Garry Disher – Hope Hill Drive (Buch)

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Weihnachtliche Ruhe im Outback. Von wegen.

Rund ein Jahr ist Constable Paul “Hirsch” Hirschhausen in der Kleinstadt Tiverton im Dienst und hat es meist mit banaler Alltagskriminalität wie Schlägereien im Pub zu tun. Heiligabend steht vor der Tür und offenbar sind Kupferdiebe unterwegs. Auch einen Autodiebstahl gilt es aufzuklären, allerdings hat Hirsch die Täter bereits ermittelt, bevor die Besitzerin Nan Washburn ihren Wagen überhaupt vermisst. Bei Vorfällen im Ort fällt der Verdacht meist direkt auf Wayne und Adam Flann, deren Vater im Knast sitzt und deren Mutter Brenda selten nüchtern ist. So fährt diese dann auch volltrunken fast Hirsch über den Haufen, nur die Geistesgegenwart von Martin Gwynne rettet ihn vor Schlimmeren. Ausgerechnet Gwynne, neben den Flanns der größte Problemfall der Stadt. Gwynne weiß und kann alles, mischt sich überall ein und heischt nach Anerkennung. Bleibt diese aus, denunziert er die Betroffenen, wie später Hirsch am eigenen Leib erfahren muss.

Mit der weihnachtlichen Besinnlichkeit ist es jedoch schnell vorbei. Zunächst werden vier Zwergponys auf der Farm von Nan Washburn brutal misshandelt und erstochen, was umgehend die Medien auf den Plan ruft. Während Hirsch ruhelos ermittelt und versucht, die brodelnde Stimmung unter Kontrolle zu halten geschieht ein Doppelmord. Eine Mutter und deren Sohn im Teenageralter werden erschossen. Von den beiden jüngeren Töchtern fehlt jede Spur. Kurz zuvor erhielt Hirschs Vorgesetzte einen Anruf aus dem Polizeipräsidium in Sydney, indem man sie bat, nach dem Wohl der Mutter und deren Kindern zu sehen. Schnell wimmelt es in Tiverton von Ermittlern aus Redruth, Port Pirie und sogar Sidney. Hirsch holt dabei seine Vergangenheit beim CIB Port Pirie wieder ein, wo er – vor einem Jahr – einen unrühmlichen Abgang als Detective hatte.

Straßennamen beherrschen die deutschen Übersetzungen der Paul-Hirschhausen-Reihe. Nach “Bitter Wash Road” nun also der “Hope Hill Drive”. Garry Disher besticht einmal mehr mit einem spannenden Krimiplot, welcher auf eine spektakuläre Landschaft trifft. Wobei spektakulär bedeutet, dass es selbst an Weihnachten auf die dreißig Grad zugeht und von den wenigen ausgebauten Straßen meist staubige Schotterpisten und Feldwege zu den oft heruntergekommenen Farmen führen. Die Vegetation ist karg, vor Erdlöchern und Schlangen muss man sich in Acht nehmen. Die Farmen liegen teils kilometerweit auseinander, jeder Fremde wird argwöhnisch beobachtet. Man lebt für und kümmert sich um sich, sofern man nicht Martin Gwynne heißt. In Tiverton selbst gibt es genau einen Polizisten (Hirsch), einen Kaufladen mit nicht immer frischen Waren und ein Pub, wo es gerne schon mal zu einer Schlägerei kommt. Ein Tiermassaker wie bei den Zwergponys oder gar ein Doppelmord sind aber ein Novum und sorgen für reichlich Trubel.

Neben der Beschreibung von Straßen, Anhöhen und der Landschaft des Outback, nimmt sich Disher viel Zeit für die Bewohner Tivertons. Hirsch dreht regelmäßig seine Runden, sieht überall nach dem Rechten und wird so ganz allmählich von den Einwohnern der Kleinstadt akzeptiert. Seine ruhige und ausgeglichene Art tragen dazu bei, dass man ihm zunehmend vertraut. Privat gibt es für Hirsch keine neuen Entwicklungen, da er weiterhin mit seiner Freundin Wendy Street liiert ist und deren Tochter Katie ihn uneingeschränkt akzeptiert. Allerdings will es mit einem gemeinsamen Weihnachtsfest nicht so richtig klappen. Besagtes Tiermassaker, der Doppelmord und die verschwundenen Mädchen schränken Hirschs Freizeit drastisch ein, wenngleich die beiden letztgenannten Fälle weit über seiner Gehaltsklasse liegen, wie die hinzugezogenen Ermittler nicht müde werden zu betonen.

“Hope Hill Drive” ist nicht nur für Freunde des Outbacks interessant, sondern bezieht seinen positiven Gesamteindruck aus dem Mix von Landschaft, krimineller Fallgestaltung und einem sympathischen Protagonisten, der Gegner nicht nur außerhalb der Polizei hat. Zudem seziert Garry Disher die dunklen Geheimnisse Tivertons und deren Bewohnern, von denen nicht wenige in einer tristen Welt zwischen Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit dahinleben.

Cover © Unionsverlag

Wertung: 12/15 dpt


Über den Autor

Jörg Kijanski

Großer Krimifan seit Jugendzeiten, zudem seit 2005 vor allem als Redakteur für die Krimi-Couch und Histo-Couch tätig. Inzwischen haben sich über tausend Rezensionen angehäuft. Neu seit Sommer 2019 auch bei booknerds.de am Start.

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Garry Disher – Hope Hill Drive (Buch)

von Jörg Kijanski Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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