Connie Roters – Tödliches Vergessen

Ermittlungen am unteren Ende der Gesellschaft

Tödliches Vergessen
© Parlez

Volkspark Hasenheide, Berlin. Eine ältere Frau wird tot in der Hasenheide aufgefunden. Es scheint als hätte sie sich schlafen gelegt, allein ein aufgespannter, blauer Regenschirm, der ihr Gesicht womöglich vor Regen schützen sollte, stimmt die Polizei nachdenklich. Obwohl einige Tage unklar ist, ob überhaupt ein Tötungsdelikt vorliegt, nimmt die Mordkommission unter Leitung von Kommissarin Abigail Delego die Ermittlungen auf. Eigentlich ist Hauptkommissar Stefan Breschnow ihr Chef, doch dieser kehrt soeben erst von einer unfreiwilligen Auszeit zurück. Sein Chef hatte ihn vor die Wahl gestellt: Jobverlust oder Alkoholentzug. Drei Monate war er weg, jetzt kämpft er gegen jene Dämonen, die der Entzug mit sich bringt. Seine Schwester Iris ist mit ihrer Tochter bei Breschnow eingezogen und passt ein wenig auf ihn auf. Breschnow stürzt sich in die Ermittlungen, die nicht immer ganz reibungslos verlaufen, da sich Delego in ihrer ungewohnten Chefrolle eingeengt fühlt; gerade jetzt, wo sie erstmals zeigen kann, was sie als Ermittlerin draufhat.

Wenig später wird ein Obdachloser auf dem Tempelhofer Feld tot aufgefunden. Auch bei ihm findet sich der blaue Regenschirm, so dass ein Zusammenhang offenkundig ist, zumal beide in der gleichen Obdachlosenunterkunft verkehrten. Die Zeit drängt, denn eine weitere Obdachlose namens Charlotte wird bereits vermisst.

Einfühlsame Sozialstudie trifft auf anspruchsvollen Krimiplot

Breschnow, der aktuell selber als Penner durchgehen könnte und gegen den Dämon Alkohol einen erbitterten Kampf führt, ermittelt in seinem inzwischen vierten Fall. Einmal mehr spielt sich ein wichtiger Teil des Geschehens in der Hasenheide ab, in der neben zahlreichen Obdachlosen auch etliche Dealer ihrer Profession nachgehen. Beide Gruppen eint, dass sie der Polizei mit Misstrauen und Abneigung begegnen, was die Ermittlungen zusätzlich erschwert. Zu seinen Glanzzeiten als Alkoholiker hat sich Breschnow jedoch gerne mit dem Obdachlosen Willy besoffen, was sich jetzt als Türöffner in die Szene erweist. Zentrale Handlungsorte sind neben dem Volkspark, eine Obdachlosenunterkunft, in der sich ein junger Mann aufopferungsvoll um seine nicht immer einfache Klientel kümmert, ein nahegelegenes Krankenhaus, die Wohnungen verdächtiger Personen sowie natürlich die Räume des Morddezernates.

Sie griff nach der Säge. Breschnow biss die Zähne zusammen, als das Blatt den Knochen traf. Die Rechtsmedizinerin entnahm das Gehirn und untersuchte es auf einem Nebentisch. „Keine degenrative Erkrankung, altersgemäßer Verschleiß.“ Dann zog sie sich einen Rolltisch heran, justierte eine Lampe und begann, das Herz in Scheiben zu schneiden.

Da es einige Tage dauert bis die Gewissheit besteht, dass es sich bei dem Tod der älteren Frau um ein Tötungsdelikt handelt, ist das schon zuvor gezeigte, große Engagement von Breschnow und Co. erwähnenswert. Ob es im echten Leben auch so wäre? Autorin Connie Roters führt sehr intensiv in ein Milieu, von dem sich die meisten Menschen gerne abwenden. Die Welt der Obdachlosen, der Alkohol- und Drogenabhängigen und nicht zuletzt der Dementen, wird schonungslos und gleichzeitig mit viel Empathie vorgestellt. So stellt sich beispielsweise heraus, dass die ermordete Frau nach dem Verlust ihres Lebenspartners zunehmend auf der Straße gelebt hat; unter anderem, weil sie an Demenz litt und nicht mehr wusste, wo sie wohnte.

Neben den beiden erwähnten Todesfällen und der vermissten Charlotte, wird im späteren Verlauf eine weitere Obdachlose schwer verletzt und auch Willy ist einmal mehr in seinem Leben zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Die Fälle hängen natürlich zusammen, die Lebenswege der Betroffenen haben sich in der Vergangenheit gekreuzt und siehe da, plötzlich ist auch von einer großen Erbschaft die Rede, was neue Optionen bei der Auswahl verdächtiger Personen ergibt.

Verdächtige gibt es einige, der Fall wird zunehmend undurchsichtig. Ein Sohn der Ermordeten, der kurz vor dem Rauswurf aus seiner Wohnung steht und der mit Drogen dealt, kommt als Täter ebenso in Frage wie die Tochter der vermissten Charlotte. Deren Enkelin, die fünfzehnjährige Annalisa, macht sich auf die Suche nach der geliebten Oma und reißt immer wieder von zuhause aus. Auch ihr noch junges Leben findet zum Teil auf der Straße statt, kein Wunder also, dass bereits Drogen im Spiel sind.

Connie Roters beschönigt nicht das Leben auf der Straße, den Kampf um die nächtliche Schlafstelle oder jenen gegen den Alkoholentzug. Im Gegenteil. Vielmehr gibt dieser detailverliebte Roman den Personen am unteren Gesellschaftsrand eine Stimme und macht sie somit nicht nur zu Betroffenen, denen ihr Leben komplett entglitten ist, sondern vor allem zu Menschen.

  • Autor: Connie Roters
  • Titel: Tödliches Vergessen
  • Verlag: Parlez
  • Umfang: 368 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: März 2021
  • ISBN: 978-3-86327-064-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 12/15 dpt


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