Kae Tempest – Verbundensein (Buch)

Kae Tempest: Verbundensein
(Cover © suhrkamp nova)

Das britische Ausnahmetalent Kae Tempest wagt sich auf neues Terrain: Neben musikalischen Veröffentlichungen, mehreren Theaterstücken, Gedichten und dem Roman „Worauf du dich verlassen kannst“ (2016), folgt jetzt ein Essay. Das kleine Bändchen von Suhrkamp Nova heißt „Verbundensein“, im Original „On Connection“ und fällt in die Sparte Sachbuch, auch wenn der typische Tempest-Ton mit seinen lyrischen Facetten (glücklicherweise) durchscheint.

In „Verbundensein“ spricht Kae über Mitmenschlichkeit und welche Bedeutung Kreativität in ihrem 1 Leben spielt und in unser aller Leben spielen sollte. Das Buch wurde im Pandemie-Lockdown 2020 verfasst und zeigt einmal mehr, wie die aktuellen Sonderbedingungen zum Nachdenken anregen können. Für die Künstler:in Kae stand es nicht zur Debatte, auf Alternativen zum persönlichen Bühnenerlebnis zurückzugreifen:

Der Austausch live hat ein Maß an Ehrlichkeit, mit dem ein Bildschirm nicht mithalten kann. Der Bildschirm – in deiner Hand, wenn du zusiehst, und der im Raum, der den Auftritt einfängt – verschließt Türen zwischen Autor:in, Werk und Leser:in. Was uns bleibt, ist etwas, das wir uns ansehen, nichts, an dem wir teilhaben.S. 119

Und genau darum geht es Kae, zu vermitteln, inwiefern Kreativität zu einem Austausch führt, der alle Menschen näher zusammenzubringen vermag: diejenigen, die Kunst erschaffen und diejenigen, die diese rezipieren und dadurch mitgestalten.

Was im ersten Drittel des Buches etwas abstrakt bleibt und passagenweise zum Plädoyer mit erhobenem Zeigefinger wird, gewinnt an Tiefgang und Anschaulichkeit, wenn Kae von eigenen Erfahrungen spricht. Was es bedeutet hat, als das Wertvollste den Dienst versagte und Kae wochenlang nicht sprechen, geschweige denn auftreten konnte. Eine Folge des von-Bühne-zu-Bühne-Jagens, des stupiden Abarbeitens von Engagements, um die Miete bezahlen zu können. Das Betäuben von Empfindungen mit Drogen, um einfach nur zu funktionieren. Eine Zeit, in der Kae bewusst geworden ist, dass ein zwischenmenschlicher Austausch auf diese Art nicht gelingen kann, weil dieses Verhalten schlicht nichts mehr mit Kreativität zu tun hat:

Man bekommt superschnell Akzeptanz, Zustimmung und Selbstbewusstsein, aber keine tiefer empfundene Sinnhaftigkeit oder das Gefühl, das eigene Ich vollständig zu verlassen und von einer kreativen Kraft durchströmt zu werden, kein Gefühl von Hingabe, Hilfsbereitschaft oder Gegenseitigkeit.S. 99

„Verbundensein“ ist ein Aufruf, achtsamer mit sich selbst umzugehen, Details im Hier und Jetzt wahrzunehmen und nicht vorbeiziehen zu lassen. Das Smartphone auch mal einen Tag wegzulegen und einfach nur zu beobachten, was das Leben um einen herum bereithält. Auf andere Menschen einzugehen, indem gelernt wird, sich selbt wieder wertzuschätzen und nicht zu streng mit sich selbst zu sein. Auf die eigenen Gefühle und Empfindungen zu hören, anstatt diese zu betäuben oder auszublenden.

Für Kae sind die wahren Künstler:innen diejenigen, die selbst jedes Mal beim Verfassen eines Textes oder im kreativen Prozess denken, dass sie scheitern. Und nicht diejenigen, die mit ihrer Kunst Geld verdienen:

Beim Schreiben gibt es keinen Erfolg. Es gibt immer nur ein geringeres Ausmaß des Scheiterns. […] Das ist die Realität des Künster:innendaseins, sie gibt den Kunstschaffenden die Ehrfurcht und den Respekt, der sie als gute auszeichnet.S. 89

Das Buch hält hierzu wirklich interessante Ansatzpunkte parat und richtet sich in vielen Ausführungen an Menschen, die selbst kreativ sind. Es kritisert den Leistungs- und Selbstoptimierungsdrang unserer Gesellschaft und fragt nach den Alternativen. Was die Stärke von Kaes Essay ausmacht, kann jedoch auch als Schwäche gesehen werden: Sind es nicht die kreativen Menschen, die sowieso schon mit wachem Blick durch die Welt gehen und versuchen, auf das eigene Ich zu hören? Sollte sich das Buch nicht vielmehr an all jene richten, denen das bisher noch nicht gelingt?

Das Inhaltsverzeichnis heißt „Running Order“, die einzelnen Kapitel sind einem Bühnenauftritt nachempfunden: Soundcheck, Support-Act, Rausgehen. Diese originelle Abgrenzung zum trockenen Sachbuch funktioniert anfangs leider nur bedingt, da die Zusammenhänge oft unklar bleiben. Doch spätestens im letzten Drittel, also den Kapiteln „Rausgehen“ und „Spüren, wie’s passiert“ schafft es Kae, die Leser:innen in Bann zu ziehen: Es wird emotional, lyrisch, rhythmisch – einfach Kae. Und diese letzten Seiten sind es auch, die vormals unklare Gedankengänge noch einmal geordnet zu Papier und auf den Punkt bringen.

„Verbundensein“ sei all denen ans Herz gelegt, die sich für Perspektiven zum Miteinander im aktuellen Zeitgeschehen interessieren. Autor:innen gibt es die Chance, sich darin wiederzufinden und eigenes Unbehagen Schwarz auf Weiß in einfühlsamer Sprache ausformuliert zu lesen. Vielleicht sogar, sich im eigenen Schaffen bestärkt zu fühlen. Ob es dem Anspruch gerecht wird, Alternativen für alle aufzuzeigen, oder bei einigen Leser:innen sogar für einen Aha-Effekt sorgt, sollte jede:r für sich selbst entdecken.

  • Autor: Kae Tempest
  • Titel: Verbundensein
  • Originaltitel: On Connection
  • Übersetzerin: Conny Lösch
  • Verlag: Suhrkamp Verlag / suhrkamp nova
  • Erschienen: April 2021
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 138
  • ISBN: 978-3-518-47164-7
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite
    Erwerbsmöglichkeiten
    Website von Kae Tempest


Wertung: 11/15 dpt




Verwendete Fußnoten im Text:
  1. Kae Tempest (ehemals Kate Tempest) gibt im August 2020 auf Twitter bekannt, dass sie non-binär ist, das heißt, sich selbst weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlt. Im englischen gibt es anstelle der weiblichen oder männlichen Pronomen (she/her oder he/his) eine weitere Form (they/them), für die eine deutsche Entsprechung fehlt. Um die Lesbarkeit dieses Texts zu erleichtern, werden hier, statt immer beide Formen zu nennen, weibliche Pronomen verwendet. Dies soll keinesfalls respektlos erscheinen, die deutsche Sprache stößt hier allerdings noch an ihre Grenzen.()
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