Peter Beeli – Wolfseisen (Buch)


Peter Beeli – Wolfseisen (Buch)

Wolfseisen - Davoser Totenreigen
© Zytglogge

Überleben im Mittelalter

Davos im Jahr 1430. Vor langer Zeit wurden erste Siedler hier heimisch, erhielten die Freiheit und sollten im Gegenzug Holz schlagen. Doch die letzten Jahre waren hart, die Arbeit immer schwerer, der Hunger immer größer. Die Unzufriedenheit mit Landammann Klein Martin wächst, weswegen der Gemeindevorsteher nach Arosa reitet, wo er sich Hilfe erwartet. Schwere Schneefälle setzen ein, machen ein Arbeiten draußen kaum mehr möglich. Wird die Nahrung für Mensch und Tier reichen? Vermutlich nicht, schon gar nicht für alle.

Käsesuppe.“
„Mehr Suppe als Käse.“
„Mit Arvenmehl.“
„Seid still und esst!

Klein Martin kehrt nicht zurück, der älteste Sohn Ulrich allerdings schon, er machte zuvor eine Alp winterfest. Mutter wundert sich über seine große, blutige Wunde am linken Arm. Er habe mit einem Wolfseisen besagten Wolf erschlagen wollen und sich dabei selber getroffen. Ob es so gewesen sein kann? Denn er hätte doch vermutlich als Linkshändler mit dem linken Arm zugeschlagen; wie kann er sich dann dort selber treffen?

Mein Siegelring wird zwei Wolfseisen tragen als Zeichen meiner Macht wird es überall im Tal und darüber hinaus zu sehen sein. Und das für alle Zeiten.“
„Warum nimmst du nicht den Wolf auf dein Wappen, wenn es soweit ist? Nur wir dürfen ihm nachstellen und ihn zur Strecke bringen.“
„Hast du nichts begriffen? Sie sind die Gejagten, nicht wir. Wir sind die Starken, die Schlauen.

Mutter erzählt den übrigen Kindern, dass der Vater vermutlich in Arosa überwintert, da er witterungsbedingt nicht zurückkehren konnte. Wenige Tage steht sein Pferd vor der Tür, wenngleich ohne Reiter. Die Mutter verfällt mehr und mehr, verzichtet zugunsten der Kinder auf ihr Essen. Tochter Ursula muss den Haushalt schmeißen, während die jüngeren Brüder Paul, Martin und Hans Peter in erster Linie die Tiere versorgen. Aber auch die Wölfe sind hungrig und so spitzt sich die Lage zu, als ein Wolf vier der neun Schafe reißt.

In Davos selbst beginnt derweil das große Sterben, die Hungersnot ist zu groß, die Kälte gibt vor allem Kindern und Alten den Rest. Nur Jöri Ambüel, der in großem Reichtum schwelgt, hat keine Sorgen, weswegen sich dort ein geheimnisvoller Fremder einquartiert haben soll. Ein dunkelhäutiger Mann, der an den Propheten glaubt, weswegen man ihn nie in der Kirche sieht. Genau genommen sieht man ihn gar nicht, aber jemand muss ja Schuld an dem ganzen Elend haben.

Euer Pfarrer hat sich seiner gerechten Bestrafung entzogen. Er ist bei der hochnotpeinlichen Befragung leider verstorben.

Das neue Jahr kommt und mit ihm Diethelm von Matsch der Vogt, der ganz eigene Interessen verfolgt. Doch es gilt wieder hart zu arbeiten, denn auf das Frühjahr folgt zwangsläufig der nächste Winter.

Atmosphärisch eindringlicher historischer Roman

Peter Beeli hat mit „Wolfseisen“ einen Kriminalroman, eher einen historischen Roman, geschrieben, der sehr intensiv und kleinteilig in die damalige Zeit entführt. Das entbehrungsreiche, harte Leben der Bauern im auslaufenden Mittelalter wird eindrucksvoll in Szene gesetzt. Man leidet mit der Familie von Klein Martin, dessen Schicksal zum Ende des Romans natürlich aufgeklärt wird. Wer sich für das Leben im Mittelalter interessiert, findet hier guten Lesestoff, der in unterschiedlicher Intention alles bietet, was man erwartet: Pfarrer, die das Elend der Menschen auf deren gottloses Leben schieben; ein Vogt mit undurchsichtigen Plänen; ein Familienoberhaupt (Ulrich) mit stark aufbrausendem Charakter; ungewöhnliche Liebesbeziehungen; ein Fremder, der alles schuld sein soll; ein reicher Mann, der die Not anderer ausnützt, um noch reicher zu werden; dazu Folter, Verrat, Schuld und Sühne. Ach ja, weitere Todesfälle nicht zu vergessen, wovon ein vermeintlicher Täter mit einem „üblen Foulspiel“ des Autors überführt wird. So sagt der Vogt: „Wie hätte er mit eingeschlagenem Schädel die Tasche weggeschafft?“ und fragt acht Seiten später völlig verwundert: „Ich habe Euch nicht verraten, wie er getötet wurde […] Woher wisst Ihr, dass er erschlagen wurde?“

Und wenn Ihr Euch irrt?“
„Wir irren uns nicht, weil es nicht um Gerechtigkeit, sondern darum geht, das Gleichgewicht wiederherzustellen.“
„Das Gleichgewicht?“
„Wie Auge um Auge, Zahn um Zahn wird der Tod mit einem Tod vergolten. Es geht nicht um Schuld, nur um Sühne.

Der Plot hat anfangs seine Längen, fast alles spielt sich im Mikrokosmos der Familie des Klein Martin ab, doch genau dieses vermeintliche Klein-Klein ist das Reizvolle an „Wolfseisen“. Zermürbend zieht die Zeit ins Land, Menschen sterben und können nicht beerdigt werden, da der Boden zugefroren ist. Gleiches gilt für den Brunnen und so stellt sich irgendwann die Frage, ob ein Tier geschlachtet werden muss, damit man wenigstens ein bisschen mehr als den alltäglichen Brei hat, der für alle längst nicht ausreicht. Aber wenn man eine Kuh oder ein Schaf schlachtet, hat man weniger Milch, somit weniger Käse und so weiter. Ein Teufelskreis. Im letzten Drittel des Romans nimmt die Handlung dann deutlich Schwung auf, zumal sich die Todesfälle mehren. Dabei scheint als Täter, so es sich denn überhaupt um Morde handeln sollte, nur Ulrich in Frage zu kommen; was man nach dem Eingangsszenario und dem blutenden, linken Arm annehmen muss. Doch manchmal trügt der Schein; hier etwa auch?

  • Autor: Peter Beeli
  • Titel: Wolfseisen
  • Verlag: Zytglogge
  • Umfang: 304 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: Oktober 2022
  • ISBN: 978-3-7296-5097-8
  • Produktseite


Wertung: 12/15 dpt


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