Young-Ha Kim – Aufzeichnungen eines Serienmörders (Buch)

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Demenz trifft Serienmörder

Young-Ha Kim, Jahrgang 1968, ist in seiner Heimat Südkorea längst ein Star der Literaturszene und hat schon etliche Preise gewonnen. Einige Bücher sind bereits im deutschsprachigen Buchhandel erschienen, sein jüngstes Werk im Februar 2020, herausgegeben von dem kleinen Cass Verlag. Der ursprünglich auf japanische Literatur fokussierte Verlag, hat sich mittlerweile ein zweites Standbein aufgebaut und veröffentlicht nun auch südkoreanische Werke. Mit “Aufzeichnungen eines Serienmörders” ist ihm dabei ein Volltreffer gelungen, der es im April 2020 auf Anhieb auf Platz 1 der Krimibestenliste (Frankfurter Allgemeine und Deutschlandfunk Kultur) geschafft hat. Dabei handelt es sich bei dem mit rund 150 Seiten überschaubaren Werk nicht um einen herkömmlichen Roman, sondern eher um eine Ansammlung von tagebuchähnlichen Aufzeichnungen; diese teils in Romanform.

Byongsu Kim, inzwischen 70 Jahre alt, hat bereits mit sechzehn Jahren seinen ersten Mord verübt. Am eigenen Vater, der die Familie drangsalierte. Danach war er davon besessen, den jeweils nachfolgenden Mord mit noch größerer Perfektion auszuüben. Seit 25 Jahren ist damit nun Schluss, sein letztes Opfer war die Mutter von Unhi, die er daraufhin adoptierte. Nachdem er bei einem Verkehrsunfall einem Geländewagen auffährt, glaubt Kim, aus dessen Kofferraum Blut laufen zu sehen. Der Fahrer des Wagens, Jutae Park, ist ihm ebenfalls verdächtig. Er glaubt, in ihm einen Seelenverwandten zu sehen, also einen Serienmörder. Laut Medienberichten treibt ein solcher gerade sein Unwesen, schon drei junge Frauen in den Zwanzigerjahren wurden misshandelt und ermordet. Hat sich etwa nach all den Jahren ein Nachahmer in sein Revier eingeschlichen? Mehr und mehr verfestigt sich bei Kim der Gedanke, dass die 28-jährige Unhi das nächste Opfer sein könnte. Um sie zu schützen, muss er folglich noch ein letztes Mal morden. Allerdings gibt es ein Problem: Kim ist stark an Alzheimer erkrankt.

Großartiger Plot

Ein an Alzheimer erkrankter Serienmörder? Eine großartige Idee, die sich zu einer bitterbösen, schwarzhumorigen Geschichte entwickelt, die es in sich hat. So heißt es schon auf dem Buchrücken passend: “Meine letzte Lebensaufgabe steht fest. Ich muss Jutae Park umbringen. Bevor ich vergesse, wer er ist.”
Ein Serienmörder, der anderen das Leben brutal entrissen hat, sinniert auf seine alten Tage über den Sinn des Lebens, über Leben und Tod. Dabei lässt Young-Ha Kim seine breite, literarische Bildung einfließen, verweist auf Zarathustra, Odysseus und Ödipus. Die Notizen des alten Mannes sind meist recht kurz. Oftmals nur ein einziger Satz, selten mehr als zwei Seiten in Folge. Zunehmend vermischen sich dabei Wahrnehmung und Sinnestäuschung, die Vergesslichkeit zeigt ihre teils drastischen Folgen auf. Selbst der Einsatz eines Voicerecorders hilft nur bedingt.

Da ich mich mit Gedichten nicht auskannte, schrieb ich offen über den Ablauf meiner Morde. Wie hieß noch gleich mein erstes Gedicht, “Messer und Knochen”? Der Dozent fand meine poetische Ausdrucksweise erfrischend. Meine rohe Sprache und meine Imaginationen des Todes zeichneten ein scharfes Bild von der Nichtigkeit des Lebens. Mehrfach lobte er meine “Metaphern”.

Obwohl nur drei Personen eine wesentliche Rolle spielen (Kim, Unhi und Jutae Park) ist eine spannende, hoch unterhaltsame Lektüre entstanden. Wie sich deren Beziehungsgeflecht untereinander am Ende des Romans auflöst ist ganz großes Kopfkino! So muss man einmal mehr dem eingangs genannten Cass Verlag für dessen verlegerischem Mut hohe Anerkennung zollen. Rund 150 Seiten sind für zwanzig Euro wahrhaft kein Schnäppchen; trotz ansprechender Gestaltung und Lesebändchen. Da greift manch Leser zum dicken Wälzer und übersieht geflissentlich, dass Qualität schon immer ihren Preis hatte. Verlag und Autor bleibt daher zu wünschen, dass “Aufzeichnungen eines Serienmörders” ihr Publikum finden.

Cover © cass verlag

  • Autor: Young-Ha Kim
  • Titel: Aufzeichnungen eines Serienmörders
  • Originaltitel: Salinja-ui gieok-beob
  • Übersetzer: Inwon Park
  • Erschienen: 02/2020
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 152
  • ISBN: 978-3-944751-22-1
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 13/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Young-Ha Kim – Aufzeichnungen eines Serien…

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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