Dave Zeltserman – Killer (Buch)

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Dave-Zeltseman-KillerNach seiner Verhaftung handelt Mafiakiller Leonard March einen Deal aus: Er verrät seinen Boss Salvatore Lombard und geht dafür nur anderthalb Jahrzehnte ins Gefängnis. Obwohl March mindestens achtundzwanzig Auftragsmorde begangen hat, lässt sich die Bezirksstaatsanwaltschaft auf den Handel ein.
Vierzehn Jahre später ist Leonard March ein freier Mann. Fast. Denn der Ex-Killer ist gezwungen, in Boston zu bleiben. Dort hat der 62jährige einen Nacht-Job als Putzkraft und muss sich tagsüber den Zivilklagen der Angehörigen seiner Opfer stellen. Was unweigerlich die Schergen Lombards auf den Plan ruft. Sowie potenzielle Biographen, die sich ein erfolgsträchtiges Skandalbuch nicht entgehen lassen wollen. Den ersten windigen Journalisten wimmelt March ab, aber bei der verführerischen Sophie wird er in mehrerlei Hinsicht schwach. Obwohl er ahnt, dass die junge Frau ganz eigene Pläne verfolgt. Doch davon lässt sich ein analytischer, eiskalter ehemaliger Killer nicht irritieren. Und wer sagt eigentlich, dass ein Ruhestand ewig dauern muss?

Wie bereits „Paria“ bringt „Killer“ seine eigene Medienkritik gleich mit. Leonard March reflektiert über sich und sein Leben, während er versucht, es nach der Haftentlassung wieder in den Griff zu bekommen. Das Buch teilt sich auf in einen Part, der in der Gegenwart spielt und Kapitel, in denen Leonards Aufstieg und Ausbremsung – ‚Fall‘ kann man kaum dazu sagen –  beschrieben wird.

Leonard killt sich durch die Jahrzehnte und betrauert nach seiner Entlassung, den Kontakt zu seiner Familie verloren zu haben. Ehefrau Jenny ist an Krebs gestorben, seine drei Kinder meiden ihn wie Weihwasser den Teufel. Es kommt zwar zu einer unerfreulichen Begegnung mit dem ältesten Sohn Michael, Tochter Allison verweigert sich einem Treffen komplett und Paul, der Jüngste, bleibt ein Schemen.  So sehr Leonard auch lamentiert, mehr als Krokodilstränen sitzen nicht drin. March ist zurückgeworfen auf sich selbst, aber je weiter das Buch voran schreitet, festigt sich der Eindruck, dass er sich dabei wohlfühlt. Die Zeit nach der Haftentlassung erscheint als eine Art Probelauf, zu der auch die erotisch aufgeheizte Beziehung zur emsigen Sophie gehört, die sich als Biographien mit Verve aufdrängt.

„Killer“ wandelt geschickt auf dem Pfad zwischen Noir und sarkastischer Satire. Leonard March entwickelt sich gelehrig zum Medienprofi, kennt die Mechanismen des Marktes  und bedient sie. So wird er scheinbar unfreiwillig zum aktiven Verbrechensbekämpfer, eine Art Held der Vorstadt. Das wiederum beeinflusst die Fernsehberichte über ihn nachhaltig, und stachelt als Nebeneffekt das Interesse seiner Feinde an. Doch obwohl die latente Bedrohung der tödlichen Rache – seitens der Angehörigen seiner Opfer und Salvatore Lombardos Organisation –   ständig über dem alternden Killer schwebt, macht man sich keine großen Sorgen um ihn. Zum einen entpuppen sich aufgebrachte Verwandte als großmäulige Blender, zum anderen wird schnell offensichtlich, dass Leonard March auch jenseits der Sechzig ein harter Hund mit einer Latte fieser Tricks ist, die er gezielt und geschickt einzusetzen weiß.

Dieses literarische Porträt ist mit groben Pinselstrichen gezeichnet, lässt auch gerne Übertreibungen zu. So wird Leonard, dank der zahlreichen TV-Features, von jedem zweiten Passanten als der gefährliche Ex-Knacki erkannt, der er ist. Er unternimmt aber nur Halbherziges zur Tarnung, läuft weiterhin unbekümmert durch die Straßen. Das ist nachlässig seinen Verfolgern gegenüber und überhöht gleichzeitig die Bedeutung der medialen Präsenz. Denn ein entlassener Mafiakiller erlangt wohl kaum Superstar-Status, der ihn zum andauernd und angewidert bestaunten Subjekt macht. Es sei denn, die sozialen Netzwerke steigen mit ein. Oder jener Mann, der sich eigentlich bedeckt halten sollte, bringt vor öffentlichen Videokameras zwei brutale Kleingangster zur Strecke.

Hier treibt der Medienirrsinn bunte – aber keineswegs unwahrscheinliche – Blüten, erzählt von perfider Manipulation und ihrem Erfolg, bis auf den letzten Seiten endgültig klar gestellt wird: „Killer“ ist nicht die finstere Geschichte eines Scheiterns, sondern eine Selbstfindung der makaberen Art.

Zeltsermann beschreibt das knapp, lakonisch, kalt; eben genau wie seine Hauptfigur, deren Windungen zurück ins Leben man gespannt, aber ohne große Sympathien folgt. Diese emotionale Distanz ist beabsichtigt. Denn der spannende und überaus unterhaltsame Medienexkurs im schwarzen Krimi-Gewand stilisiert die Leiden des alternden Killers zum perfiden Befreiungsakt.  Ganz schön böse, Zeltserman. 

Cover © pulp master

  • Autor: Dave Zeltserman
  • Titel: Killer
  • Originaltitel: Killer
  • Übersetzer: Ango Laina, Angelika Müller
  • Verlag: pulp master
  • Erschienen: 19.12.2014
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 262
  • ISBN: 978-3-927734-50-0
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 11/15 dpt


Über den Autor

Jochen König


Jochens Nerd-Schreibtisch

Stationen: Aufgewachsen in Siegen, weitergezogen nach Münster, dann nach Berlin und wieder zurück nach Idyllistan, sprich Münster. Meinen ersten Roman „Mitternachtsblues“ (sowie diverse Sachbücher mit Beiträgen von mir) gibt es tatsächlich noch zu kaufen; ob man die Hörspiele aus meiner Berliner Zeit noch empfangen kann, ist eher zweifelhaft. Ansonsten bin ich Sachbearbeiter, Teilzeit-Buchhändler und war sieben Jahre für die, sogar mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichnete, Krimi-Couch tätig.

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Dave Zeltserman – Killer (Buch)

von Jochen König Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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