Mikael Niemi – Erschieß die Apfelsine (Buch)

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Mikael Niemi - Erschieß die Apfelsine (Buch)Der sechzehnjährige Protagonist dieser eigenwillig betitelten Geschichte ist der absolute Außenseiter in seiner Schule, und jedes Mal, wenn er das Zimmer seiner Klasse betritt, fühlt er sich den anderen völlig ausgeliefert. Er, ein mausgrauer Teenager, weder negativ noch positiv auffällig, lebt mit seiner Mutter, einer Krankenschwester, in einer winzigen Wohnung und genießt dort nur dann Privatsphäre, wenn sie arbeitet.

Für ihn existieren nur zwei Sorten Mitschüler. Die einen sind die Arschgeigen, die bereits von klein auf Puderzucker in den Hintern geblasen und das Leben in den Schoß gelegt bekommen haben. Sie haben alles, sie kriegen alles, sie wollen noch mehr, sie kriegen den Hals nicht voll. Sie tragen Hemden, für die ein normaler Angestellter eine Woche lang malochen muss. Die anderen sind die Idioten, welche ihr ganzes Leben lang schuften, mit dem Strom schwimmen, es allen rechtzumachen versuchen – und am Ende eiern sie doch für nichts außer einem verschwendeten Leben vor sich her.

Als der junge Mann vor den Augen aller Schüler seinen Schwarm Sabina Stare seine Liebe gesteht, blamiert er sich bis auf die Knochen, er versinkt vor Scham im Boden und ist nun endgültig der Freak in der Lehranstalt. Diese Situation legt in seinem Kopf einen Schalter um: Schluss mit dem alten Leben, jetzt beginnt ein neues. Jetzt wird er es allen Idioten und Arschgeigen zeigen, er wird einfach tun anstatt über das Tun nachzudenken, ganz egal, was seine Mitmenschen davon halten.

Eine reihe provokativer Aktionen beginnt. Sollen sie doch alle entsetzt und schockiert sein. Sollen sie lachen. Sollen sie doch denken, was sie wollen. Sollen sie doch einfach machen, all die Arschgeigen. Es dauert erwartungsgemäß nicht allzu lange, bis der namenlose Junge aus dem naturwissenschaftlichen Zweig sich überall Feinde macht. Fast überall, denn es gibt auch die ein oder andere Person, die ihn zu schätzen weiß, zum Beispiel der aus sozial und familiär miesen Verhältnissen stammende Pålle, der sich häufig in einem alten Bunker im Wald verschanzt. Oder das schwarzhaarige Mädchen mit den grünen Augen, das den Musischen Zweig besucht.

Deutet der Buchtitel eher auf eine skurril-komödiantische, bizarre Story hin, so darf man spätestens ab einer zweistelligen Seitenzahl feststellen, dass “Erschieß die Apfelsine” die tragische Geschichte eines verzweifelten Heranwachsenden nachzeichnet, der das Gefühl hat, keinen Platz für sich auf dieser Welt zu haben und dabei immer wieder alles auf eine Karte setzt. Das bringt ihn nicht selten an seine eigenen Grenzen.

Niemi, der hiermit seinen vierten Roman vorlegt, hat dem Hauptcharakter des Buches Gedanken in den Kopf geschrieben, die von einer solchen Wortgewalt sind, dass man gelegentlich nach einem Absatz erst einmal kurz Luft holen und durchatmen muss, denn die intensiven Emotionsschwankungen, die philosophischen Fragmente, die ganze innere Welt des Jungen tobt, gerät aus den Fugen, bebt. Sie brodelt, droht jederzeit zu zerbersten, und dieses Inferno der Neuronen lässt ihn sonderbare kreative Werke erschaffen, seine innere Revolte wird zu einer äußeren, und es dauert nicht lange, bis es geschehen ist, dass der Leser dem Sog dieser Turbulenzen nicht mehr entkommen kann.

Die unorthodoxen Verhaltensweisen und Aktionen sind selbst gestellte Hürden, welche der Protagonist auf dem Weg der Suche nach sich selbst zu nehmen versucht, und diese oftmals autodestruktive Art und die ausgedrückten Gefühle verursachen beim Leser einerseits das Gefühl eines schweren Steins auf der Brust, wie es sich bei Überwältigung einstellt, doch ganz ohne Lachen kommt der Roman letztendlich auch nicht aus. Dies wird allerdings nicht durch lustige Ereignisse getriggert, sondern durch die lakonischen, galgenhumorigen, zynischen gedachten Kommentare über andere und sich selbst.

Dem schwedischen Autor, der bereits mit “Populärmusik aus Vittula”, “Das Loch in der Schwarte” und “Der Mann, der wie ein Lachs starb” Erfolge feiern konnte, liefert mit “Erschieß die Apfelsine” ein Stück Literatur ab, welches durch seine einfache Sprache in Kombination mit hohem Anspruch eine Reibung der Gegensätze erzeugt, und die Energie, die aus jeder Buchseite strahlt, raubt einem schier den Atem.

Cover © btb

  • Autor: Mikael Niemi
  • Titel: Erschieß die Apfelsine
  • Originaltitel: Skjut Apelsinen (SWE)
  • Übersetzer: Christel Hildebrandt
  • Verlag: btb
  • Erschienen: 06/2011 (HC); 01/2013 (TB)
  • Seiten: 240
  • ISBN: 978-3-442-75302-4 (HC); 978-3-442-74497-8 (TB)

Wertung: 14/15 dpt

 


Über den Autor

Chris Popp


Chris’ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 3 min
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