Elisa Ludwig – Pretty Clever (Buch)

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Elisa Ludwig - Pretty Clever (Buch)Ihre alleinerziehende Mutter ist hinsichtlich des Wohnortes äußerst unstet, und immer, wenn ihr nach etwas Neuem ist, schnappt sie sich ihre Tochter Willa und sämtliches Hab und Gut, um die Zelte woanders aufzuschlagen. Nun hat sich die Malerin, als sie genug von Castle Pines in Kalifornien hatte,  ein Haus in Paradise Valley, Arizona als neue Bleibe ausgesucht, und das bedeutet für Willa mal wieder eines: Schulwechsel. Doch Mutter Fox meint es gut mit ihr, denn sie zahlt für die Valley Preparatory-Privatschule, die sie fortan besuchen wird, eine Menge Geld. Eine Investition in eine gute Zukunft für Willa, die etwas zu kurz geratene Blondine, welche einen recht eigenen Kopf hat und lieber mit ihrem Fahrrad durch die Gegend düst. In dieser überwiegend reichen Gegend fällt sie demnach nicht nur durch ihr gutes Aussehen auf, sondern auch durch ihr Anderssein.

Das Anderssein wird spätestens an der Valley Prep – oder wie sie buchübergreifend gerne abgekürzt wird, VP – bemerkt, jedoch auch negativ, denn zwischen den wohlhabenden und den finanziell nicht ganz so gut gestellten Schülern liegt ein großer Keil, speziell bei den weiblichen. Mit den reichen Mädels kann Willa noch nicht mithalten. Da ihre Mutter ihr viel Verantwortung überträgt und ihr ihr vollstes Vertrauen schenkt, gewährt sie  ihr auch den Zugang zum heimischen Safe, und hier gerät die Teenagerin in ein echtes Dilemma. Denn einerseits möchte sie einfach nur eine normale Schülerin sein, andererseits hat sie keine Lust darauf, sozial ausgegrenzt zu werden. Also geht sie lieber mit den gut situierten Mädels regelmäßig in die Stadt, um sich teure Kleidung zu kaufen und so ihre Akzeptanz bei den anderen zu sichern. Lange geht die Selbstbedienung an der Familienkasse jedoch nicht gut, denn irgendwann wird ihr ihre Mom auf die Füße treten müssen.

Willa fühlt sich dennoch pudelwohl in all dem guten Fummel, genießt durchaus die Gesellschaft der Glamour-Mädels und lernt auf Partys und bei Besuchen das ‚dolce vita‘ kennen. Obendrein läuft ihr der arrogante, viel zu selbstbewusste Aidan immer wieder über den Weg, und obwohl er ihr eigentlich ganz gehörig auf den Zeiger geht und sich doch bitte möglichst zum Teufel scheren soll, ist sie in seiner Gegenwart extrem unsicher und verwirrt und genießt sie eigentlich doch. Aber nein, mit dem Spinner und seinem viel zu großen Ego? Never ever. Aber irgendwie hat der Typ an ihr einen Narren gefressen. Oder?

Eines beschäftigt Willa jedoch deutlich mehr: Die Lästereien, die ihre „Freundinnen“ von sich geben, sind ihr ein spitzer Dorn im Auge, zumal irgend jemand ein anonymes Blog namens „ValleyBuzz“ betreibt, in welchem fiese Posts über die „Sperrmülltanten“ geschrieben werden. Inklusive Fotos, abgrundtief bösartiger Fotomontagen und aktivierter Kommentare, in welchen andere Teenies ihrem Hass gegenüber den finanziell Schwachen freien Lauf lassen. Der Gerechtigkeitssinn der Willa Fox siegt, und sie ist sich im Klaren: Länger kann sie sich das nicht mehr tatenlos mit ansehen. Doch anstatt den Dialog zwischen den Fronten zu suchen, schmiedet sie einen perfiden Plan, für den sie den vorbestraften, mittlerweile aber wieder auf die gerade Bahn gelangten Tre zu Rate zieht. Der soll ihr das Stehlen, Einbrechen und Autoknacken beibringen. Diebstahl in seiner kompletten Palette. Sie lernt schnell von ihm, bestiehlt in bester Robin-Hood-Manier die Reichen und beschenkt die Armen – was anfangs auch noch hervorragend klappt, doch bald gerät sie in ernsthafte Schwierigkeiten, denn das Doppelleben funktioniert nicht ganz so, wie sie sich das vorgestellt hat. Nun stellt sich die Frage, mit wessen Hilfe sie noch rechnen kann, denn ihre Mutter wird seit Paradise Valley immer undurchsichtiger und eigenartiger und verhält sich ungewohnt distanziert ihr gegenüber.

Kriminalität für Gerechtigkeit – diese Art der Selbstjustiz greift die US-amerikanische Autorin Elisa Ludwig mit diesem Trilogieauftakt thematisch sehr lesernah auf, denn oftmals befindet man sich in einer solchen Position, auch wenn sie sich meist nur im Kopf und nicht tatsächlich abspielt, inmitten einer Zwickmühle hinsichtlich des Gewissens: Einerseits möchte man selbst keine krummen Dinger drehen, andererseits tut es in der Seele weh, dabei zuzusehen, wie die, die nichts für ihre soziale Position können, unter der Verachtung der vermeintlich „besseren“ Menschen zu leiden haben.

Anfangs liest sich das Buch recht entspannt, man begleitet Willa, wie sie all die neuen Eindrücke in sich aufsaugt und sich so langsam akklimatisiert – oder es zumindest versucht -, doch nach einer Weile wächst die Ungeduld auf eine unangenehme Art und Weise, denn die Naivität der Protagonistin kann manchmal wahrlich am Nervenkostüm nagen. Hinzu kommt, dass die Story nur sehr träge ins Rollen kommt, sodass man das Gefühl hat, dass es zweihundert statt der vorliegenden dreihundert Seiten auch getan hätten und hier ein Roman, der auch als dickes Buch oder Zweiteiler hätte veröffentlicht werden können, auf eine Trilogie auseinandergewalzt wurde – doch da das Ganze nach rund drei Fünfteln dann doch noch Fahrt aufnimmt, kann man bezüglich der Erzählgeschwindigkeit wohl erst mit dem Trilogieabschluss ein Fazit wagen. Denn oft ist es ja so, dass das, was einen Leser zu Beginn einer Reihe mürbe gemacht hat, letzten Endes gar nicht anders hätte sein dürfen. Ein  Kritikpunkt mit Relativierungspotential sozusagen.

Ähnlich verhält es sich mit der Tatsache, dass Elisa Ludwig einige der Charaktere doch etwas zu klischeehaft gezeichnet hat, allen voran das Bild von Tre, der vor dem inneren Auge schon „so aussieht, als hätte er einiges auf dem Kerbholz“, ebenso das optische Erscheinungsbild Aidans. Fast entsteht der Eindruck, als habe die Autorin zu viele TV-Serien geschaut, denn hier wurde mit literarischem Weichzeichner und viel ebensolchem Technicolor gearbeitet, was das ganze manchmal doch ein wenig fragwürdig erscheinen lässt. Aber auch hier mag der Schein vorerst trügen und einige Personen offenbaren ihr wahres inneres und äußeres Erscheinungsbild möglicherweise erst, wenn auch Willa als Protagonistin andere Sichtweisen und Blickwinkel für sich entdeckt. Ein Teil davon löst sich in „Pretty Clever“ zwar – hier und dort auch sehr überraschend – auf, doch um zu wissen, wie es weiter geht, muss man erst einmal auf den zweiten Teil warten – zumal die Story hier mit einem hundsgemeinen Cliffhanger abrupt endet.

Alles in allem haben wir es bei den ersten 33,3% des Dreiteilers demnach mit angenehm lesbarer Lektüre zu tun, die im oberen Qualitätsdrittel angesiedelt ist und ein paar Schönheitsfehler aufweist, bei denen man erst nach dem Kennenlernen der anderen beiden Drittel genau wissen wird, ob sie eigentlich nicht genau die Ecken und Kanten sind, die das Gesamtpaket erst abrunden.

Cover © Loewe Verlag

 

  • Autor: Elisa Ludwig
  • Titel: Pretty Clever
  • Teil/Band der Reihe: 1 von 3
  • Originaltitel: Pretty Crooked
  • Übersetzer: Bea Reiter
  • Verlag: Loewe Verlag
  • Erschienen: 01/2013
  • Einband: Klappenbroschur
  • Seiten: 352
  • ISBN: 978-3-7855-7534-5
  • Sonstige Informationen:
    Erwerbsmöglichkeit beim Loewe Verlag

 

Wertung: 10/15 dpt


Über den Autor

Chris Popp


Chris‘ Nerd-Schreibtisch

1974 in Mannheim geboren, in Heidelberg aufgewachsen, lebt nach 16 Jahren in der nordhessischen Provinz vor Kassel seit 2017 in Berlin. Seine Frau hält es seit 2001 mit ihm aus. Booknerd, Hörbuchnerd, Computernerd, Filmnerd, Seriennerd, Kaffeenerd, Foodnerd, Königsbergerklopsenerd. Meidet belanglosen Smalltalk und schätzt tiefgründige Gespräche. Nachteule. Freundlicher Teilzeitselektivmisanthrop.
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Elisa Ludwig – Pretty Clever (Buch)

von Chris Popp Artikel-Lesezeit: ca. 5 min
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