Heavy Trip (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

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Metaller sind auch nur Menschen. „Heavy Trip“ ist als augenzwinkerndes Integrationsplädoyer einer Spezies konzipiert, die gerade im ländlichen Raum Finnlands angeblich noch immer kritisch beäugt wird. Dass dies im Lordi-Land tatsächlich der Fall ist, mag man bezweifeln, ganz sicher ist aber: Der finnische Heavy Metal-Streifen ist auch als Komödie verstanden kein guter Film, weil er sein Handwerk nur allzu selten versteht. Das passiert wohl, wenn bemühte Fans ihren Traum verwirklichen, was symptomatisch für eine Szene ist, die dieser Tage selbstreferenziell um sich selbst kreist.

Vier Metalheads auf dem Dorf, das wirkt 2019 abgedroschen. Turo, Pasi, Lotvonen und Jynkky sind die einzigen ihrer Art in der finnischen Provinz und dementsprechend aufeinander angewiesen. Natürlich spielen sie in einer Band und proben im Keller ihrer Eltern Metal-Coversongs und das wäre alles auch ganz süß, wenn das Quartett nicht schon erwachsen wäre. Sie alle haben Jobs, gelten aber noch immer als Freaks und Loser, weil sie ihren nach außen getragenen Life Style nicht aufgeben wollen. Message des Films: Die anderen sind doch Spießer und entpuppen sich als genauso infantil. Doch die Frage sei erlaubt, ob die ausschließliche Bewahrung des Kindes in einem wirklich als eine zu unterschreibende Moral von der Geschicht durchzulassen ist.

Eines Tages tritt jedenfalls ein blonder Hühne auf, der Blut von einem der Väter erstehen möchte, dem ein Rentierschlachthof gehört. In einem der zahlreichen Slapstick-Momente geht der Kauf selbstredend schief und der blutverschmierte Norweger setzt sich wutentbrannt in seinen Pick-Up-Truck. Wer das wohl war? Hier seine Visitenkarte. Ach du scheiße, das ist der Veranstalter des Northern Damnation-Festivals, schnell hinterher und ihm ein Demo-Tape zustecken, vielleicht wird es ja was mit dem Auftritt. Die Vier fantasieren sich in ihren ersten Gig hinein, auch der Sänger spielt die Sache in „Leicht zu haben“-Manier mit, weil der schüchterne Mann sich vor Auftritten fürchtet und den Anruf beim Veranstalter noch gar nicht getätigt hat. Das weiß aber keiner, alle gehen davon aus, dass die Jungs aus ihrem Dorf bald ein großes Konzert spielen werden und plötzlich ist die Band, die sich fortan „Impaled Rektum“ nennt, durch die Bank respektiert.

Gehört haben die Leute selbstredend noch nichts von der extremen Musik, die alles andere als massentauglich ist und so verkommt ihr erster Gig im Dorf zur Katastrophe, auch weil der Sänger vor Aufregung den Bürgermeister ankotzt. Die Lüge fliegt auf, das Selbstbewusstsein ist dahin, doch erst nach einem Schicksalsschlag nach weit über einer Stunde Spielzeit beginnt der eigentliche Roadtrip, denn jetzt versuchen es die Jungs einfach auf eigene Faust aufs Festival-Billing zu kommen. War es vorher bemüht lustig, wird es im Folgenden absurd inklusive einer kruden Grenzszene, die sich um einen Raketenwerfer und vermeintliche Fundamentalisten dreht. Der Film verliert sich komplett in übertriebener Komik, die von feinem „Spinal Tap“-Niveau weit entfernt ist.

Doch auch so fragt man sich, was das Ganze jetzt eigentlich darstellen soll. Metaller ziehen sich durch den Kakao, indem sie Klischees aufgreifen und sie sich zu eigen machen. Das ist durchaus legitim, nur darf gefragt werden, ob dies heute wirklich noch nötig ist. Sicherlich ist Heavy Metal immer noch ein Auffangbecken für diejenigen, die sich als Außenseiter fühlen, aber werden sie wirklich dermaßen diskriminiert? Gerade in Finnland, dem Land der Eurovision Song Contest-Gewinner Lordi und riesigen Bands wie Nightwish? Es wirkt ähnlich bemüht wie bei all dem Comic-Fans, die sich zurückversichern, dass sie trotz der Mega-Erfolge der Marvel-Filme immer noch die kleinen Nerds sind. Dazu passen auch die steifen Bemühungen um kultige Identität, Zitate und trashige Ironie, die in „Heavy Trip“ nur selten witzige Momente produzieren.

Nun wird der Einwurf lauten: Ist doch alles nur Spaß, das sollte man nicht zu ernst nehmen! Aber entbinden sich die Spaßmachenden mit diesem Argument nicht auch ein Stück weit von einem Qualitätsanspruch? Die Metal-Szene, so zeigt es „Heavy Trip“ auf plakative Weise, verfügt über Menschen mit Qualitäten zur Integration und weitere gesellschaftliche Funktionen, die gerne übersehen werden, gleichsam kapseln sie sich aber auch gerne in ihre eigene Welt ein. Gerne konstruieren sie sich als Nerds, die ihr Faktenwissen um Bands und Genres lieben und dieser Welt etwas hinzufügen wollen. Nur verhindert diese Zurschaustellung gerne mal den Kontakt nach außen, sowohl im sozialen als auch im musikalischen Sinne. Dementsprechend lässt sich „Heavy Trip“ als Referenzwerk für eine Community heranziehen, die ihre langjährige Ausdifferenzierung und Innovationsfreudigkeit heute zunehmend gegen das Aufbrühen von Referenzen eintauscht.

Dieses heimelige Gefühl hat in Zeiten der Heimatdebatten auch erst mal etwas Nachvollziehbares, will doch jeder gerne einer Gruppe angehören und sich verstanden fühlen. Doch konstruiert sich die Metal-Community sich da nicht als etwas, was sie schlicht nicht mehr ist? Jetzt, da Metalbands die Charts erobern und Stadien füllen? Stattdessen will „Heavy Trip“ das uralte Klischee weitergeben, indem es den Ausbruch der Metalheads künstlich kriminalisiert und stigmatisiert. Die Jungs emanzipieren sich nur insoweit, als dass sie einem Traum nachjagen, der ihnen Anerkennung für ihren Lebensstil einbringt, übersehen aber, dass die DorfbewohnerInnen nur aus Sensationslust stolz auf „Impaled Rektum“ sind. Nur selten aber wachsen sie an ihren Aufgaben und haben sogar noch verstärkt das Gefühl, sich eine vertiefte Metal-(Ersatz)-Identität aufbauen zu müssen. Ein Zwiegespräch findet lediglich statt, wenn der Mann seine Traumfrau erobert, doch ein gemeinsames Wachsen und Voneinanderlernen bleibt aus.

Fazit: „Heavy Trip“ ist eine handwerklich überschaubare Komödie, die ein längst überholtes Thema lauwarm aufbrüht. Die Diskriminierung von Metallern dient hier als Vehikel zur Konstruktion einer Identität, die längst eine gesellschaftlich zumindest geduldete, wenn nicht sogar anerkannte Stellung innehat. Doch der Film wird so zum Produkt einer Tendenz, die in der Metal-Community zurzeit vorherrschend ist und sie durch konstruiertes Nerdtum und Selbstreferenzialität davon abhält, sich zu erneuern, spannend zu halten und in einen Dialog mit anderen Gruppen zu treten. Hinter all der vorgeschützten (Selbst-)Ironie entsteht eine selbsterfüllende Prophezeiung, weil man sich in der Außenseiterrolle eingerichtet und es sich heimelig gemacht hat. Ein selbstbewussterer Umgang mit den eigenen Stärken und der eigenen Rolle innerhalb der Gesellschaft wäre aber weitaus spannender gewesen.

Cover und Szenebilder © Ascot Elite

  • Titel: Heavy Trip
  • Originaltitel: Hevi reissu
  • Produktionsland und -jahr: FIN, 2018
  • Genre:
    Komödie
  • Erschienen: 01.03.2019
  • Label: Ascot Elite
  • Spielzeit:
    ca. 91 Minuten auf 1 DVD
    ca. 91 Minuten auf 1 Blu-Ray
  • Darsteller:
    u.a.
    Johannes Holopainen
    Samuli Jaskio
    Max Ovaska
    Antti Heikkinen
  • Regie: 
    Juuso Laatio
    Jukka Vidgren
  • Drehbuch:
    Juuso Laatio
    Aleksi Puranen
    Jariv Olavi Rantala
    Jukka Vidgren
  • Kamera: Harri Räty
  • Schnitt: Kimmo Taavila
  • Musik: Lauri Porra
  • Extras:
  • Technische Details (DVD)
    Video:
    2,38:1
    Sprachen/Ton
    :
    D
    Untertitel:

  • Technische Details (Blu-Ray)
    Video:
    2,38:1 (1080p/25fps)
    Sprachen/Ton
    :
    D
    Untertitel:
    D
  • FSK: 12
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite

Wertung: 4/15 dpt


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Heavy Trip (Spielfilm, DVD/Blu-ray)

von Norman R Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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