ermitteln und stößt dabei auf die junge Prostituierte und Mutter Rachel, die vom gleichen Traum verfolgt wird. Nach einigen Verwicklungen begeben sich die beiden Gepeinigten auf Spurensuche und stoßen auf die fatalen Machenschaften der Musen.
Einige Tote später läuft alles auf eine finale Konfrontation hinaus, die aber ganz anders aussehen wird, als sich Rachel und Professor Salomon zunächst vorstellen. Denn das Enträtseln von Geheimnissen kann dazu führen, dass man feststellt wie sehr man selbst Teil des Ganzen ist. Die Poesie der Hölle wird mit dem eigenen Blut geschrieben.

In Europa, insbesondere in Frankreich und Spanien, entstehen seit mehr als einem Jahrzehnt hervorragende Genre-Werke, die gerade im Bereich des phantastischen Films gerne auch Grenzen überschreiten. Der spanische Regisseur und Autor Jaume Balagueró hat seit seinem beachtlichen Debüt „The Darkness“ einige der bekanntesten und erfolgreichsten Werke (die drei Teile der Found Footage meets Zombie-Apocalypse-Reihe „Rec“, Rec 2″ und Rec 4″) in diesem Bereich gedreht. Höhepunkt seines bisherigen Schaffens dürfte der finster-zynische Stalking-/Home Invasion-Thriller „Sleep Tight“ sein. Mit „Muse – Worte können tödlich sein“ begibt sich Balagueró wieder auf die Mystery-Spuren seines Erstlings, wobei der Einfluss der Geister- auf die reale Welt diesmal wesentlich dinghafter vonstattengeht.

„Muse – Worte können tödlich sein“ bietet über weite Strecken eine gespenstische, unheilvolle Atmosphäre. Das ist bereits der nachtschattigen, erdigen Farbgestaltung geschuldet. Spannung entwickelt sich langsam und stetig, erreicht ein unheilvolles Brodeln, das für eine dezente Gänsehaut sorgt, ohne allerdings in nervenzerrende Dramatik auszuarten. Bis auf wenige, dann aber heftige, Ausnahmen, verzichtet „Muse – Worte können tödlich sein“ auf die Visualisierung graphischer Gewalt. Hat der Film auch nicht nötig, die Stimmung der latenten Unsicherheit, in Verbindung mit den Nachforschungen er zunächst ahnungslosen Protagonisten ist reizvoll und besitzt ausreichend Schauwerte.

Schauspielerisch ist alles im grünen Bereich, Elliot Cowan gibt den angeschlagenen Allerweltstypen mit intellektuellem Anspruch, in dessen Welt das Unheimliche und Unerklärliche eindringt, erfreulich bodenständig und unaufdringlich. Ana Ularu darf als Rachel immer weitere Facetten ihres Wesens bloßlegen, was ihr ebenfalls mühelos gelingt. Der klischeebehaftete, platte Zwist mit ihrem tumben Zuhälter gehört zu den peinlicheren Momenten des Films, findet aber eine ansprechende Auflösung. Mit derartigen, kleineren Redundanzen und Abschweifungen verhaspelt sich „Muse – Worte können tödlich sein“ unnötigerweise ein wenig.

Das (kurze) Wiedersehen mit einem unaffektiert aufspielenden Christopher Lloyd gehört zu den stillen Höhepunkten, das Auftreten Franka Potentes leider nicht. Was gar nicht an der formidablen Schauspielerin liegt. Obwohl an zweiter Stelle in der Besetzungsliste stehend, wird sie als freundschaftliche Ratgeberin und meist im Hintergrund agierende Informationszuträgerin unterfordert und beiläufig verheizt. Zudem hat man ihr in der deutschen Version eine viel zu helle, inadäquate Synchronstimme verpasst. Deshalb ist der englische O-Ton vorzuziehen.

Zu keinem Moment gelingt es dem Film seinem interessanten Thema tiefergehende Aspekte zu entlocken. Das Theater der Grausamkeit, die Poesie der Hölle, die Bedeutung von Worten, die über das Gesagte und Geschriebene weit hinausgehen, bleiben dem Ungefähren verhaftet, sind kaum mehr als bloße Erwähnung wert. Die Vielschichtigkeit der literarischen Vorlage wird nur angekratzt, Grenzüberschreitungen in den taumelnden Wahnsinn oder ins surrealistische Alptraumtheater bleiben aus. „Muse – Worte können tödlich sein“ ist gediegener stil- und stimmungsvoller Geistergrusel, der das Übersinnliche sehr sinnlich in zweckdienliche Bilder packt. So bleibt der Film bis zum Ende wohlig schaurige Unterhaltung, hätte mit dem Inspirationsschub einer wohlmeinenden Muse aber mehr Potenzial gehabt.

Cover & Szenenfotos © EuroVideo Medien GmbH

  • Titel: Muse
  • Originaltitel: MUSE – Worte können tödlich sein
  • Produktionsland und -jahr: England, Irland, Belgien, Frankreich 2017
  • Genre: Horror, Mystery, Drama
  • Erschienen: 09.10.2018
  • Label: Eurovideo
  • Spielzeit:
    ca. 108 Minuten auf Blu-Ray
    ca. 103 Minuten auf DVD
  • Darsteller:
    Elliot Cowan
    Ana Ularu
    Franka Potente
    Christopher Lloyd
  • Drehbuch:
    Jaume Balagueró
    Fernando Navarro
    José Carlos Somoza – Romanvorlage „La dama número trece“ (2003), dt. „Die dreizehnte Dame“ (2004)
  • Musik:
    Stephen Rennicks
  • Kamera:
    Pablo Rosso
  • Extras: –
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,40:1, 16:9 anamorph
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch & Englisch, Dolby Digital 5.1
  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,40:1, HD 1080/24p (16:9)
    Sprachen/Ton
    :
    Deutsch / Englisch, DTS-HD Master Audio 5.1
  • FSK: 16
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite des Films

Wertung: 9/15 Musenküsse ohne Zunge


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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