Matthias Wittekindt – Vor Gericht

Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst

Vor Gericht
© Kampa

Im Dezember 1990 wird in Berlin-Buckow die Leiche der 62-jährigen Regina Zeisig gefunden. Wie sich herausstellt, wurde diese erwürgt, doch ihre Wertsachen offenbar nicht gestohlen. Kriminalhauptkommissar Stephan Manz und seine Kollegin Vera Steinig übernehmen die Ermittlungen. Allein schon die Befragung ihrer beiden Söhne sowie des Nachbarn führen zu einem großen Durcheinander. Wie wurde die Haustür geöffnet, wer fand die Leiche im Schlafzimmer und wer hat dieses betreten? Zahlreiche Widersprüche in den Aussagen, bei denen oft Alkohol im Spiel ist, bringen die Ermittler kaum weiter. Sie sei eine gefühlskalte und geizige Mutter gewesen, die ihre Kinder von klein auf mit Schlägen zur Ordnung gerufen hat. Zuletzt freundete sie sich immer wieder am Hermannplatz mit Ausländern an, vor allem Ungarn, da sie selbst von dort kam. Junge Ausländer wohlgemerkt, so wie Milan, dem sie noch dreißig Mark schuldet und der von den Söhnen zum vermeintlichen Mörder erklärt wird. Milan, der sich selbst zur Polizei begibt als er von dem Mordfall erfährt, ist jedoch der einzige Zeuge, der recht klare und – vor allem – nachprüfbare Aussagen macht. Anfang Januar 1991 wird Manz nach Dresden versetzt, soll dort bei der Neuausrichtung der Behörde helfen. Seine Kollegin Vera stirbt wenig später, so dass Manz den Fall gänzlich aus den Augen verliert.

„Was diese DNA-Methodik angeht, sind ohnehin noch einige juristische Fragen zu klären. Ihr erinnert euch sicher daran, dass es vor einigen Monaten einen ziemlichen Aufruhr gab, weil dieser ewige Jungrebell Hans-Christian Ströbele meinte, diese Art von Beweis sei ein nicht zu verantwortender Eingriff in das Persönlichkeitsrecht und so weiter und so weiter. Juristengeschwätz. Irgendwann sind wir weiter, dann ist so was Alltag und kein Hahn kräht mehr nach Ströbeles Spitzfindigkeiten. Kurz gesagt: Bringt uns einen Verdächtigen, und wir sagen euch in einigen Jahren, ob er es war.“

28 Jahre später erhält der inzwischen 73-jährige Kriminaldirektor a. D. eine Vorladung als Zeuge. Im Kriminalgericht Moabit soll der Fall neu aufgerollt werden. Damals steckten DNA-Methoden noch in den Kinderschuhen, doch dank moderner Technik konnten nun Spuren von damals neu ausgewertet werden. Nun sitzt zu Manz Überraschung ausgerechnet derjenige auf der Anklagebank, den Vera und er damals als einzigen ausgeschlossen hatten: Milan.

Ein verdächtiges Verfahren oder trügen Manz seine Erinnerungen?

Matthias Wittekindt, nicht nur in Kritikerkreisen gern gelesener Autor, verbindet einen ungeklärten Kriminalfall für seinen Protagonisten mit einer Reise in dessen Vergangenheit. Die Wende und deren Folgen waren im vollem Gang, der Wechsel in den Osten kam dennoch überraschend. Womöglich hatte sich dafür heimlich seine Frau stark gemacht, denn ein Teil ihrer Familie lebte in Dresden. Inzwischen sind 28 Jahre vergangen, Manz lebt im kleinen Zizzwitz unweit von Dresden und rudert am liebsten auf der Elbe. Im Vierer ohne Steuermann kann er mit seinen Vereinskollegen entspannen, ein wohlverdientes Feierabendbier nebst Grillgut inklusive. Sein Verhältnis zu Christine ist entspannt normal, wobei er sich mitunter fragt, wie denn damals eigentlich seine Beziehung zu Vera war?

Der Richter studiert seine Unterlagen, der Staatsanwalt blickt weit weg, ins Leere. Vielleicht sieht er dort seine Felle schwimmen.

Zurück in Berlin schlagen die Erinnerungen an die Vergangenheit voll durch. Besonders deutlich wird dies bei der Gerichtsverhandlung, wo es ein Wiedersehen mit den damaligen Zeugen und Verdächtigen gibt. Die Verhandlung, der Manz nicht nur als Zeuge, sondern auch aus wiedergekehrtem Interesse beiwohnt, verläuft jedoch merkwürdig. Fast so, als würde man nur noch auf den endgültigen DNA-Beweis warten und das Urteil bereits feststehen. Dabei scheinen seine Nachfolger kaum ermittelt zu haben. Die Beweislage ist jedenfalls mehr als dürftig. Und dennoch nagt die Frage an Manz: Haben Vera und er damals etwas übersehen? Von der modernen Forensik allein will er sich keinesfalls geschlagen geben, war er doch schließlich ein Polizist alter Schule. Mitte der 1960er machte er seine Ausbildung; damals zählten noch Intuition, Zuhören und vor allem gute Schuhsohlen.

Wer eher ungewöhnliche Plots mag, findet hier eine angenehm unprätentiös erzählte, dabei immer eng am Protagonisten orientierte Geschichte, die von Beginn an ihre Sogkraft entfaltet. Zunächst entspannt, geht Manz die alten Unterlagen durch, später verfolgt er den Prozess nicht immer ganz so ruhig, doch womöglich lag er ja damals selber falsch. Immer stärker lässt er sich in den alten Fall hineinziehen, ebenso wie in die eigene Vergangenheit, womit sich ihm Gelegenheit bietet, über die grundlegenden Fragen seines Lebens zu sinnieren.

  • Autor: Matthias Wittekindt
  • Titel: Vor Gericht
  • Verlag: Kampa
  • Umfang: 315 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: März 2021
  • ISBN: 978-3-311-12537-2
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 12/15 dpt


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