Berni Mayer – Der große Mandel (Buch)

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Berni Mayer - Der große Mandel (Cover © Heyne Hardcore) Der dritte und finale Band der Mandel-Trilogie ist, so viel vorweg, gleichermaßen ein würdiger wie frustrierender Abschluss. Frustrierend deswegen, weil man sich fragt, ob nun wirklich Schicht im mayerschen Schacht ist. Würdig, weil der auch im musikalischen Bereich aktive Autor seiner Linie treu bleibt und einmal mehr eine skurrile Story auf hohem erzählerischem Niveau abliefert, die trotz aller sonderbarer Charaktere und Situationen viel Menschlichkeit in sich birgt.

Die beiden Protagonisten, Ich-Erzähler Sigi Singer und dessen Kollege Max Mandel, einst beruflich aktiv in der Onlineredaktion eines Musikmagazins, später unverhofft durch den Tod von Max Mandels Vater und dessen vererbter Detektei zu Privatdetektiven geworden, schieben reichlich Frust. Denn nach ihren letzten großen Fällen – dem in der Welt der Schauspieler („Mandels Büro“) und jenem, der sie nach Norwegen, mitten in den Krieg zweier rivalisierender Black-Metal-Bands, führte („Black Mandel“) -, sieht es hinsichtlich Aufträgen mehr als mau aus.  Auch ihre Freundschaft hat stark gelitten, zumal das Ermittlerduo ein sehr ungleiches ist. Singer ist eher ein emotionaler und redseliger Zeitgenosse, für den Klarheit oberstes Gebot ist, Mandel hingegen handelt unkonventionell, ist zuweilen unnahbar und ist nicht immer der Kommunikativste. Mandel hält Singer oftmals für einen Naivling, der nur von A nach B denkt, während Singer Mandel nicht selten aufgrund dessen arrogant wirkender Art am liebsten an die Gurgel springen würde. Und dass Singer seltenst so recht weiß, was Mandel als nächstes im Schilde führt, bringt ihn immer wieder auf die Palme.

Nun gilt es wieder besser miteinander klarzukommen, und aus der Laune heraus beschließt Singer, für beide ein Wrestling-Anfängerseminar bei der deutschen Catcherlegende ‚Big Walter Wylde‘ zu buchen. Doch, so steht es nur allzu treffend auf dem Backcover, »… noch bevor beide Bodyslam sagen können …«, werden sie überraschend erneut als Ermittler engagiert, denn einer der Wrestler, der türkisch-bayrische ‚Attila The Turk‘, wird erpresst. Und so touren Singer und Mandel mit einer Wrestling-Liga, bestehend aus ein paar Neulingen und einigen eher abgehalfterten Altstars, quer durch Deutschland, inklusive scheußlichster und verhasstester Käffer.

Auf ihrer seltsamen Reise treffen Mandel und Singer auf sonderbare Gestalten und schippern dabei in einen Wust aus Intrigen, bösartigen Hetzkampagnen und Hinterhältigkeiten – und bald entwickelt sich nicht nur das Kriminalistische zu einer Katastrophe, denn der Fall ist auch ihre endgültige Feuerprobe bezüglich ihrer Freundschaft, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Rings. Offenbar hat die Freundschaft diese nicht bestanden, denn das Buch beginnt mit dem Kapitel „Ende“ und den Sätzen »Der Mandel ist weg. Der Mandel ist nicht mehr da. Er geht nicht ans Telefon, er ist nicht in seiner Wohnung (…)«, und ab dem zweiten Kapitel erzählt Sigi Singer, wie es zu diesem Ende kam. In seine Erlebnisse bettet er immer wieder Auszüge aus Mandels Notizbuch ein, denn dies ist das Letzte, was Singer aus seiner gemeinsamen Zeit mit ihm geblieben war – außer den Erinnerungen.

Wenn man so möchte, ist „Der große Mandel“, ja eigentlich die gesamte Trilogie, ein vielschichtiger Mix aus Komödie, Drama und gar Philosophie, angereichert mit einer bayrischen Note, die sich auch sprachlich äußert – mit Artikel vor dem Namen (»… sagte der Mandel«), mit totem Genitiv (»das Auto vom Mandel«) und all den lokalkoloritgeprägten, dem Deutschlehrer Schweißperlen auf die Stirn treibenden Merkmalen, die „dem Berni Mayer seine Mandel-Bücher“ nun einmal ausmachen und nach wie vor so überhaupt nicht stören. Im Gegenteil, irgendwann liest im Kopf eine Stimme mit bayrischem Dialekt den Text mit, und man bekommt unweigerlich das Gefühl, „der Sigi“ erzähle dem Leser das just Erlebte brühwarm bei einem eiskalten Bierchen – so wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und man hört gern zu.

Wie in den Büchern zuvor finden sich immer wieder kleine Lebensweisheiten und philosophische Gedanken inmitten all der Schilderungen – Sigi ist ein nachdenklicher Mensch, jemand, dem viel durch den Kopf geht -, und man leidet mit dem Erzähler desöfteren mit und würde „dem Mandel“ am liebsten auch mal den Kopf waschen. All die Szenarien (deren Hauptfiguren Mandel und Singer, die Freunde, Mandel und Singer, die Ermittler, Mandel und Singer, die Neu-Wrestler sowie Mandel der Max und Singer der Sigi sind) werden gewohnt bildhaft beschrieben, und gerade bei der sprachlichen Verbildlichung der mitunter wirklich lächerlich wirkenden oder schlichtweg bemitleidenswerten Altwrestler hat Mayer hervorragende Arbeit geleistet.

Was diese Trilogie in der modernen Literatur so wertvoll macht, ist die Lebenserfahrung, die zwischen den Zeilen hindurchschimmert. Da beobachtet ein Autor seine Umwelt mit geschärften Sinnen, er resümiert, er verarbeitet und gibt seinen Romanfiguren sehr detaillierte Charakterprofile, die wie eine Spiegelung des denkenden und sehenden Menschen wirken. Er durchlebt das Leben offenbar intensiv und verleiht ebensolches denjenigen, die auf den Buchseiten ihr Treiben treiben.

Man erwischt sich selbst nach gewissen wertvollen Sätzen beim Innehalten, denkt sich »Na hoppla!« und gerät somit im positiven Sinne ins Stocken, was den Lesefluss betrifft, aber letztendlich sind es genau diese Momente, die dem Leser einiges mitgeben. Doch diese kleinen geschriebenen Kostbarkeiten sind nicht die einzigen Schmankerl des Mandel-Dreiers, denn nebenbei erfährt man auf ganz unaufdringliche Weise einiges Wissenswertes aus der Musik, beiläufig, aber doch seine Widerhaken ins Gedächtnis bohrend. Und über den ein oder anderen sehr speziellen Dialekt ebenfalls (Siegerländer Platt, mit einem gerollten ‚r‘ wie im Englischen und Amerikanischen, sodass man sich als Unkundiger durchaus auch veräppelt fühlen könnte).

„Der Große Mandel“ zeigt, dass eine Trilogie nicht ein zum Dreiteiler aufgepumpter Roman sein muss, und ebenso weiß der Autor, eine Buchreihe zu erschaffen, die man trotz einem der Hauptstränge – Singers und Mandels sonderbares Verhältnis zueinander – wunderbar getrennt voneinander lesen kann, ganz ohne wissen zu müssen, was passiert war. Doch hat man sie alle drei irgendwann ausgelesen, so herrscht anschließend ein zwiegespaltenes Gefühl. Denn einerseits wäre unklar gewesen, ob noch etwas über die beiden zu erzählen gewesen wäre, andererseits mag man es nicht so recht akzeptieren, dass es das jetzt tatsächlich gewesen sein soll. Als Leser verabschiedet man sich demnach mit einem an Lachfalten reicheren und einem traurig dreinschauenden Auge von diesem doch recht schrulligen Zweiergespann. Macht’s gut, ihr zwei, es war schön mit euch. Und lebensbereichernd.

Warten wir also gespannt auf die literarische Post-Mandel-Ära des The Gebruder Grim-Frontmanns.

Cover © Heyne Hardcore

  • Autor: Berni Mayer
  • Titel: Der große Mandel
  • Teil/Band der Reihe:
    Dritter und letzter Teil der „Mandel“-Reihe
  • Verlag: Heyne Hardcore
  • Erschienen: 04/2014
  • Einband: Paperback
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-453-67661-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag

Wertung: 13/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Berni Mayer – Der große Mandel (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 4 min
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