Lotte Kinskofer – Zum Sterben zu viel

Überschaubare Szenerie, steigende Anspannung

Lotte Kinskofer bietet in „Zum Sterben zu viel“ einen sehr ruhigen, ungewöhnlichen Plot, welcher mit viel Dialekt dargeboten wird.
© ars vivendi

München/Pasing. 1922. Der junge Schreiner Benno Stöckl ist auf Empfehlung des Heimatdichters Carus von Waldfels zu Besuch bei dessen Nachbarn, dem Anwalt Wolf Strate, um mit dessen Frau Helene die neu gewünschte Kassettendecke zu besprechen. Währenddessen erhält Strate Besuch von Oberkommissär Benedikt Wurzer und dessen Partner Löffler, weil am Vorabend in der Nähe des Bahnhofs besagter Heimatdichter erstochen wurde. Durch eine unbedachte Äußerung macht sich Benno verdächtig, da der als Weiberer bekannte Dichter einmal Bennos Frau Agnes, wenngleich erfolglos, Avancen gemacht hat.

Für Wurzer kein Motiv, doch der ebenso einfältige wie ehrgeizige Löffler präsentiert am nächsten Morgen im Polizeipräsidium in der Ettstraße die Lösung des Falles. Mord aus Eifersucht. Wurzer ist empört, da jegliche Beweise fehlen, doch sein Chef Markstein fordert die Festnahme des Schreiners. Endlich mal ein schneller Erfolg der Polizei, eine perfekte Ablenkung für das bisherige Versagen bei der Aufklärung eines sechsfachen Mordes in einem Einödhof.

Er wusste ohnehin, was auf ihn zukam. Sein Vorgesetzter würde schnelle Ergebnisse fordern, schließlich war von Waldfels ein Prominenter. „Ein verdientes Mitglied dieser Gesellschaft“ würde ihn Markstein nennen und seinem Namen dabei alle Ehre machen: Markig würde er reden und kalt wie ein Stein.

Strate will für Benno kämpfen, während Agnes um die Zukunft ihres Betriebes fürchtet. Auch die beiden kleinen Mädchen des Ehepaares geraten ins Blickfeld, denn diese wohnen bei Bennos Eltern in einem kleinen Dorf. Wenn sich dort erst herumspricht, dass ihr Vater als Mörder einsitzt, sind sie gebrandmarkt. Auch hier bietet Strate Hilfe an: Die Mädchen könnten bei ihm einziehen, zumal sich Helene schon immer Kinder gewünscht, aber selber nie welche bekommen habe. So wären sie auch näher bei der Mutter.

Der Krimiplot entwickelt sich träge, dennoch wird es mit jeder Seite unangenehmer

Lotte Kinskofer bietet in „Zum Sterben zu viel“ einen sehr ruhigen, ungewöhnlichen Plot, welcher mit viel Dialekt dargeboten wird. Die wichtigen Figuren wurden fast alle vorgestellt: Benno und Agnes, Wolf und Helene Strate, Wurzer und Löffler. Viel mehr werden es nicht, wobei noch zwei wichtige Figuren fehlen. Martha, das Hausmädchen der Strates, die sich über den „Familienzuwachs“ ihrer Arbeitgeber freut und Korbinian, der Geselle von Benno, der sich in dessen Abwesenheit für Agnes zu interessieren scheint.

Jetzt aber waren Männer wie Markstein wieder fest im Sattel. Die meisten wählten die BVP, schimpften auf Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden, gelegentlich auf die Preußen und wussten nicht so recht, was sie von der neuen Hitlerpartei halten sollten. Sie machten aber das Maul lieber nicht zu weit auf, man wusste ja nicht, wie es weiterging mit der Regierung und dem Staat, nichts war mehr so gewiss wie vor dem Krieg, und verderben sollte man es sich am besten mit niemanden.

Durch die schnelle Verhaftung sind Wurzer zunächst die Hände gebunden, der Krimiplot verabschiedet sich alsbald für einige Zeit. Stattdessen stehen Agnes und ihre Probleme im Mittelpunkt. Wie die Schreinerei am Laufen halten, wie mit Korbinian umgehen und wohin mit den Kindern? Und später: Was es wirklich eine gute Idee, die Töchter den Strates zu überlassen? Die Kinder haben bislang ein entbehrliches Leben kennengelernt, bei den reichen Strates werden sie verwöhnt. Wollen sie dort wieder weg und werden die Strates sie überhaupt wieder hergeben?

Als ein zweiter Mord mit gleichem Muster stattfindet wird selbst Löffler klar, dass Benno nicht der gesuchte Mörder sein kann. Bis dahin droht jedoch großes Unheil von ganz anderer Stelle. Immer dunklere Wolken ziehen auf, nicht allen ist die Gefahrenlage bewusst. Am Ende findet Wurzer doch noch einen Ermittlungsansatz und erkennt das erschreckende Mordmotiv. Bis es soweit ist, erfährt man im Hintergrund noch einiges, wenngleich wohldosiert, über die gesellschaftliche und politische Lage in einer Zeit, die von täglich steigender Inflation und knappen Lebensmitteln geprägt ist und in der auch die Nachwirkungen des Weltkrieges allgegenwärtig sind. Nicht alle, die vom Land in die Stadt ziehen, in der Hoffnung auf ein neues, besseres Leben, werden dieses vorfinden. Auch davon erzählt „Zum Sterben zu viel“.

  • Autorin: Lotte Kinskofer
  • Titel: Zum Sterben zu viel
  • Verlag: ars vivendi
  • Umfang: 282 Seiten
  • Einband: Taschenbuch
  • Erschienen: März 2021
  • ISBN: 978-3-7472-0233-3
  • Sonstige Informationen:
    Produktseite


Wertung: 12/15 dpt

 


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