Christoph Heiden – Zurück im Zorn (Buch)

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1995 brennt Anna Majakowskis Elternhaus nieder. Mutter, Vater und ihr Bruder sterben in den Flammen, sie selbst wird gerettet – vom mutmaßlichen Brandstifter. Anna wächst bei Onkel und Tante auf, zusammen mit ihrem Cousin David. Irgendwann verlässt sie das in Brandenburg gelegene 500 Seelen-Kaff Gollwitz, geht nach Berlin und arbeitet dort als Sozialarbeiterin. Obwohl sie die Erlebnisse und den Ort verdrängen möchte, gelingt dies nicht. Denn sie bekommt anonyme Briefe und Anrufe, die ihren lebenden Verwandten das gleiche Schicksal androhen wie ihren nächsten Angehörigen.

Die Bedrohungslage steigt, da der Brandstifter Martin Berger kurz vor seiner Entlassung aus einer geschlossenen psychiatrischen Klinik steht. Widerwillig kehrt Anna nach Gollwitz zurück.
Dort wartet der pensionierte Polizist Willy Urban ebenfalls auf Bergers Ankunft bei seiner Mutter Lisbeth. Er möchte beweisen, dass Berger nie hätte entlassen werden dürfen. So stalkt Lisbeth Berger, sucht besessen nach Verbündeten und ist bloß ein bespötteltes und misshandeltes Faktotum, das nach dem Tod seiner Frau Eva in Messietum, Alkohol und eine fixe Idee abgleitet.

Anna wird nicht freundlich empfangen in Gollwitz, einem Ort, der nahezu perspektivlos vor sich hin existiert, in dem alte Seilschaften noch eine Menge Einfluss haben, und der geplagt ist von den Erinnerungen an jene Brandnacht und den vielen Fragen, die danach offen blieben.

Hoffnung setzt man auf den Tourismus, speziell in Sterngucker, die sogenannten “Astronisten”, die den atemberaubenden Nachthimmel über Gollwitz in festem Blick haben. Darauf spekuliert auch die verbliebene Familie Majakowski, die ein Gutshaus zur Pension umgebaut haben. Die Geschäfte laufen suboptimal. Dass zeitgleich mit Annas und Martin Bergers Rückkehr neue Feuer ausbrechen, macht die Lage nicht besser.
Anna und Willy Urban finden zwangsläufig zusammen und taumeln als grantiges Ermittlerpaar zu bitteren Erkenntnissen. Derweil sich im “Leprechaun”, der Dorfkneipe, ein Lynchmob formiert, klären sich die Ereignisse um den Brand von 1995. Das rettet aber keine Menschenleben mehr, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart.

“Zurück im Zorn” ist ein ländlicher Noir (“Country Noir” zu schreiben, fällt schwer angesichts eines Romans, der im Nordosten Deutschlands spielt, passt aber besser), der die widerwillige Heimkehr einer traumatisierten Frau beschreibt. Das fiktive Dorf Gollwitz in Brandenburg (nicht zu verwechseln mit dem realen Ort auf der Insel Poel) ist ein starres Gebilde, in dem man sich in brüchiger Unzufriedenheit eingerichtet hat. Stillstand erscheint wie Fortschritt, flächendeckend herrscht Trübsal. Und wenn dies einmaldurchbrochen wird, sind die Versuche, sich neu zu orientieren, von Unsicherheit oder flauen Illusionen geprägt. Die Gegend touristisch interessanter zu gestalten, vor allem für die durchreisenden “Astronisten”, hauptsächlich Astronomie-Fans mit einem Hang zu alubehüteter Esoterik, mag halbwegs reell erscheinen, doch die Träume einzelner Protagonisten, die Nachtwandler über den Tisch zu ziehen und daraus Profit zu ziehen, sind aus schmutzigem Schaum gemacht.

In Gollwitz herrschen Strukturen, die bereits vor der Wende entstanden sind, die Wirtschaft ist am Boden, und anstatt konstruktiv gegen den schleichenden Niedergang anzukämpfen, wird sich dumpf brütend damit arrangiert. Anna Majakowski und der in Selbstmitleid badende Ex-Polizist Urban werden als Störfaktoren wahrgenommen. Martin Berger, der mutmaßliche Feuerteufel, wird noch erbitterter ins Visier genommen. Jagdszenen aus Brandenburg, Martin Sperr und Peter Fleischmann lassen grüßen.

Der Roman handelt von Getriebenen und Verlorenen, Menschen, die sich in Auflösung befinden, über schmutzige Geheimnisse und vergiftete Beziehungen. Als Sympathieträger taugen bestenfalls Anna Majakowski und mit Abstrichen Martin Berger sowie seine Mutter Lisbeth. Willy Urban ersäuft die Trauer um den Verlust seiner Frau, lässt sich gehen und versucht sich in Fanatismus zu retten. Doch er ist kein rächender Engel, sondern ein betriebsblinder Ex-Bulle, dem am Ende die einzige Gnade zuteilwird, die in einer maroden Gesellschaft noch existiert: Ihm wird verziehen.

Christoph Heiden verweigert sich und seinen Hauptfiguren einfache Lösungen. Eine mögliche Wahrheit kommt zwar ans Tageslicht, doch bringt sie keine Katharsis, sondern nur bittere Erkenntnisse. Gleichzeitig wird an anderer Stelle ein Hoffnungsschimmer unter dem Eis begraben. Die schmuddelig-frostige Winterlandschaft spielt als Abbild der Seelen- und Gemütslage aller Beteiligten per se eine wichtige Rolle.
Auf simple Bedürfnisbefriedigung seiner Leserschaft ist “Zurück im Zorn” nicht aus. Christoph Heidens Buch handelt vom Unbehagen, Mensch zu sein in menschlicher Gesellschaft. Die Hölle, das sind nicht immer die anderen. Aber allzu oft.

Bis auf wenige Flüchtigkeitsfehler ist “Zurück im Zorn” sprachlich wohlgeraten. Ein paar Nebenstränge hätten kürzer ausfallen können. Aber das fällt nicht stark ins Gewicht, denn insgesamt hat Heiden seine dunkle, traurige Geschichte im Griff. Und dass dem Swamp Thing, dem “Ding aus dem Sumpf” eine tragende Bedeutung zukommt, gibt Bonuspunkte.

“Zurück im Zorn” ist ein lesenswerter Noir, der sich weit in die Untiefen der deutschen Provinz vorwagt und dort wenig Ersprießliches findet. Christopher Heidens Roman handelt von der Alltäglichkeit des Verbrechens, vom Grauen des Alltags und überzeugt auch als Milieustudie. Wer einen schnöden Thriller mit simplifizierender Bedürfnisbefriedigung erwartet, dürfte vom Buch allerdings überfordert werden.

Cover © Gmeiner

  • Autor: Christoph Heiden
  • Titel: Zurück im Zorn
  • Verlag: Gmeiner
  • Erschienen: 02/2020
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 344 Seiten
  • ISBN: 978-3-8392-2644-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten

Wertung: 11/15 Sternen am Himmel


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman “Mitternachtsblues” (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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