W. P. A. Schneider – Tatort Heidelberg (Buch)

Indizienprozess mit Todesurteil

Tatort Heidelberg
© Gmeiner

Am 29. Juni des Jahres 1921 machen sich Wilhelm Busse, Oberbürgermeister von Herford, und Leopold Werner, Bürgermeister a. D., zu einem Waldspaziergang auf. Es ist sogleich der letzte Tag, an dem die Beiden lebend gesehen werden. In Heidelberg ist Hochsaison, zahlreiche Touristen zieht es in die Stadt und den Odenwald. Intensiv beginnt die Suche nach den inzwischen Vermissten, Unruhe macht sich in der Bevölkerung breit. Dann passiert etwas Spektakuläres: Obwohl von beiden Männern noch immer jede Spur fehlt, wird deren Mörder verhaftet. Leonhard Siefert, ein dreiundzwanzigjähriger Schlosser, wohnt in einem Zimmer bei Frau Kratzmüller in Ziegelhausen, deren Tochter beim Saubermachen über einen Brief von Frau Busse an ihren Mann stolpert. Da der Fall die Zeitungen beherrscht, reagiert sie folgerichtig und gibt den entscheidenden Hinweis.

Die Ermittlungen scheinen denkbar einfach, denn der gesamte Wertbesitz der Ermordeten wird bei Siefert gefunden, sofern er diesen nicht schon veräußert hat. Zudem bezahlte Siefert plötzlich sämtliche Schulden. Es finden sich Blutspuren an seiner Kleidung, später an der Tatwaffe, die aus seinem Besitz stammt. Doch wenngleich alle Indizien gegen Siefert sprechen, verweigert dieser zunächst die Aussage. Später wird er die Tat bis zum Ende leugnen, wobei er sich in teils dubiose Widersprüche verstrickt.

Der Doppelraubmord an den Bürgermeistern Busse und Werner ist in die Justizgeschichte eingegangen, denn es ist einer der ersten Indizienprozesse. Hinzu kommt, dass trotz fehlendem Geständnis die Todesstrafe vollzogen wird. Zu einer Zeit, in der diese in der Weimarer Republik nahezu abgeschafft ist.   

Doppelmord in Heidelberg

Überwiegend anhand von Zeitungsartikeln schildert W. P. A. Schneider einen Fall, der in vielerlei Hinsicht sehr bemerkenswert ist. Die Entstehungsgeschichte ist beachtlich, der ausführlich und detailliert geschilderte Prozess noch mehr. Rund hundert Zeugen werden befragt, wobei sich folgendes Bild ergibt. Bekannte, Arbeitskollegen und weitere Menschen, die Leonhard Siefert persönlich kennen, bescheinigen diesem eine sympathische, ruhige und hilfsbereite Art. Für die Presse und die Staatsanwaltschaft ist er einfach nur gerissen, da er glaubt, durch das Leugnen der Tat einem Tod durch das Fallbeil zu entgehen.

Siefert: Jawohl, ich weiß, dass ich mit dem Spätwagen gefahren bin.
Vorsitzender: Das behaupten Sie immer noch, nachdem jetzt beinahe zehn Zeugen das Gegenteil gesagt haben?
Siefert: Ich kann nichts dafür, wenn die Zeugen solche Aussagen machen. (Heiterkeit im Zuschauerraum)

Sowohl am Prozess beteiligte Experten und Gutachter sowie die Staatsanwaltschaft, stecken den Medien immer wieder Informationen durch. Diese greifen sie dankbar auf, was im Ergebnis einer Vorverurteilung gleichkommt. Dass die Geschworenen unvoreingenommen ihrer Tätigkeit nachgehen können, erscheint zumindest fragwürdig. Auch das Auftreten des Staatsanwaltes wirkt höchst befremdlich, da er sich teils in Hasstiraden ergeht. So wirft er Siefert unter anderem eine Tat vor, die „eines französischen Senegalnegers würdig gewesen wäre.“

Neben dem Aspekt eines Indizienprozesses, ist der Fall aber nicht nur für die Rechtsgeschichte bedeutsam. Es soll der letzte Fall sein, bei dem der Gerichtsstab über dem Verurteilten gebrochen wird. Auch für die Kriminalistik ist der Fall von großer Bedeutung, denn einer der maßgeblich beteiligten Gutachter war Dr. Georg Popp, der Begründer der mikroskopischen und naturwissenschaftlichen Kriminalistik, der „modernen Rechtsmedizin.“ Da die Vorträge zahlreicher Beteiligter wortgetreu wiedergegeben werden, lernt man die Geschichte der Daktyloskopie (Personenidentifizierung mittels Fingerabdrücken) kennen, die in Deutschland erst 1903 eingeführt wurde. Interessant sind zudem Ausführungen über diverse Moosarten, welche es in ihrer Anordnung so nur am Fundort der Leichen gab. Spuren davon fanden sich an Sieferts Kleidung.

Der Siefert-Prozess markiert damit eine Zeitenwende in der Kriminalarbeit: die Einführung ausgeklügelter forensischer Techniken, wie sie der Kriminalchemiker Doktor Popp nutzt, und die Abkehr von parapsychologischen Aufklärungsversuchen wie die der „Wahrträumerin“ Minna Schmidt.

Nicht zuletzt ist Siefert selber von Interesse. Obwohl er stets Geldsorgen hatte und in der Schule nicht der fleißigste war, so war er wohl doch ein anständiger Arbeiter, zudem den Frauen sehr zugeneigt. Wie erwähnt, bezeichnet ihn sein Umfeld als durchweg sympathisch; später wird vermutet, es habe gar ein Justizmord stattgefunden. Angesichts der wasserdichten Indizien eine gewagte These. Tatsächlich wurden jedoch in der Weimarer Republik politisch linksorientierte Täter häufiger zum Tode verurteilt wie politisch rechtsorientierte. Siefert war Mitglied beim Spartakusbund, ein Aspekt, der erstaunlicherweise beim Prozess gar keine Rolle spielte.

Wer sich für Gerichtsprozesse, Justizgeschichte oder Rechtsmedizin interessiert (oder einfach nur für „True Crime“), findet hier vielschichtiges und informatives Lesefutter, welches auch die damalige Zeit auferstehen lässt und Einblicke in die damaligen Moralvorstellungen gibt.

  • Autor: W. P. A. Schneider
  • Titel: Tatort Heidelberg
  • Verlag: Gmeiner
  • Umfang: 316 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: Juli 2022
  • ISBN: 978-3-8392-0307-1
  • Produktseite


Wertung: 13/15 dpt


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