Andreas Niedermann – Von Viktor zu Hartmann: Wege – Hanteln – Worte (Buch)

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Andreas Niedermann – Von Viktor zu Hartmann: Wege – Hanteln – WorteDer Fitness- und Gesundheitswahn greift noch immer um sich. Mit seinen gewaltigen Muskelarmen packt er uns an unseren kraftlosen, dünnen Ärmchen und zerrt uns hinein ins Gewichtehaus. »Trainiert, ihr Waschlappen!« herrscht er uns an. Noch bevor der jüngste Rausch überhaupt fertig ausgeschlafen ist, finden wir uns schon unterm Gewichteriemen wieder. Schnaufend, keuchend. Ja: Abkotzend. Und jetzt auch noch das: Sport in Verbindung mit Literatur. Vor weniger als einer Generation vermutlich noch undenkbar.

»Ein Schriftsteller ist einer, der nicht scheißen kann, weil er den ganzen Tag vor seiner Schreibmaschine sitzt und sich nicht von der Stelle rührt. Aber statt daß er nun aufsteht und eine paar Runden um den Block läuft, bleibt er sitzen und schreibt darüber, daß er nicht scheißen kann.«

Wolfgang Herrndorf sagte über die Autorin des Romans, dem obiges Zitat entnommen ist, dasselbe, was Charles Bukowski über John Fante sagte: Sie sei für ihn Gott. Die Autorin heißt Karen Duve, der Roman „Regenroman“. Er stammt aus dem Jahr 1999. Weniger als zwei Jahrzehnte später steht es plötzlich schlecht um unstete, verantwortungslose Lebensweisen. Selbst unter Schriftschaffenden. Die Verherrlichung sportlicher Betätigung nimmt bedenklich zu. Die Bereitschaft, sich einfach dem Verfall hinzugeben, sinkt. Sogar der vehementeste Saufpoesieklient wird gut alle sieben Jahre behelligt. „Das Finkelmann’sche Lachen“ (Muff Potter, 2007). „Von Viktor zu Hartmann“ (Andreas Niedermann, 2014). Was tun? Es einfach hinnehmen? Es gutheißen?

Vielleicht ungeschickt überleiten. Zu positiven Aspekten. Unter Umständen findet es der Rezensent nämlich selbst gar nicht so scheiße im Gewichtehaus, welches in der vorliegenden Publikation konsequent bezeichnet wird als „Geisteszentrum“. Was jedenfalls stimmt: Man kann an diesem Ort übers Schreiben nachdenken, die auszuführenden Bewegungen sind so anstrengend wie stumpfsinnig. Und darüber hinaus macht Kraftsport demütig. Egal, ob man ein windiges Bürschchen von untergewichtigen 55 Kilo verteilt auf 177 Zentimeter ist, oder schon ein echter Muskelmann. Es gibt immer einen, der ist stärker. Ganz wie beim Schreiben.

Vielleicht ist es am schönsten mit Niedermann, wenn er sich der Durchsicht der sein Leben begleitenden Irrtümer widmet. Vielleicht ist es auch ein Irrtum, das Niedermann’sche Schaffenswerk mit dieser Sammlung zu beginnen. Wo alternativ schon sieben Romane vorlägen. Die Texte hierin wurden allesamt entworfen auf dem Weg zur Muckibude, oder von dort kommend. Eine zwanzig Ablichtungen umfassende Fotostrecke dokumentiert außerdem den Weg, verlaufend in Wien von der Viktorgasse zur Hartmanngasse. Das Buch sieht auf den ersten Blick gut aus. Ein bisschen schade ist es wegen des nicht besonders sorgfältigen Lektorates. Es hätte fraglos jemanden verdient gehabt, der es sich wenigstens einmal aufmerksam durchliest. Enthalten ist so manches über Sport und Sportübertragungen und so manches über Schriftsteller und das Schreiben. Es ist mit dem Buch ein bisschen wie mit dieser Rezension. Gar nicht mal so gut. Gar nicht mal so schlecht. Na ja.

Cover © Songdog Verlag

  • Autor: Andreas Niedermann
  • Titel: Von Viktor zu Hartmann: Wege – Hanteln – Worte
  • Verlag: Songdog Verlag
  • Erschienen: 08/2014
  • Einband: Softcover
  • Seiten: 104
  • ISBN: 983-9-50355-765
  • Sonstige Informationen:
    Andreas Niedermann aktuell: Blog

 

Wertung: 8/15 dpt


Über den Autor

Roland van Oystern


Rolands Nerd-Schreibtisch

Manchmal mag der Mensch gern was aufschreiben, und wenn es bloß ein paar Zeilen über etwas sind, das vor ihm ein anderer aufgeschrieben hat. Mal besteht mein Antrieb diesbezüglich darin, wirklich etwas loswerden zu wollen. Mal ist es schlicht so, dass ich mir zu künden vorgenommen habe. Mag es – gleich wie – im besten Fall zum Nutzen eines Dritten oder gar Vierten geschehen. Geben und nehmen und geben.

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von Roland van Oystern Artikel-Lesezeit: ca. 2 min
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