Die Erfindung des Tartan Noir

Laidlaw
© Kunstmann

Bud Lawson meldet sich um halb sechs an einem Sonntagmorgen bei der Polizei, um seine Tochter Jennifer, 18 Jahre jung, vermisst zu melden. Mit einer Freundin wollte sie gestern in die Disco „Poppies“ gehen und kam von dort nicht zurück. Detective Inspector Jack Laidlaw will zunächst abwarten, doch schon bald wird im Kelvingrove Park die Leiche des Mädchens gefunden. Vergewaltigt, nackt und ermordet. Laidlaw und sein ihm neu zugeteilter Detective Constable Brian Harkness wissen, dass die Zeit drängt, denn der Vater sinnt auf Rache.  

Sie werden mit Detective Inspector Laidlaw an dem Fall arbeiten. Er ist einer unserer wenigen konventionellen Mitarbeiter. Vielleicht haben Sie davon gehört.“ „Ich weiß, dass man sagt, er sei sehr gut, Sir.“ „Er kann sehr gut sein. Natürlich nicht so gut, wie er glaubt. Aber das ist schier unmöglich, so gut kann niemand sein.

John Rhodes, brutale Unterweltgröße in Glasgow, hat als Vater Verständnis für Lawson und will helfen. Derweil bittet Harry Rayburn, Inhaber des „Poppies“ und Freund des Mörders, den zwielichtigen Buchhalter Matt Mason, der ebenfalls in der Gangsterszene kein Unbekannter ist, bei der Flucht zu helfen. Mason bietet seine Hilfe an, jedoch nur um den Aufenthaltsort des Mörders zu erfahren, der unbedingt von der Bildfläche verschwinden muss. Wer wird den Täter zuerst finden? Von dieser Frage hängt dessen Überleben ab.

Auftakt der Jack-Laidlaw-Trilogie

William McIlvanney (1936-2015) gilt als der Begründer des schottischen Noir, der sich seit Jahren auch außerhalb Großbritanniens großer Beliebtheit erfreut. Dass McIlvanney zu Lebzeiten der ganz große Durchbruch verwehrt blieb, hat zwei Gründe. Er schrieb nur drei Kriminalromane („Laidlaw“, „Die Veitch-Papiere“ und „Falsche Treue“), die noch dazu in sehr großen Abständen erschienen (1977, 1983 und 1991). Gleichwohl genießt McIlvanney in Großbritannien Kultstatus, die Zeitung „The Guardian“ nannte ihn einst „Godfather auf tartan noir“, womit die schottische Variante des Noir gemeint ist. Im Buchumschlag wird Ian Rankin, der wohl bekannteste zeitgenössische Vertreter des Genres zitiert: „Ohne McIlvanney wäre ich wohl kein Krimiautor geworden.“ Viel mehr Lob geht nicht.

Denken Sie mal an Glasgow. In allen vier Ecken stehen diese Wohnsiedlungen. Drumchapel, Easterhouse, Pollok und Castlemilk. Wir haben den größten sozialen Wohnungsbau in Europa. Und was findet man hier? Kaum etwas anderes als Häuser. Architektonische Müllhalden, auf denen Menschen abgeladen werden wie Gülle. Architektur als Strafe. Die Glasgower müssen freundliche Leute sein, sonst hätten sie Viertel wie dieses schon vor Jahren niedergebrannt.

Wie bei einem Noir selbstredend üblich, ist die Grundstimmung eine sehr düstere. Die Ermittlungen führen zur Glasgower Unterwelt, wo seit jeher eigene Gesetze gelten. Hier gilt das gesprochene Wort, gezahlt wird mit Pfund oder der geballten Faust und gegenüber der Polizei hält man die Schnauze, was noch eine wohlwollende Formulierung ist. Gewalt oder deren nicht immer subtile Androhung sind an der Tagesordnung, in einer Welt, in der die Männer (und Väter) das Sagen haben. Auch in der Familie Lawson, wo Bud seiner Frau regelmäßig den Mund verbietet und seiner Tochter unlängst klarmachte, dass ihm ein katholischer Freund nicht ins Haus komme.

Niemand hier hatte etwas für Polizisten übrig. Im Westen Schottlands war das so was wie Volkskunst. Harkness hätte es wissen müssen. Sein Vater war einer der Kuratoren.

William McIlvanney schreibt in einer bildgewaltigen Sprache und bezieht die Stadt Glasgow durchgehend in die Handlung mit ein. Einen Stadtführer braucht es nach der Lektüre nicht mehr, gleichwohl lernt man überwiegend die tristen Arbeiterviertel kennen. Dazu einen kauzigen, widersprüchlichen und selbstgefälligen Protagonisten von der Crime Squad, der allzu oft Sachverhalte und sein eigenes Handeln anzweifelt. Eine ambivalente Figur, dessen Gedankengängen man nicht immer folgen kann, der aber stets auf Augenhöhe mit dem Verbrechertum seiner Stadt agiert. Sehr zum Missfallen von D.I. Ernest Milligan von der Central Division, dem Intimfeind von Laidlaw. Milligan arbeitet nach Vorschrift oder was er dafür hält und manchmal eben auch darüber hinaus. Ergebnisse zählen, nicht der (korrekte) Weg dorthin.

Seit 2012 wird übrigens der nach dem Autor benannte McIlvanney Prize für den besten schottischen Krimi vergeben. 2018 gewann diesen sein Sohn Liam McIlvanney für „Ein frommer Mörder“ („The Quaker“), der kürzlich im deutschen Buchhandel erschienen ist. Ein guter Anlass, auch den Altmeister des Genres kennenzulernen oder wiederzuentdecken.

  • Autor: William McIlvanney
  • Titel: Laidlaw
  • Originaltitel: Laidlaw (1977). Aus dem Englische von Conny Lösch
  • Verlag: Kunstmann
  • Umfang: 304 Seiten
  • Einband: Hardcover
  • Erschienen: September 2014
  • ISBN: 978-3-88897-967-5
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite 


Wertung: 13/15 dpt


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