Graeme Macrae Burnet – Das Verschwinden der Adèle Bedeau

Einfühlsame Charakterstudie

Das Verschwinden der Adèle Bedeau
© btb

Mit Manfred Baumann möchten Sie nicht befreundet sein. Baumann allerdings auch nicht mit ihnen, denn der Kontakt zu anderen Menschen ist ihm geradezu verhasst. Dies war schon in seiner Jugend so, in der er nach dem frühen Tod der Eltern bei seinen Großeltern aufwuchs und meist auf sich allein gestellt war. Er streifte tagelang durch den angrenzenden Wald, wo er eines Tages auf die fünfzehnjährige Juliette trifft, in die er sich prompt verliebt. Aber wie geht das mit der Liebe überhaupt? Im Fall von Manfred Baumann endet die kurze Liaison in einer Katastrophe, die den damals noch jungen und unerfahrenen Kommissar Georges Gorski auf den Plan ruft. Mit ebenfalls desolatem Ausgang.

Zwanzig Jahre später. Baumann ist Bankdirektor in der Kleinstadt Saint-Louis und folgt einem strikten Wochenprogramm. Mittags geht es in das Restaurant de la Cloche, das einst seinem Vater gehörte. Die Wochenkarte bleibt stets gleich, die Gäste wollen es so. Für einen Gewohnheitsmenschen wie Baumann das zweite zuhause, in dem er sich über den Spiegel hinter dem Tresen am Anblick der jungen Kellnerin Adèle erfreut, wenn dieser beim Abwischen eines Tisches der ohnehin kurze Rock ein wenig nach oben verrutscht. Ansonsten bleibt man diskret auf Abstand. Eines Abends verlässt Baumann das Lokal kurz nach Adèle und bekommt so mit, dass diese in einem nahegelegenen Park von einem jungen Mann mit einem Roller erwartet wird. Am nächsten Tag erscheint Adèle nicht zur Arbeit, ein Novum, das sogar den Chef der Kriminalpolizei persönlich auf den Plan ruft: Kommissar Gorski, der natürlich als erstes die Gäste des Restaurants befragt. Baumann gibt an, Adèle nach deren Verlassen des Restaurants nicht mehr gesehen zu haben, will nicht erneut in polizeiliche Ermittlungen geraten und macht sich damit erst recht verdächtig.

Ruhig und äußerst subtil.

Graeme Macrae Burnet, gebürtiger Schotte, Jahrgang 1967, wurde mit seinem Roman „Sein blutiges Projekt“ auch in Deutschland bekannt. Ein ungewöhnliches Meisterwerk, dem 2018 „Der Unfall auf der A 35“ folgte, in dem Kommissar Gorski erstmals ermittelt; hauptsächlich in Saint-Louis. Damals in einem Fall, der eigentlich keiner war. Ein Verkehrsunfall. Fertig. Aber Gorski ermittelte weiter und deckte überraschendes auf. So auch im vorliegenden Werk, der eher ein Psychogramm, denn ein Kriminalroman ist. Eine junge – wohlgemerkt volljährige – Frau verschwindet, doch wozu die Aufregung, so etwas soll ja vorkommen. Wo die reale Polizei erst einmal einige Tage abwarten würde, ob sie nicht von alleine wiederkommt, stürzt sich Gorski in die Ermittlungen. Schließlich haftet ihm der alte Fall immer noch an.

Das Gespräch mit Baumann war mehr oder weniger so verlaufen, wie er es erwartet hatte. Falls er log, würde er dies kaum zugeben, solange man ihm nicht eindeutig das Gegenteil beweisen könnte. Gorski war es gewohnt, belogen zu werden. Die Leute logen fast automatisch, und selbst wenn man ihnen darlegte, wie unglaubwürdig ihre Lügen waren, blieben sie stur bei ihrer Aussage.

Baumann ist ein isoliert lebender Mann, der (nicht nur) Frauen gegenüber total verklemmt ist. Dass er nur über Protektion seinen Job als Bankdirektor bekam, versteht sich fast von selbst. Gorski rückt ihm mit seinen Recherchen immer näher und so sieht er sich schnell in der Rolle des Verdächtigen. Bis zum Verfolgungswahn ist es nicht mehr weit. Folglich will Baumann nun erst recht nicht von seinen alltäglichen Routinen abweichen, um nur ja nicht aufzufallen, was prompt misslingt. Immer tiefer verzettelt er sich und so leidet man ein wenig mit dem armen Tropf, wenngleich der unsympathische Charakter bis zum Schluss bleibt.

Auch sein Gegenpart Gorski ist eine interessante Figur, der es ebenfalls durch Beziehungen in seinem Job bis zum Polizeichef schaffte. Zu mehr scheint es auch nicht zu reichen. Gorski ist hartnäckig, gibt allerdings schnell bei Befragungen auf, ohne mit letzter Konsequenz nachzuhaken. Daher verwundert es nicht, dass er zuhause unter dem Pantoffel seiner ehrgeizigen Frau steht, die von einem standesgemäßen Leben in Paris träumt, wobei sie schon mit ihrer Boutique in Saint-Louis ihre finanziellen Probleme hat.

Gorski verstand den Wunsch seiner Frau, in eine Stadt zu ziehen, die weniger trist war als Saint-Louis, aber im Lauf der Jahre hatte er sich eingeredet, dass sich der Aufwand nicht lohnte. Es lag nicht daran, dass ihm Saint-Louis ans Herz gewachsen war. Nein, er war im Stillen überzeugt, dass seine Fähigkeiten für mehr nicht ausreichten.

„Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ ist kein klassischer Krimi, in dem die Ermittlungen stets im Vordergrund stehen, sondern eine feine, haarklein sezierte Charakterstudie der beiden Protagonisten. Anlehnungen an Georges Simenon sind durchaus beabsichtigt. Wer es gerne ruhig und subtil hat, ist hier genau richtig, wenngleich die Auflösung nicht alle überraschen dürfte.

  • Autor: Graeme Macrae Burnet
  • Titel: Das Verschwinden der Adèle Bedeau
  • Originaltitel: The Disappearance of Adèle Bedeau. Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
  • Verlag: btb
  • Umfang: 288 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: April 2021
  • ISBN: 978-3-442-71807-8
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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