White Trash People made in Germany

Alte Erde
© Ullstein

Der Traum vom ruhigen Landleben, Idylle pur. Wer sich diese Wahrnehmung erhalten möchte, darf den Roman von Sven Heuchert auf keinen Fall lesen. „Alte Erde“ spielt in kleinen Dörfern wie Vierheilig, Altglück und Neuglück. Selten haben Namen derart in die Irre geführt. Hier leben jene, die den Absprung nicht geschafft haben. Rechtschaffende Arbeit wäre gut, allein es gibt kaum noch welche. Wer kann zieht weg oder arrangiert sich und versucht, irgendwie zu überleben. Das zuständige Amt muss ja nicht alles erfahren, warum also nicht wie seit alters her auf die Jagd gehen? Waffen hat hier sowie jeder.

Einen Waffenschrank hat Wouter Bisch, der für einen reichen Mann als Revierjäger für Ordnung sorgt. Doch das Leben von Bisch geht seit einigen Monaten den Bach runter, der tragische Tod seines Sohnes ist noch nicht verarbeitet. Bisch und seine Frau Margot versuchen sich zwar irgendwie zu helfen, ziehen sich aber in Wahrheit mehr und mehr aus dem Leben und vor allem ihrer Ehe zurück.

Karl Frühreich, auch so ein irreführender Name, hütet das elterliche Haus allein. Der Vater verstarb nach einem Unfall, an dem Karl entscheidend beteiligt war und der danach verhasste Stiefvater ist der Grund, warum nach vielen Jahren Karls Bruder Thies wieder nach Hause findet. Es gilt noch eine alte Rechnung zu begleichen. Thies, ein Gelegenheitsverbrecher, kommt jedoch nicht allein. Er hat Monique, die Karl von Beginn an gefällt, und einen Koffer voller Geld dabei. Gestohlene Gehälter osteuropäischer Wanderarbeiter. Aber so ist es nun mal, jeder muss sehen wo er bleibt. Nicht nur beim Sterben, auch beim Essen ist jeder der Erste. Monotonie und Fatalismus wohin man sieht.

„Was können wir tun?“ „Schießen, schaufeln, schweigen. Oder wollen Sie das den Behörden erklären?“

Karl und Thies sind Brüder, keine Freunde. Dass Thies damals abgehauen ist, hat ihm Karl nie verziehen. Schnell kommt es zu Streit und Gewalt; wegen dem Geld und Monique. Derweil zerstört ein Internetriese selbst die kleinste, noch verbliebene Hoffnung. Jedes Grundstück wird für ein großes Zwischenlager aufgekauft, viel Geld ist plötzlich im Spiel. Doch wo es Sieger gibt, sind die Verlierer nicht weit. Gustav Rio ist einer von Ihnen, denn nach dem Grundstücksverkauf seines langjährigen Arbeitgebers, steht er plötzlich ohne Job da; 68 Jahre alt.

„Wenn du lang genug an ‘nem Tresen hängst und dir da immer die gleichen Geschichten anhörst, wie beschissen das Leben is‘ und alles, dann fängste irgendwann an, die Geschichten zu glauben, und wenn du’s lange genug durchziehst, dann haste bald keine eigenen Geschichten mehr, dann biste das beschissene Leben anderer Leute geworden.“

Sven Heuchert schreibt in seinem Country Noir, in dem die Schilderung der Natur einen nicht geringen Teil einnimmt, über gescheiterte Existenzen. Würde der Roman in Amerika spielen, würde man die Figuren als White Trash People benennen, den Bodensatz der Gesellschaft. So rau wie das Leben, ist die Sprache. Die Lebensläufe aller Beteiligten sind einfach und man könnte dennoch irgendwie durchkommen, würde man nicht die Wege anderer in irrsinniger Weise kreuzen. Am Ende helfen selbst die täglichen Lebensbegleiter wie Bier, Zinn 40 und Ernte 23 nicht mehr. In einem selten furiosen Finale geht es hoch her und erfordert Aufmerksamkeit beim Leser. Klar ist eins: Es wird Tote geben. Viele Tote.

  • Autor: Sven Heuchert
  • Titel: Alte Erde
  • Verlag: Ullstein
  • Umfang: 216 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: August 2020
  • ISBN: 978-3-550-05075-6
  • Sonstige Informationen:
  • Produktseite

Wertung:  12/15 dpt 


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