Gregory Sherl – Ab morgen ein Leben Lang (Buch)

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Gregory Sherl - Ab morgen ein Leben lang (Cover © DuMont Buchverlage)Eines vorweg: Das Cover der deutschen Ausgabe von Gregory Sherls Romandebüt „Ab morgen ein Leben lang“ ist, ebenso wie sein Titel, leider sehr irreführend – denn sowohl der deutsche Titel des im Original „The Future for Curious People“ benannten Buches als auch die optische Aufmachung lassen auf viel Kitsch, viel Schmalz und eine auf das junge weibliche Publikum zugeschnittene Klischee-Lovestory schließen und dürfte wohl einige, die genau einen solchen Inhalt befürchten, gnadenlos abschrecken (Zum Vergleich: Originalausgabe). Jene, die dieses Buch allerdings genau deswegen links liegen lassen, verpassen einen doch eher außergewöhnlichen Roman, der – ja – zwar auch eine Liebesgeschichte ist, aber eben nicht nur. Oder eben: So viel mehr als das.

Die Bibliothekarin Evelyn Shriner, gnadenlose Romantikerin und ihre Arbeit liebend, ist auf der endlos erscheinenden Suche nach Mr. Right – und ihre aktuelle Beziehung mit dem Musiker ist Adrian nur eine weitere von vielen. Möglicherweise steht sie sich selbst im Weg, möglicherweise auch andere Dinge – jedenfalls erweisen sich ihre Liebesangelegenheiten stets als Short Stories. Als sie von Dr. Chins Praxis erfährt, in welcher sonderbare Vergegenwärtigungsapparaturen installiert sind, sucht sie diese auf: Man findet sich vor einem Bildschirm wieder, muss eine bestimmte Pille schlucken, ein Papierhemd anziehen, bekommt einen Joystick in die Hand gedrückt und gibt neben dem gewünschten Zukunftszeitpunkt den Namen der Person ein, mit der man die romantischen Aussichten in x Jahren „testen“ möchte. Dann beginnt der Film. Der Film der Zukunft mit Person X in Y Jahren. Evelyn ist wie besessen von diesem Gerät und testet von Sitzung zu Sitzung einen potentiellen Kandidaten nach dem anderen – offenbar erfolglos.

Godfrey Burkes hat einen eher leidlich aufregenden Job in einem Fundbüro und ist ein eher unorganisierter Mensch. Immer wieder verlegt oder verliert er Dinge, kurz: Er ist die Verpeiltheit in Person. Nicht nur, weil er wenigstens einen Fixpunkt im Leben sucht, sondern auch, weil er sie liebt, macht er seiner Freundin Madge einen Heiratsantrag. Doch Madge möchte erst „überprüfen“, ob sie wirklich füreinander geschaffen sind. Sie stellt die Bedingung, dass beide – jeder für sich – an Vergegenwärtigungssitzungen teilnehmen. Und so landet auch Godfrey, anfangs wider Willen,  in Dr. Chins Praxis, um in seine amouröse Zukunft zu sehen.

Wie es der Zufall will, stehen sowohl Godfrey als auch Evelyn am selben Tag  in der Schlange an der Anmeldung bei Chin. Als die beiden oberflächlich ins Gespräch kommen und sich ihre Wege unmittelbar danach wieder trennen, ahnen sie noch nicht, was ihnen die Zukunft bietet. Etwas später denkt sie sich, dass der Typ in der Schlange doch ganz nett war – na, dann geben wir bei der nächsten Sitzung doch einfach mal seinen Namen ein, mal schauen, was passiert. Und Godfrey? Der bekommt diese bezaubernde Frau aus der Schlange seit dem Treffen nicht mehr so wirklich aus dem Kopf.  Dennoch versucht er, alles dafür zu tun, dass Madge „Ja“ sagt. Doch wie Dr. Chin bereits warnt (und wie es im Klappentext ebenfalls zu lesen ist): »In Fällen von wahrer Liebe kann es zu Systemfehlern kommen.«

Der Leser wird nun denken: »Ha, doch eine Lovestory, doch schmalzig, doch kitschig!«, doch der Verfasser dieser Zeilen sagt: »Nö.« – denn diese knapp vierhundertseitige Geschichte, mit sehr treffenden Überschriften jeweils in der ersten Person und im Präsens abwechselnd aus der Perspektive Evelyns und Godfreys erzählend, bewegt sich weit weg von schwülstigem Herzschmerz, theatralischen Schwärmereien oder dergleichen, sondern kommt sehr ehrlich und bodenständig daher, besonders aber menschelt es auf allen Ebenen – und auch die Charaktere, die um die beiden Protagonisten herumschwirren, sind ihrerseits sehr plastisch dargestellt und alles andere als uninteressant.

Godfreys Eigenarten machen ihn zum liebenswerten Chaoten, aber manche Male, gerade wenn er in fatalistische oder wiederholt gänzlich unorganisierte Gefilde abdriftet, würde man ihm am liebsten in den Hintern treten, mit der Bitte, er möge sich nun doch endlich mal zusammenreißen. Doch für ihn erweist sich der emotionale Krimi aus alter, schwindender und neuer, aufkeimender Liebe nicht nur als eine Safari der Liebe, denn gleichzeitig beginnt er, über und von sich selbst zu lernen. Sich Fragen zu stellen, worauf es wirklich ankommt und was er selbst eigentlich will. Und auch in seinem Umfeld ergeben sich Wendungen und er macht sich auf die Suche nach seinem Erzeuger, einem angeblich egozentrischen Schwerenöter und Schweinehund. Auch Evelyn lernt in diesem Zeitraum sehr viel von und über das Leben und beginnt, Dinge zu hinterfragen und ihren persönlichen Fahrplan für die Zukunft zu überdenken.

Zu diesen zwei Ebenen gesellt sich ein hoher philosophischer Ansatz, der sich jedoch eher zwischen den Zeilen des doch eher roh und schnörkellos geschriebenen Romans – der hier und da durchaus auch mal derberes Vokabular in sich birgt – bemerkbar macht. In Kombination mit der skurrilen Pseudozeitmaschine offenbart „Ab morgen ein Leben lang“ eine erfrischende Vielschichtigkeit, die zu keiner Zeit bemüht wirkt. Man schmunzelt und lacht. Man leidet mit. Man schüttelt den Kopf. Man fiebert mit. Man rätselt, was die Zukunftsfilme der Vergegenwärtigungsapparatur bedeuten mögen – und man schaut hierbei umweglos in die Köpfe der beiden Hauptcharaktere, was es dem empathisch veranlagten Leser hervorragend erleichtert, in Godfreys und Evelyns Haut zu schlüpfen.

„Ab morgen ein Leben lang“ ist eine originelle Geschichte über zwei junge Erwachsene auf der Suche nach zu Findendem. Autor Sherl verzichtet hierbei auf Rührseligkeit und rosa Glitzerschmetterlinge, auf Hormondrüsenstimulation, Romance-Klischees und blumigen Schmachtereien, sondern zeigt das Leben der beiden in seiner ungeschönten Art, mit allen Sonnen- und Schattenseiten, gewürzt mit ein wenig Science-Ficition und – man kann es nur noch einmal wiederholen: viel, viel Menschelei.

Cover © DuMont Buchverlag

  • Autor: Gregory Sherl
  • Titel: Ab morgen ein Leben lang
  • Originaltitel: The Future For Curious People
  • Übersetzer:
    Stefanie Jacobs
    Simonke Jakob
  • Verlag: DuMont Buchverlag
  • Erschienen: 03.04.2014
  • Einband: Hardcover mit Schutzumschlag
  • Seiten: 400
  • ISBN: 978-3-8321-9746-9
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite beim Verlag
12 von 15 Punkten

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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2 Kommentare

  1. Danke für den Tipp. Ich hätte es tatsächlich wegen des doch recht belanglosen, mainstreamigen Titelbildes nicht ausgesucht. Nach eurer Empfehlung war ich aber neugierig und es hat sich gelohnt. Erinnert von der Idee her ein kleines bisschen an „Vergiss mein nicht“ von Michel Gondry. Schön schräg und trotzdem ein bisschen romantisch. Ne gute Mischung

    • Chris Popp

      Freut mich, eine Entscheidungshilfe gewesen zu sein. Ja, durch das Cover hab ich auch erst lange gezweifelt – das hat mich zuerst davon abgehalten, das Buch überhaupt zu wollen. Aber dann hab ich mich tatsächlich an die Leseprobe gewagt und wurde nicht enttäuscht.

      Aber dieses Buch bestätigt den eigentlich abgenudelten Spruch „Never judge a book by its cover“ einmal mehr. ;)

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