Adam Sternbergh – Spademan (Buch und Hörbuch, gelesen von Christoph Maria Herbst)

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Adam Sternbergh - Spademan (Buch, Cover © Heyne Hardcore) Irgendwann in dystopischer Zukunft: Spademan, einst glücklich verheirateter Müllmann, verliert seine Frau Stella, nachdem eine große Terrorwelle New York inklusive Times Square zerbombt hat. Die überlebenden Einwohner haben der Metropole weitestgehend den Rücken gekehrt – nur die Reichen sind in der Stadt geblieben, um sich in ihrem Wohlhaben zu suhlen.

Die virtuelle Welt hat sich mittlerweile deutlich weiterentwickelt, das Internet im herkömmlichen Sinn ist ein belächeltes Relikt – gerade gut genug für den Arbeiter, für den Pöbel. Doch wer etwas auf sich hält und das süße Leben leben will, stöpselt sich in die sogenannte Limnosphäre ein: Man legt sich einfach nur hin – je nach finanziellem Spielraum  auf ein pritschenartiges Gebilde oder in ein sargähnliches Designergeschoss aus Edelstahl mit vielen Touchscreens – und klinkt sich in einen virtuellen Kosmos ein, in welchem man mit allen Sinnen lebensecht seine Träume leben kann – „La dolce vita“ auf Abruf. Ein gefühlsechtes RPG. Oder ein realistisches „Second Life“. Normalerweise ist die Limnosphäre nur für den schnellen Kick, das kurze Abdriften gedacht, aber die meisten werden innerhalb kürzester Zeit süchtig nach ihr und bleiben  dauerhaft eingestöpselt. Ihnen ist es egal, ob ihr Körper verwahrlost. Selbst Ernährung und Verdauung finden im Bett statt – Ersteres wird als Nährlösung per Schlauch verabreicht, Letzteres durch Abfallschläuche entsorgt.

»Ich töte Männer. Und ich töte Frauen. Denn ich will nicht diskriminierend erscheinen. Aber ich töte keine Kinder, denn dazu muss man ein echter Psychopath sein.« (S. 11)

Spademan interessiert das ganze Internet- und Limnosphären-Trara nicht allzu sehr. Eigentlich gar nicht. Höchstens mal zu Recherchezwecken. Er hat in die Branche der Auftragskiller gewechselt, und seine Devise lautet: Er ist die Kugel, man muss ihm nur die Richtung vorgeben. Für bares Geld tötet er kaltblütig die Zielperson, ohne viel Gerede, ohne sich die Vorgeschichte anhören zu müssen. Ein Anruf genügt. Am liebsten nutzt er dazu seine Lieblingswaffe: Ein gutes Teppichmesser. Es läuft – im blutigen als auch im finanziellen Sinn. Sein neuester Auftrag führt ihn zu Persephone, der Tochter eines einflussreichen Fernsehpredigers, die er auch ohne großen Aufwand aufspürt. Doch der Job bringt ungeahnte Komplikationen mit sich: Persephone ist schwanger, und zu allem Überfluss hat sein Kunde eine To-do-Liste für ihn, die sämtliche bisherigen Dimensionen gnadenlos sprengt. Spademan ist in der Zwickmühle und gerät durch sein Verhalten und sein Zögern selbst ins Fadenkreuz. Und: Auch Auftragskiller haben Gefühle.

Das Debüt des New York Times Magazine-Redakteurs Adam Sternbergh ist in knackig-kurze Kapitel unterteilt, und ebenso verhält es sich mit dem Schreibstil, denn der Autor bevorzugt prägnante Sätze, ganz ohne literarischen Speck – hier und da ein paar bildhafte Umschreibungen, ansonsten wird weitestgehend auf Blabla verzichtet. Die etwas über 300 Seiten beziehungsweise rund sechseinhalb Stunden sind vollgepackt mit Ereignissen, hier und da mit Erinnerungen durchsetzt, doch ansonsten gibt es nur eine Richtung: Vorwärts.

Protagonist Spademan bezieht den Leser mit ein, indem er sich in seinen Erzählungen immer wieder an ihn wendet, und sein Ton ist dabei schmutzig, abgebrüht und flapsig – sein neuer Job hat ihn abstumpfen lassen, und das liest/hört man deutlich. Während viele Teile dieses Hardboiled/Roman noir-Werks recht brutal und abgefuckt (sorry!) sind, zieht sich ein erfrischend morbider, um nicht zu sagen furztrockener (noch mal sorry!) Humor durch „Spademan“, der dem Leser/Hörer die Spucke aus dem Mund zieht, ihm oftmals den Kiefer herunterklappen lässt und ihm ein Lachen zwischen Amüsement und Entsetzen zu entlocken weiß. Wenn britischer Humor schwarz ist, dann ist Sternberghs Humor dunkelschwarz. Wie da mal nebenbei, beinahe beiläufig gemeuchelt wird, ist einerseits natürlich heftig, andererseits gerade durch dieses Schulterzucken der Sorte „Tja, Kollateralschaden. Passiert halt.“ auf kranke Weise komisch.

Dem Autor ist es zudem brillant gelungen, Spannung aufzubauen, oftmals auf subtile Art und Weise – man merkt oft gar nicht so recht, dass der Bogen beinahe zerbirst, bis man urplötzlich die nächste hässliche Wendung oder Wahrheit ins Gesicht geklatscht bekommt. Das mag vor allem daran liegen, dass Sternbergh offenbar kein Freund der künstlich herbeigeführten Dramaturgie ist, sondern die ganze Sache eher wunderbar hinterlistig, versteckt hinter seinem Rücken, aufwickelt.

Adam Sternbergh - Spademan (Hörbuch, Cover © Random House Audio)Das Buch lässt sich durch seine etwas größere Schrift und das luftige Layout recht geschwind lesen, doch ein wenig irritierend mag für den ein oder anderen Leser sein, dass die wörtliche Rede nicht eindeutig als solche gekennzeichnet ist. Lediglich ein Halbgeviertstrich in der ersten Dialogzeile und der eingerückte Text lassen erkennen, dass nun ein Wortwechsel beginnt (siehe auch: Leseprobe), und das kann durchaus Verwirrung stiften, da man, wenn man nicht voll konzentriert bei der Sache ist, schon mal durcheinander kommen kann, wer denn nun was sagt.

Dieses Problem besteht bei der (ungekürzten!) Hörbuchversion nicht, denn der perfekt gewählte Sprecher Christoph Maria Herbst verleiht den bewusst sparsam profilierten Figuren ihre ganz eigene Stimme und erfüllt die Geschichte beinahe virtuos mit Leben. Vor allem den Protagonisten mit dem Teppichmesser weiß Herbst überzeugend darzustellen – wenn er so schnoddrig daherredet, grinst man automatisch, ebenso in den peinlichen und absurden Situationen, in die Spademan zuweilen gerät. Doch selbst die unterschwellig emotionalen Passagen weiß der Schauspieler („Stromberg“, „Kreutzer kommt“ u.v.m.) und Synchronsprecher (vor allem in Animationsfilmen) absolut überzeugend wiederzugeben. Herbst ist deutlich mehr als nur Comedy, wie man, wenn man ihn eventuell nur aus dem Fernsehen kennt, schnell vermuten könnte.

Einziger, wenn auch kleiner Wermutstropfen ist die Übersetzung, die drei oder vier auffällige Schnitzer in Form falsch gewählter deutscher Wörter aufweist (zum Beispiel „cloth“ als „Tuch“, wo eigentlich „Stoffe“ gemeint sind) – doch da sich diese Fehler stark in Grenzen halten, sollte man dies nicht als gravierenden Mangel werten. Daher: Für welches Format man sich auch immer entscheidet, so ist „Spademan“ köstlich-krasse Unterhaltung für den Fan derber Kost. Aber Vorsicht: Der Inhalt wäre, wenn man ihn verfilmen würde, definitiv FSK 18 – für Weichkekse oder Kids und Heranwachsende ist dieses Werk demnach nicht geeignet.

(Anmerkung: „Spademan“ liegt dem Rezensenten sowohl in Buch- als auch in Hörbuchform vor – die Formate sind unabhängig voneinander als eigenständige Produkte erhältlich und wurden lediglich für diese Rezension zusammengefasst.)

Cover © Heyne Hardcore/Random House Audio

Wertung: 11/15 dpt (Buch); 12/15 dpt (Hörbuch)

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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